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Orte der Moderne


Orte der Moderne

Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts
1. Aufl.

von: Alexa Geisthövel, Habbo Knoch

26,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 07.03.2005
ISBN/EAN: 9783593407791
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 376

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Was haben Kino, Kraftraum und Flugzeug, Bunker, Zeitungsredaktion und Appartement gemeinsam? Sie alle sind Orte, in denen sich alltägliche Erfahrungen auf engstem Raum verdichten - Erfahrungen, die viele Menschen des späten 19. und des 20. Jahrhunderts teilen und die bis heute unsere Lebenswelt prägen. Technik, Mobilität und Kommunikation stehen dabei für den Fortschritt; Erfahrungen von Isolation, aber auch Autonomie und Individualisierung für dessen Folgen.
Zwischen U-Bahn-Station und Stripteaselokal preist die Werbung eines Kinos den Film des Abends an. Kondensstreifen von Flugzeugen verheißen Urlaubsziele, an die ein Sandstrand oder der Komfort eines Grandhotels die Reisenden aus ihren Appartements und Hochhäusern lockt.Wer städtische Räume, aber auch manche Landschaft durchstreift, sieht sich von Orten umgeben, die aus der Zeit der klassischen Moderne stammen, dem letzten Drittel des 19. und dem ersten des 20. Jahrhunderts. In 30 Miniaturen entführen uns die Autorinnen und Autoren des Bandes an diese Orte, die die räumlichen Erfahrungen des modernen Menschen bis heute prägen. Damit legen sie Schichten der gegenwärtigen Lebenswelt offen, die uns eher unbewusst geblieben sind. Wer als Leserin oder Leser die hier beschriebenen Orte aufsucht, wird erkennen, wie zentral der Wandel der räumlichen Erfahrung war. Er hat das moderne Lebensgefühl mindestens so sehr geprägt wie der Wandel der Zeiterfahrung. Denn die Welt wurde seit der Wende zum 20. Jahrhundert nicht nur durch Kriege und Globalisierung geografisch neu geordnet, sondern auch vor Ort "im Kleinen".
Einleitung
Alexa Geisthövel/Habbo Knoch

Bewegen: Orte der Erweiterung

Der Bahnhof
Alfred Gottwaldt

Das Laboratorium
Philipp Felsch

Das Auto
Alexa Geisthövel

Das Flugzeug
Detlef Siegfried

Das Raumschiff
Rebekka Ladewig

Vernetzen: Orte der Steuerung

Die Zeitungsredaktion
Frank Bösch

Die Telefonzentrale
Andreas Killen

Das Arbeitsamt
Britt Schlehahn

Die Parteizentrale
Till Kössler

Der Agrarbetrieb
Uwe Spiekermann

Sich nahe kommen: Orte des Abstands

Der Strand
Alexa Geisthövel

Das Grandhotel
Habbo Knoch

Das Tanzlokal
Alexa Geisthövel

Das Stadion
Per Leo

Gestalten: Orte der Rationalisierung

Das Stahlwerk
Habbo Knoch

Das Hochhaus
Jörn Weinhold

Die Stadtrandsiedlung
Jörn Weinhold

Der Staudamm
Dirk van Laak

Vereinnahmen: Orte des Ausstellens

Das Warenhaus
Uwe Spiekermann

Das Völkerkundemuseum
Anja Laukötter

Das Kino
Daniel Morat

Der Kraftraum
Maren Möhring

Das Stripteaselokal
Pascal Eitler

Verdichten: Orte der Zerstörung

Das U-Boot
Jan Rüger

Die Front
Habbo Knoch

Der Bunker
Marc Buggeln/Inge Marszolek

Das Konzentrationslager
Habbo Knoch

Sich zurückziehen: Orte der Befreiung

Die Kleinstadt
Bernd Hüppauf

Der Kleingarten
Uffa Jensen

Das Appartement
Moritz Föllmer

Die Wahlkabine
Thomas Mergel

Die Couch
Uffa Jensen

Erlebte Welten

Erfahrungsräume der Moderne
Alexa Geisthövel/Uffa Jensen/Habbo Knoch/Daniel Morat

