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Titel

Denn siehe, der HERR wird kommen mit Feuer und seine
Wagen wie ein Wetter, dass er vergelte im Grimm seines Zorns
und mit Schelten in Feuerflammen.

Jesaja 66,15

Was innerliches Licht war, wird zur verzehrenden Flamme,
die sich nach außen wendet.

Karl Marx

Im Sommer und noch im milden Frühherbst nutzte Beermann jede freie Stunde für seine neue Leidenschaft: Schmetterlinge – ausgelöst durch einen Zeitungsartikel, der von einem bedauerlichen Rückgang aller Schmetterlingsbestände wusste. Die zarten Kreaturen seien das auffälligste Opfer moderner Schädlingsbekämpfung. Seltenere Arten seien vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben.

Vielleicht hatte ihn auch ein sommerliches T-Shirt angeregt, das Bettina gern spazieren trug und das mit einem Lao­tse-Zitat bedruckt war:

Was für die Raupe das Ende der Welt ist,

nennt der Rest der Welt Schmetterling.

Jedenfalls streifte Beermann auf einmal forschend durch den Pfarrgarten, musterte Büsche und Blütenstände und hoffte, dass ein Falter auffliegen und nektartrunken an ihm vorübersegeln würde. Häufig kam das allerdings nicht vor. Am ehesten verirrte sich mal ein ordinärer Kohlweißling von den stadtnahen Feldern in seine Blumenbeete oder ein Zitronenfalterpärchen vollführte Liebestänze über dem blumenreichen Rasenstück. Beermann konnte sich nicht erinnern, in den vergangenen Jahren ein Pfauenauge oder einen Admiral gesichtet zu haben.

Es lag ihm nicht daran, Schmetterlinge zu fangen oder gar zu sammeln. Ein Graus waren ihm die hinter Glas zur Schau gestellten Insektenleichen, die mit dünnen Stecknadeln durch Leib und Flügel auf einen Karton geheftet wurden und ihm immer wie eine Galerie aus Gekreuzigten erschienen. Sein Großvater hatte diese Art einer mörderischen Ästhetik betrieben, aber schon sein Vater hatte sich geweigert, die Sammlung als Teil des Erbes zu übernehmen.

Bettina begrüßte die unverhofft aufgebrochene Liebhaberei ihres Mannes und meinte, sie verhelfe ihm zu regenerativen Pausen. Die brauche er umso dringender, je älter er werde und je nachhaltiger ihn die Pfarramtsgeschäfte strapazierten.

Am späten Sonntagnachmittag, kurz bevor Flözer mit seinem Pedelec vorbeikam und seltsame Nachrichten brachte, glückte Beermann die glanzvollste Entdeckung: ein Schwalbenschwanz über lilafarbenem Phlox. Der Schmetterling taumelte herum, unschlüssig, auf welcher Blüte er sich niederlassen sollte, und Beermann hätte ihn nur zu gern festgehalten, ohne ihn fangen zu müssen. Doch wie sollte er das machen? Bettina hatte kürzlich einen herumstreunenden Igel angeschleppt und im dichten Farn der Gartenecke versenkt in der Hoffnung, er werde bleiben und unter den gefräßigen roten Schnecken aufräumen, die ihre Pflanzen ruinierten. Aber der Igel hielt es nicht lange aus. Wie sollte Beermann dann erst einen geflügelten Herumtreiber zum Verweilen in seinem Garten bewegen können?

Der Schwalbenschwanz war ein Prachtstück, das mit zitternden Fühlern einen geeigneten Rastplatz suchte. Als das gelungen war, breitete er seine Flügel aus wie ein Mannequin seine Abendgala auf dem Laufsteg. Beermann pirschte sich vorsichtig heran. Mit angehaltenem Atem bestaunte er die Zeichnung des Schmetterlings, die mit schwarzen Linien in unterschiedliche Segmente aufgeteilten, gelb leuchtenden Flügelflächen; die rostbraunen Augenflecken an den hinteren Flügeln, die sich, blau getupft, am Ende schwanzartig verjüngten. Theologen der Aufklärung hatten aus solchen Wunderwerken der Schöpfung auf einen göttlichen Gestaltungswillen geschlossen und Gottes Existenz aus der Natur beweisen wollen. Soweit mochte Beermann nicht gehen, auch wenn ihn der Anblick des Falters faszinierte. Was so schön ist, kann eigentlich kein Zufall sein, dachte er, und eine Notwendigkeit gleich gar nicht. Das Notwendige ist immer karg und reduziert aufs Unerlässliche. Verschwen­de­risch dagegen ist das mehr als Notwendige. Verschwenderisch ist die Gnade. Oder der Liebe. Oder beides zusammen.