Autorinnen und Autoren

Abbildungsnachweis
Kino, Bunker, Grandhotel…
Alexa Geisthövel, Dr. phil., ist Habilitationsstipendiatin an der Fakultät für Geschichtswissenschaften der Universität Bielefeld.
Habbo Knoch, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Universität Göttingen.
Einleitung
Alexa Geisthövel/Habbo Knoch
Mitten auf dem hektischen Berliner Alexanderplatz sehnt sich Franz Biberkopf ins Gefängnis zurück. Im gleichnamigen, 1929 erschienenen Roman Alfred Döblins steht er nach langer Haft ungeschützt im Strudel der modernen Stadt. "Hundert blanke Scheiben" blitzen bedrohlich, Passanten wirken wie Schaufensterpuppen und Häuserfronten bieten keine Zuflucht. Biberkopf bricht zusammen, kehrt aber wie gebannt mehrfach zurück. Er fängt an, den Platz und sein Gedränge zu beobachten: "Rumm rumm" wuchtet vor Aschinger, der Bierschwemme mit "Konzert und Großbäckerei", eine Dampframme Eisenstangen in den Boden. Rund um den Platz stehen Bauzäune, ein altes Kaufhaus wird abgerissen. "Ruller ruller fahren die Elek-trischen, [...] Abspringen ist gefährlich. Der Bahnhof ist breit freigelegt, Einbahn-straße nach der Königstraße an Wertheim vorbei."
Die Schutzpolizei "beherrscht gewaltig den Platz" und regelt den Verkehr. Auf ihr Signal hin "ergießt sich der Norden nach Süden, der Süden nach Norden". Viele "biegen auch seitlich um, von Süden nach Osten". Dabei geben sich die Fußgänger "so gleichmäßig wie die, die im Autobus, in den Elektrischen sitzen". Biberkopf kapituliert angesichts dieser Apathie: "Was in ihnen vorgeht, wer kann das ermitteln, ein ungeheures Kapitel." Er bleibt ein Fremdkörper in der Stadt. Restaurant, Tram, Bahnhof, Warenhaus, Autobus, Straßenkreuzung: Seine Sinne sind den modernen Verkehrsmitteln, Gebäuden und Bewegungen nicht gewachsen. Die Stadt im Umbruch lässt ihm dafür auch keine Zeit.
Am heutigen Alex sind Aschinger und Wertheim verschwunden, doch die Szenerie ist vertraut geblieben: Vergnügungslokale, Grandhotels und Kinos bieten immer noch ihre Dienste an, Bahnhöfe, U-Bahn-Stationen und Ampelkreuzungen sind nach wie vor Knotenpunkte der modernen Bewegungsgefährte. Wo Biberkopf Bauzäune sah, entstanden erste Hochhäuser und neue Großraumbüros, deren Etagen durch Aufzüge verbunden waren. Über den Himmel, für den Biberkopf kaum einen Blick übrig hatte, zogen schon zu seiner Zeit Flugzeuge. Bahnen und Autos verbanden damals wie heute Stadtrandsiedlungen mit dem Zentrum. Wer es sich leisten konnte, fuhr mit ihnen an den Strand.
Wer heute städtische Räume, aber auch manche Landschaft durchstreift, sieht sich von einer Fülle von Orten umgeben, die zwischen 1870 und 1930 in der Zeit der "klassischen Moderne" entstanden. Sie haben die räumlichen Erfahrungen des modernen Menschen bis in die Gegenwart geprägt. Bahnhöfe, Fabriken und Passagen machten nach 1830 den Anfang. Ihre Verbindung von technischem Fortschritt und neuen Verhaltensformen krönten pathetische Deutungen, die sie als Träger der Zukunft sahen. Große Bahnhofshallen avancierten zu repräsentativen Schauseiten der Stadt und zu Orten einer funktionalen, rationell gestalteten Bewegungsführung; Passagen boten in luxuriösem Ambiente eine Vielzahl von Waren an und brachten auf engstem Raum Konsumenten verschiedener Schichten zueinander, die neue Fertigkeiten des Beobachtens, Kommunizierens und Verhaltens erlernen mussten.