Vertieft in solche Betrachtungen hatte er zunächst gar nicht beachtet, dass Flözer sein Rad in den Garten geschoben und am nächsten Birkenstamm abgestellt hatte. Nun eilte er, den Schutzhelm noch auf dem Kopf und mit altmodischen Klammern an den Hosenbeinen, auf den ins Anschauen vertieften Beermann zu.

»Mensch, Beermann, was sind das für Zeiten!«, rief er, und der Angerufene merkte, wie es ihn verstimmte, dass der Falter aufflog und über die Gartenhecke hinweg das Weite suchte.

»Das war ein Schwalbenschwanz. Überhaupt der erste, den ich in unserem Garten angetroffen habe«, sagte Beermann in leiser Verzweiflung über das abrupte Ende seiner Beobachtungen, »du hast ihn verschreckt.«

Flözer rührte das gar nicht. Er baute sich dicht vor Beermann auf, stieß ihn mit der Faust vor die Brust und erklärte: »Stell dir vor, Beermann, Hus ist beinah verbrannt!«

Dieser verblüffenden Nachricht war Beermann im Augenblick nicht gewachsen. Er schüttelte den Kopf, stierte den Kollegen an, der gebannt auf eine Reaktion des Entsetzens wartete, und meinte: »Wieso beinah? Hus ist nicht beinah verbrannt, sondern wirklich und vollständig und bei lebendigem Leibe. Vierzehnhundertfünfzehn beim Konzil in Konstanz.«

Flözer konnte sich einen kurzen Lacher nicht verkneifen. Er schlug Beermann mit seiner rechten Pranke auf die Schulter und stellte fest: »Beermann, wo träumst du bloß herum? Ich rede nicht vom böhmischen Hus und seinem traurigen Schicksal – warum auch? – sondern von unserem Mitbruder und Kollegen Friedemann Hus, drüben in der Weststadt.«

Allerdings, es gab diesen Pfarrer Hus, auf den Beermann in seiner geistigen Entrückung nicht sofort gekommen war, einen ziemlichen Haudegen in der Soldateska Christi, und manche nannten ihn auch unverblümt eine Wildsau im Weinberg des Herrn. Seine Eltern waren zum Kriegsende aus Ostpreußen zugewandert und hatten sich im Remstal niedergelassen, wo sie mit der Zeit heimisch wurden und eine Weinwirtschaft betrieben. Friedemann Hus, ein durchaus ostpreußisches Naturell, hatte also eine schwäbische Sozialisation erfahren und redete mit einer unverwechselbaren Mischung aus ostpreußischen und schwäbischen Tönungen. Das hinderte ihn freilich nicht, sich als Mundartprediger einen Namen zu machen. Die Kollegen im Bezirk registrierten mit Staunen, teilweise auch mit Neidgefühlen, wie die Menschen scharenweise unter seine Kanzel pilgerten, um den phonetisch eigenwilligen, aber anscheinend kurzweiligen Ansprachen zu lauschen. Zum anständigen Prediger bringt er’s nicht, weil er theologisch ein Dünnbrettbohrer ist, und zum Kabarettisten taugt er auch nicht mit seiner Altbackenheit, höhnten manche, die sich mit solcher Einschätzung über eigene Erfolglosigkeiten hinwegtrösteten.

»Hast du kapiert?«, drängte Flözer, der Beermann jetzt mit beiden Händen an den Schultern gefasst hatte und schüttelte. »Hus ist beinah verbrannt. Mitten in seiner Kirche! Morgen wird es in der Zeitung stehen.«

Was war passiert?

Friedemann Hus hatte sich im Untergeschoss seiner Kirche aufgehalten, der ›Krypta‹, wie er hochtrabend zu sagen pflegte, und hatte sich dort zu schaffen gemacht. Das gehörte zu seinen Passionen. Als er bei seinem Amtsantritt vor Jahren den Kellerraum zur Rumpelkammer erniedrigt fand, hatte er beschlossen, ihn vollkommen umzugestalten und einen Raum der Stille daraus zu machen. Er warf damals alles überflüssige Zeug hinaus, bestückte die Nische am Kopfende des Raums mit einem hölzernen Altartisch, setzte Kerzenständer darauf, hängte Ikonen an die Wände und verteilte Meditationsbänkchen in den Ecken. Auf einem Lesepult vor dem Altar hatte er ein Buch aufgeschlagen. Nicht die Bibel, sondern eine Sammlung von Stundengebeten und religiösen Weisheitssprüchen.

Vor Wochen war er darangegangen, alles neu einzurichten. Mit unerschöpflichem Eifer hatte er Materialien zusammengetragen, die in loser Verbindung zum fünfhundertjährigen Gedenken an die Reformation standen. Alte Lutherbibeln waren darunter, einige sogar in prächtigen Ledereinbänden. Dazu Bilder, vergilbte Stiche, Porträts namhafter Personen aus der Kirchengeschichte und Ko­pien deftiger Flugblätter aus der Reformationszeit. Das Gesammelte hatte er, sorgfältig mit erklärenden Texten versehen, in Vitrinen und Schaukästen untergebracht und, auf Tafeln befestigt, an den Wänden entlang aufgereiht. Die Ausstellung war seine persönliche Idee gewesen, sein origineller Beitrag zum Jubiläum, wie er es nannte. An jedem Mittwochabend lud er zu einer Gedenkstunde ein, las Abschnitte aus Luthers Predigten, auch mal Kurzweiliges aus dessen Tischreden, und sang dröhnend die ›feste Burg‹, mit allen Strophen. Zwar blieb das Publikumsinteresse dürftig, im Gegensatz zu seinen Mundartpredigten in der Kirche, aber das irritierte ihn nicht. Ein Aufrechter kennt keine Niederlagen.

Und nun war er also dabei, die Auslagen einer Vitrine neu zu ordnen, als die Tür zu seinem Ausstellungsraum krachend zuschlug. Er warf den Kopf herum und sah die Plakatwand am Eingang in Flammen aufgehen. Nach einem Augenblick der Handlungsunfähigkeit, der ihn immerhin erkennen ließ, dass das Feuer gierig um sich griff und im Nu eine Schautafel sowie Bildbände auf einem Seitenbord erfasst hatte, beeilte er sich zu löschen, was sich löschen ließ. Er warf seine Jacke über brennende Bücher und wollte hin­aus, um Wasser zu holen. Doch die Tür war verschlossen. Er trommelte mit beiden Fäusten dagegen und begann zu schreien, aber nichts bewegte sich. Die Wahrscheinlichkeit, gehört zu werden in seinem abgelegenen Kellerloch, war gering. Hus drehte sich um, riss sich sein Hemd vom Leib und benutzte es zu Versuchen, die Flammen auszuschlagen. Aber wenn’s ihm an einer Stelle gelang, loderte es an anderen nur heftiger auf, er überblickte fassungslos das wachsende Inferno. Wie war das möglich? Als Rauch aufstieg, der sich rasch im Raum ausbreitete, presste er sein Taschentuch vor Mund und Nase und konnte trotzdem nicht verhindern, dass ihn Hustenanfälle überkamen. Er stürzte noch einmal zur Tür, trat mit Füßen dagegen und brüllte um Hilfe. Der Schrecken über den schlimmen Verlust seiner Sammlung wich einer größeren Panik: Wenn kein Rettungswunder geschah und er, unbeachtet von aller Welt, in seinem unterirdischen Heiligtum eingeschlossen blieb, dann musste er qualvoll ersticken oder ein Opfer der Flammen werden.

Dass jemand rief und von außen an die Tür polterte, vernahm er noch wie aus weiter Ferne. Erst im Sanitätstransporter, der mit Blaulicht und Martinshorn zur Notfallklinik raste, wachte er auf. Ein begleitender Arzt legte Kabel und Kanülen und nahm erste Behandlungen seiner versengten Hautpartien vor. Hus merkte wenig davon. Er fiel zurück in einen Betäubungszustand, der auf der Intensivstation – von den Medizinern sorgfältig gesteuert – langsam aufgehoben wurde.