Doch Zahl und Reichweite solcher erlebter Welten nahm erst in den Jahrzehnten um 1900 erheblich zu. Im Zuge der zweiten, auf Elektrizität fußenden Industri-alisierung und der Urbanisierung, in der die Großstadt zur "Synchronisationsma-schine" (Armin Nassehi) des modernen Lebens wurde, durchdrangen diese Orte und die Prinzipien ihrer Raumorganisation mehr und mehr das öffentliche und private Leben. Sie übernahmen ausdifferenzierte Funktionen, machten Angebote für bislang unbekannte Bedürfnisse und wuchsen zu einem Ensemble städtischer und ländlicher Orte zusammen, die untereinander vielfältig vernetzt waren. Orte des Bewegens und Erkundens, des Vergnügens und Vermittelns, des Begegnens und Zerstörens begründeten eine neue räumliche Ordnung der Erfahrung.
Wie Bahnhof und Eisenbahn die Poststation und die Kutsche nach und nach abgelöst hatten, so drängten auch spätere Orte der Moderne manchen Konkurrenten zur Seite. Völkerkundemuseen machten den "Völkerschauen" die Besucher streitig, Einkaufsläden an Straßenpassagen zielten auf ähnliche Kundschaft wie die Warenhäuser. Teils übernahmen die neuen Orte einzelne räumliche Elemente ihrer Vorgänger, teils bestanden Orte aus verschiedenen Zeiten nebeneinander fort und beeinflussten einander; repräsentative Architektur etwa orientierte sich lange an der Kirche oder dem Fürstenhof. Viele Konflikte, die aus dem Zusammentreffen von bestehenden und neuartigen Raumstrukturen erwuchsen, sind bis heute nicht gelöst, so etwa die Frage nach der ökologischen Verträglichkeit von Agrarbetrieben oder nach der Sicherheit von Fußgängern und Fahrradfahrern im Autoverkehr.
Mit den Orten der Moderne hielten neuartige Formen, Raum zu gestalten, zu nutzen und wahrzunehmen, Einzug: Menschen und Orte wurden durch neue Ver-kehrsmittel wie das Flugzeug oder durch Kommunikationstechniken wie die Zei-tungsredaktion oder die Telefonzentrale dichter und schneller miteinander vernetzt. Indem Stadtzentren und Wohngebiete getrennt wurden, entstanden das städtische Appartement und die mehr oder weniger familientaugliche Stadtrandsiedlung. U-Boot, Bunker oder Raumschiff ließen ihre Nutzer Isolation in Abhängigkeit von modernen Versorgungstechniken erfahren. Im Alltag übernahmen entlegene und medial kaum präsente Orte wie der Agrarbetrieb oder der Staudamm zentrale Aufgaben der Infrastruktur. Bisher unbekannte Gefahren und Risiken prägten das Bild vieler moderner Orte, auch Ängste vor bleibenden Schäden ihrer Nutzerinnen und Nutzer, wie die frühe Wahrnehmung des Kinos oder des Autos zeigt.
Viele Bedrohungsszenarien machten sich am Körper fest. Forscher in Laboratorien arbeiteten daher an seiner Optimierung, immer mehr Menschen bemühten sich um ihre Figur in Krafträumen oder bewunderten trainierte Körper im Stadion. Arbeitstechniken der industriellen Moderne wie das Fließband basierten dabei weniger auf hochtechnologischen Erfindungen als auf räumlichen Neuordnungen und der Anpassung der Arbeiterinnen und Arbeiter an diese Produktionsform. Dem entsprach, etwa im Arbeitsamt, die bürokratische Durchdringung der Lebenswelt mit Registrierungen und Verhaltensauflagen. Auch im politischen Raum war die Organisation und Steuerung des Parteilebens oder der demokratischen Wahl mit signifikanten Räumlichkeiten wie Parteizentrale oder Wahlkabine verbunden.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts sind weitere Orte hinzugekommen, solche der Hochtechnologie wie das Atomkraftwerk, aber auch der Abenteuerspielplatz oder der Frauenbuchladen, die ein bestimmtes Zeitkolorit tragen. Seitdem sich Digitalisierung, Biochemie und Neurowissenschaft als neues Paradigma des Fortschritts durchsetzen, scheint der "virtuelle Raum" einen neuen Einschnitt zu markieren, der "Nicht-Orte" entstehen lässt (Augé 1994) und den Raum zum Verschwinden bringt (Virilio 1995). In der Tat erweitern sich damit räumliche Erfahrungen, aber bereits in der