»Ist ja entsetzlich«, wusste Beermann bloß zu erwidern, als Flözer seinen Bericht zu Ende gebracht hatte, »und wie geht’s ihm inzwischen?«

»Er ist bei Bewusstsein, aber nun auch wieder eingenommen von allen Schmerzen. Ich habe ihn vorhin besucht, solange man mich ließ. Ich sei selber Seelsorger wie der Verunglückte, gab ich an, und komisch, dieser armselige Ausweis öffnet immer noch viele Türen.«

»Wird er durchkommen?«

»Vermutlich ja. Die Ärzte legen sich ungern fest, wenn’s noch einigermaßen auf der Kippe steht.«

»Und er konnte dir mitteilen, wie es zuging mit dem Brand in seinem frommen Bunker?«

»Etwas, ja. Aber sehr stockend und mit Gedächtnislücken. Aus seinem Gestammel konnte ich mir aber den Hergang des Unglücks ganz gut zusammenreimen.«

Beermann lud seinen Gast zu den Gartenstühlen unterm Apfelbaum.

»Magst du ein Bier, ein Wasser?« fragte er. Flözer dankte. Er wolle sich nicht lange aufhalten.

»Du hast vorhin von einem Unglück gesprochen«, hakte Beermann nach. »War’s ein Unglück?«

Der Kollege schaute vor sich hin und trat mit dem Schuh­absatz unschuldige Gänseblümchen in den Boden.

»Weiß man nicht«, sagte er endlich, »die Polizei wird ihre Untersuchungen anstellen. Hus selber hat keine Ahnung, weil er vorläufig das Ganze nicht überblicken und beurteilen kann, und ich denke: Es war kein Unfall. Es war ein Anschlag. Jemand hat das Feuer geplant und vorsätzlich gelegt. Vielleicht, um die Ausstellungsstücke zu vernichten. Vielleicht auch, um Hus zu töten.«

Ob er ihr nicht ein zweites Bett zur Verfügung stellen könne, hatte die Vikarin gefragt, als Beermann ihr die Dienstwohnung im Obergeschoss des Pfarrhauses zeigte.

»Ein zweites Bett, wieso?«, hatte er etwas verwundert gefragt. Worauf sie schnippisch zur Antwort gab: »Oder möchten Sie etwa, dass ich mit meinem Freund unter einer Decke stecke?«

Beermann hatte säuerlich gelächelt und der jungen Kollegin erzählt, dass heiratswillige Kandidaten früher ihre angehenden Bräute dem Oberkirchenrat zur Musterung vorzuführen hatten.

»Ach«, meinte die Vikarin, »aber das ius primae noctis hat man damals doch schon nicht mehr praktiziert?«

Jetzt saßen sie sich in Beermanns Amtszimmer gegenüber, mit aufgeschlagenen Bibeln auf den Knien. Beermann benutzte seine Luther-Ausgabe, Vikarin Kathrin Engelhart bevorzugte eine neue Übersetzung aus feministischer Perspektive. Sie war seit einer Woche im Pfarramt und Beermann zur Ausbildung anvertraut und er hatte sie zu einem biblischen Textgespräch vor ihrer ersten Predigt gebeten. Einen exegetischen Diskurs auf Augenhöhe stellte er sich vor, wobei er sich selber Zurückhaltung auferlegte. Er wollte nicht glänzen und auch nicht belehren. Sein professioneller Vorsprung würde sich von allein zeigen, es brauchte keine Demonstrationen dazu.

Vikarin Engelhart hatte ihr Haar zum Pferdeschwanz gebunden und trug ein beigefarbenes Top über verschossenen, an beiden Beinen durch ausgefranste Löcher ver­edelten Jeans. Sie blätterte in ihrem Buch und streifte Beermann mit kritischem Blick. »Versteh gar nicht, dass Sie immer noch den alten Luther verwenden«, sagte sie.

»Sie nehmen lieber die ›Bibel in gerechter Sprache‹«, entgegnete Beermann. »Ich dachte immer, dass Sprache korrekt oder fehlerhaft sein kann, aber nicht moralisch, weder gerecht noch ungerecht.«

»Das ist es ja gerade«, konterte die Vikarin prompt, »dass Männer überhaupt kein Gefühl dafür haben, wie ausgrenzend eine Patriarchensprache auf die weibliche Hälfte der Bevölkerung wirken muss.«

Beermann holte tief Luft und schlug vor, den Predigttext anzusehen, die Bergpredigt übers Beten. Eine Weile schwiegen sie bei stiller Lektüre, dann bat Beermann die Vikarin, ihre Übersetzungsversion laut zu lesen. Sie begann: »›Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel…‹« Beermann ertappte sich dabei, dass er die Lesung am liebsten gleich unterbrochen hätte und dass es ihm unmöglich war, weiter hinzuhören. Als die Vikarin geendet hatte, legte er los: »›Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel…‹ Hier stock ich schon, wer hilft mir weiter fort? Dass ›Gott‹ als Begriff im Urtext gar nicht vorkommt, kann ja noch hingenommen werden, weil anscheinend gar nicht übersetzt, sondern paraphrasiert werden soll. Auch, dass sprachlich aus einer eindeutigen Anrede (›Vater unser‹) eine zweideutige Erklärung (›Du bist uns…‹) gemacht wird, kann ich verkraften. Aber ›Vater und Mutter im Himmel‹? Warum nicht gleich Oma und Opa dazu? Sonst könnten sich doch die Alten am Ende ausgegrenzt fühlen. Nein, meine Teure, eine Übersetzung ist eine philologische Aufgabe und kein therapeutisches Experiment.«

»Ihre ›Teure‹ bin ich nicht, Herr Beermann, und lege auch keinen Wert darauf, zu einem Bruchteil Ihres sexistischen Weltbildes zu werden«, sagte die Vikarin kühl und schloss ihre Bibel. »Ich bin dafür, unseren Versuch fürs erste abzubrechen. Kann mir nicht vorstellen, dass beim Meinungsaustausch mit Ihnen irgendetwas Wichtiges für meine Sonntagspredigt herausspringen sollte.«

Die Tür schlug hinter ihr zu, und Beermann hockte verblüfft auf seinem Stuhl, als sei ihm eine Ohrfeige verpasst worden. Sexistisch also. Er war einer von denen, die Frauen mobbten? Sie aus tiefstem Herzen verachteten? Der ihnen bei jeder Gelegenheit zu verstehen gab, dass sie fehl am Platze waren? Und zwar fehl an jedem Platz, wo ein bisschen Grips und ein bisschen Führungsqualität gefragt sind? Seinen Luther legte er beiseite. Das konnte ja noch heiter werden mit der Neuen, die von allen Angelegenheiten des Pfarramtes keinen Schimmer hatte, aber die Frechheit aufbrachte, ihn wie einen dummen Jungen zu behandeln. Er merkte, wie es zu kochen anfing in ihm. Vielleicht sollte er sofort den Dekan benachrichtigen, dass eine Zusammenarbeit mit Frau Engelhart unmöglich sei und dass er um einen anderen Vikar, ja, ausdrücklich einen Vikar bitte. Er unterließ es, weil er rechtzeitig die Gefahr erkannte, sich ziemlich übel zu blamieren.

Ins Sekretariat wollte er momentan auch nicht. Eine feixende Brotbeck, die womöglich noch Andeutungen von der empörten Vikarin aufgeschnappt und wie ein Praliné gelutscht hatte, wäre ihm zu viel geworden. Darum setzte er sich hinter seinen Schreibtisch und blätterte in der Tageszeitung. Den Bericht über die verbrannte Ausstellung des Kollegen Hus und dessen eigene Verletzungen entdeckte er im Lokalteil und las ihn mit wachsender Aufmerksamkeit.

Die Polizei zweifelte nicht daran, dass ein Anschlag stattgefunden hatte. Beermann kam in den Sinn, dass bei einer Terroraktion immer von einem ›feigen Anschlag‹ die Rede war. Hier also bloß von einem Anschlag. Auf Pfarrer Hus persönlich oder auf seine Ausstellung. Die von außen verriegelte Kellertür war der deutlichste Hinweis. Dazu die rasante Geschwindigkeit der Brandentwicklung. Es mussten Beschleuniger benutzt worden sein, absichtlich und gezielt vergossenes Benzin. Dass Hus nichts davon bemerkt hatte, war seiner intensiven Beschäftigung an einer Vitrine zuzuschreiben. Außerdem hörte er schlecht und trug nur bei Auftritten in der Öffentlichkeit ein Hörgerät.

Ungeklärt blieben vorläufig die Umstände seiner Rettung. Irgendjemand musste die verschlossene Tür im letzten Augenblick geöffnet und den bereits Bewusstlosen ins Freie geschleppt haben. Möglicherweise der Brandstifter selbst. Es hatte jedenfalls einen anonymen Notruf gegeben, mit exakter Angabe des Tatortes, sodass der Verletzte rasch aufgefunden und geborgen werden konnte. Auf der Intensivstation wurden erste Äußerungen von ihm festgehalten. Sie waren widersprüchlich und brachten nicht viel Licht in die Sache. Ein Polizeisprecher betonte, dass jetzt in erster Linie nach dem Brandstifter gefahndet werde. Aber dazu sei es vordringlich herauszufinden, ob der Anschlag nun der Person des Pfarrers oder den Objekten seiner Ausstellung gegolten habe. Wurde Pfarrer Hus nur zufällig ein Opfer des Feuers, weil er sich unglücklicherweise in seiner ›Krypta‹ aufhielt, die zerstört werden sollte? Oder verbrannte der größte Teil der Ausstellung, weil der Pfarrer in seinem geliebten Kellerraum am leichtesten anzutreffen und zu erledigen war?

Zum monatlichen Konvent seiner Pfarrerschaft hatte der Dekan einen Hirnforscher eingeladen. Berichte über sensationelle Forschungsergebnisse hatten zu Debatten geführt, allerdings auch Kopfschütteln hervorgerufen. Im menschlichen Gehirn sei eine Art Gotteszelle entdeckt worden, hieß es, eine kleine gallertartige Zone, die dafür verantwortlich sei, dass beim homo sapiens überhaupt religiöse Vorstellungen entstehen und sich verfestigen könnten. Auch mit dem freien Willen sei es nicht so weit her. Experimente hätten ergeben, dass konkrete Entscheidungen im Gehirn bereits konditioniert seien, bevor die handelnde Person sie aktuell vollziehe. Das Thema des Vormittags war reißerisch aufgemacht und hieß: ›Gott – eine Kopfgeburt?‹

Der Referent erwies sich als nüchterner Mann. Er beschränkte sich auf wissenschaftliche Ergebnisse und vermied Ausflüge ins Spekulative. Die versammelten Pfarrer hörten viel über komplizierte Mechanismen im Großhirn und wenig über Ursprünge des Religiösen und über die Sache mit Gott. Die Spannung ließ nach, die Aufmerksamkeit sank, man war nicht Theologe geworden, um ein medizinisches Kolleg abzusitzen.

Die Diskussion nach dem Referat war entsprechend schlapp. Früher als gewöhnlich machte man Pause, schlenderte zu den Kaffeekannen, bildete Gesprächsgrüppchen. Die aufgeworfenen Fragen des Fachreferenten wurden hier und da noch mit einer flapsigen Anmerkung bedacht und verliefen rasch im Sande. Thema wurde jetzt der Anschlag auf den Kollegen Hus. Dass er nicht bloß Freunde hatte in seiner Gemeinde und in der Stadt überhaupt, war ein offenes Geheimnis; doch eine Gewalttätigkeit deswegen mochte niemand annehmen. Ein alter Hase im Kollegium, der immer die Flöhe husten hörte, wusste von einem moralischen Ausrutscher des Mundartpredigers. Da habe es wohl eine Affäre mit einer Kirchengemeinderätin gegeben – einer verheirateten Frau. Genaues wisse niemand, weil man viele Deckel über die pikante Sache gestülpt habe, auch von Seiten des Dekans. Aber unter manchem Deckel brodle es eben, und man wisse nie, zu welchen Schritten ein gehörnter Ehemann oder ein aufgeschreckter Sittenwächter imstande wären. Hus selber sei auf die Angelegenheit überhaupt nicht ansprechbar. Er reagiere sofort allergisch und mache dicht.

Natürlich kam außerdem der zunehmende Vandalismus in Kirchengebäuden zur Sprache. Ein Skandal. Lange Zeit hatte die Herrschaft der Mesner dafür gesorgt, dass die evangelischen Kirchen werktags geschlossen blieben. Aus mancherlei Gründen. Am Ende war die Bastion gefallen, weil die Öffentlichkeit wenigstens in alten Kirchen nicht allein Gotteshäuser, sondern auch Objekte der Kunstgeschichte sah. Man machte die Tore auf, und herein spazierten nicht nur Kunstsinnige, sondern ebenso Kleinkriminelle und Zerstörungswütige. Den Opferstock zu knacken, war dabei schon eher aus der Mode gekommen. Es musste sich in der Szene herumgesprochen haben, dass es kaum lohnte. Die paar lausigen Münzen, die man kassierte, standen in keinem Verhältnis zum Aufwand, der zu betreiben war, um ihrer habhaft zu werden. Schwerer wog, dass auch entwendet wurde, was eigentlich fest verankert schien. Bilder zum Beispiel. Unlängst hatten Gewitzte den kompletten Seitenflügel eines Triptychons abmontiert und davongeschleppt, obwohl das Ganze durch Alarmanlagen gesichert sein sollte. In einem anderen Fall war die Figur eines Apostels von ihrem Sockel weggebrochen worden, und man rätselte, ob das nun reine Lust am Zerstören war oder ob der steinerne Apostel auf einem schwarzen Kunstmarkt in Bares umgetauscht werden konnte.

Hinzu kamen Schmierereien aller Art: durch Farbbeutel, die wahllos über Wände und Bänke ausgeleert wurden. Oder mit Sprühflaschen, die man einsetzte, um seiner antikirchlichen Gesinnung einen farbigen Ausdruck zu verleihen. Es war sogar vorgekommen, dass in der neu eingerichteten Spielecke für Kinder verschiedene Gegenstände aus Holz angekokelt wurden. Das war keine große Brandstiftung, aber doch ein verächtliches Zündeln. Und jetzt war aus dem Zündeln doch ein massiver Brandanschlag geworden. Beinahe mit Todesfolge.

Nach dem Konvent wurde Beermann von seinem Dekan beiseite genommen: »Sagen sie, was halten Sie von der Geschichte mit Hus?«

Beermann zuckte die Achseln: »Ich weiß es nicht.«

»Aber eine Vorstellung haben Sie doch sicher, Beermann, eine Ahnung, einen Verdacht.«

»Nein.« Beermann stellte sich stur.

Der Dekan tippte ihm vertraulich mit dem Zeigefinger vor die Brust: »Keine falsche Bescheidenheit! Sie mit Ihrem Instinkt. Um nicht zu sagen – mit Ihrer Erfahrung. Weiß doch jeder unter uns. Der Pater Brown in unseren Reihen. Sie haben die gewisse Witterung und sind dem Täter bereits auf der Spur, bevor die anderen ihre Zeitung aufgeschlagen haben, um etwas Neues zu erfahren über den Fall.« Der Dekan lächelte verschwörerisch, und Beermann konstatierte, dass er von ihm noch nie eine Anerkennung über seine theologische Arbeit vernommen hatte.

»Wissen Sie«, entgegnete er deshalb, »ich bin Gemeindepfarrer, und zwar nach Ihrem Urteil vermutlich ein ziemlich mittelmäßiger. Ich erledige meine Hausaufgaben und fühle mich nicht zu Höherem berufen. Gar nicht. Weder auf der kirchlichen Karriereleiter noch anderswo, am wenigsten im Dunstkreis der Kriminalpolizei.«

Der Dekan lächelte immer noch: »Sie brauchen mir nichts zu verraten und auch nichts zu versprechen, natürlich. Aber glauben Sie mir: Ein Kriegsherr kennt seine Pappenheimer und ein Dekan seine Pfarrerskollegen. Nichts für ungut, Beermann. Die Sache mit Hus ist eine seltsame Kiste, und es wäre nicht übel, wenn Sie da mal ein bisschen herumschnüffeln könnten. Ganz unverbindlich und ohne jede Absicht, versteht sich. Übrigens glaube ich nicht an ein Attentat auf Hus selber. Das Feuer zielte bestimmt auf seine Ausstellung. Vielleicht nur auf ein einzelnes Exponat, das eine Provokation darstellte in den Augen des Täters.«

»Mag sein«, erklärte Beermann mit übertriebener Gleichgültigkeit, »die Polizei wird’s herausfinden.«

Seinen Besuch hatte Beermann nicht erwartet. Erwin klingelte auch nie an der Pfarramtstür wie andere Schnorrer, die sich auf der ›Durchreise‹ befanden und um ein Butterbrot baten. Gewöhnlich wimmelte Beermann sie ab, bis auf einen, den Baron, der nur einmal im Jahr vorstellig wurde, regelmäßig kurz vor Weihnachten. Der Baron achtete peinlich genau auf Kleidung und gute Manieren und verstand es, jedes Mal eine abenteuerliche Schicksals­episode aus seiner jüngsten Vergangenheit aufzutischen, die phantasiereich erfunden und glänzend komponiert war. Beermann schätzte die Erzählungen des Barons, lud ihn in sein Amtszimmer, glaubte ihm kein Wort und honorierte die Vorstellung mit einem Geldschein. Der Baron war ebenfalls zufrieden, wünschte gesegnete Feiertage und zog davon, um nach Ablauf eines Jahres pünktlich wieder auf der Matte zu erscheinen. Er war der begnadete Gentleman unter den Schnorrern und erwarb sich bei Beermann den Ehrentitel ›Baron‹, weil er die Würde und das besondere Talent eines Münchhausen ausstrahlte.

Erwin war von völlig anderer Art. Nach Möglichkeit mied er die Stadt mit ihrem Menschengewimmel und campierte irgendwo in den Wäldern der näheren Umgebung. Seine Habe trug er in zwei Plastiktüten mit sich herum. Ein Zivilisationsflüchter. Einer, den die Natur ins falsche Zeitalter geworfen hatte und der die Gegenwart als Fremde erlebte. Seine Seele war unbefleckt, mehr oder weniger, sein Inneres jedenfalls reiner als seine äußere Erscheinung. Manchmal hockte er vor Gottesdienstbeginn an der Kirchentür, hielt seinen speckigen Hut hin und schaute verlegen weg, wenn Leute ein paar Münzen hineinwarfen. Erwin war Wahlschwabe, und wenn er sprach, was ihn immer Überwindung kostete, hörte man seine Berliner Herkunft deutlich heraus.

Nun stand er gebeugt wie ein reumütiger Sünder vor dem Pfarrer und machte ein trauriges Gesicht. Beermann fragte, worum es gehe.

»Ja, worum«, sagte Erwin tiefgründig, »et is nu mal so, dat et mir piekst.«

»Und weshalb piekst es, Erwin, und wo überhaupt?«

Er schaute hoch, die Augen aufgerissen wie in plötzlichem Erschrecken: »Im Jewissen, Herr Pfarrer, verstehn Se, im Jewissen, da piekt’s mir jewaltich, und det mag ick nich aushalten.«

Gut. Fürs Gewissen war er zweifellos zuständig, der Pfarrer Beermann, und deshalb forderte er seinen Besucher auf, einzutreten und in seinem Amtszimmer Platz zu nehmen. Sekretärin Brotbeck rümpfte missbilligend die Nase, als die beiden an ihrer geöffneten Bürotür vorbeigingen, und tatsächlich gewann Beermann den Eindruck, hinter seinem Gast in einer Wolke von strengen Ausdünstungen zu wandeln.

Gesprächig wurde Erwin nicht. Er ließ seinen Blick über Beermanns Bücherregale schweifen, die hoch bis unter die Decke reichten, und war sichtlich eingeschüchtert von der versammelten Übermacht der Worte.

»Also«, begann Beermann, »warum zwackt es denn im Gewissen?«

Erwin holte tief Luft und wusste mit den Händen nicht wohin. »Nuja«, meinte er zögernd, »is ja nich, weil ick wat verbrochen hätt, Herr Pfarra. Verbrochen hab ick nämlich jarnischt, det müssen Se mir jloben. Bloß jeholfen hab ick, eijentlich nischt andres als jeholfen.«