klassischen Moderne sollte der Körper in Illusionskabinetten oder im Kino in eine andere Wirklichkeit versetzt werden. Womöglich stellen die neuen Informationstechnologien in dieser Hinsicht keinen fundamentalen Wandel für die Raum- und Kommunikationserfahrungen dar und sind eher Teil jenes dauernden Umbruchs, den schon Franz Biberkopf miterlebte: Entstandenes wird optimiert, verfeinert und mit einem neuen Stil versehen; Konsumangebote werden rationeller gestaltet, Arbeitsfelder weiter automatisiert, aber das Grundverhältnis von Arbeit und Erholung löst sich nicht auf. Seit den dreißiger Jahren haben sich die zuvor entstandenen modernen Orte ausgeweitet, sind breiteren Schichten zugänglich geworden und haben sich in Zahl und Funktion vervielfältigt.
Wenn hier von "Orten der Moderne" gesprochen wird, sind nicht zuerst be-stimmte Orte gemeint, auch wenn die Texte dieses Bandes alle mit einem konkreten Beispiel beginnen. Vielmehr wird darunter ein Typus verstanden, der den drei-dimensionalen Raum auf eine bestimmte, verallgemeinerbare Weise nach außen und im Innern räumlich ordnet und der mit raumspezifischen Funktionen und Erfahrungen verbunden ist. Diese Orte schneiden gleichsam ein Stück Raum aus der Welt und verwandeln es durch ihre Anlage, ihre Nutzung und die durch sie bewirkten und an sie geknüpften Raumerfahrungen realer oder medialer Art in eine eigene erlebte Welt (Bittner 2001). So bekommt das Stück Raum einen eigenen Sinn; indem historische Akteure es gestalteten, aneigneten und wahrnahmen, "machten" sie es erst zu einem "räumlich-sinnlichen Gebilde" (Simmel 1992, 697). Der fragliche Ort ist dabei Teil eines Geflechts: Das favorisierte Tanzlokal ist ein Fall des Tanzlokals an sich, dessen Raum eine typische Ordnung trägt. Es ist mit den anderen modernen Orten der Großstadt vielfältig verbunden. Schließlich verkörpert es, umgeben von Gebäuden früherer Jahrhunderte und ungleich kurzlebigeren Imbissbuden, die Moderne zwischen den Schichten vorheriger und nachfolgender Orte.
Die Autorinnen und Autoren der 32 Texte durchleuchten dieses Ensemble jeweils auf drei Ebenen: Ausgehend vom räumlichen Muster eines Ortes stellen sie seine Etablierung während der "langen Jahrhundertwende" dar und zeigen, wie er im Zusammenspiel mit anderen Orten wahrgenommen und gedeutet wurde. Die hier vorgestellten Beispiele sind keine "Erinnerungsorte", also dingliche oder imaginäre Symbole, an denen sich das Gedächtnis einer nationalen Kultur manifestiert (François/Schulze 2001). Die Orte der Moderne sind in jedem Fall konkret und materiell, auch wenn viele von ihnen - etwa die Telefonzentrale, das Laboratorium oder das Raumschiff - Imaginationen freigesetzt haben, die sie zu Erinnerungs- und Referenzorten für das Selbstbild der Moderne machen. Die Vorstellung, in der Moderne zu leben, hat sich wesentlich über die Wahrnehmung solcher Orte her-ausgebildet. Wenn heute die klassischen Wolkenkratzer oder Kinopaläste als Zeugen einer visionären, stilvollen und intensiven Zeit aufgerufen werden, ist auch diese Nostalgie schon ein Erbe der historischen Orte.
Handelt es sich um Orte wie die Couch oder das Auto, gibt es Überschneidungen zur Geschichte der modernen Alltagsdinge (Ruppert 1993). Man könnte sie auch als Gebrauchsobjekte klassifizieren, aber die Alltagserfahrung zeigt, dass sich um einen Fernseher immer auch ein räumliches Arrangement entwickelt. Industrialisierte Produktion, Serialität und Massenkonsum beeinflussen in jedem Fall Objekte und Orte der Moderne gleichermaßen. Auch hierin gehören sie den Jahrzehnten um 1900 und damit einer historischen Schwellenphase an, in der sich die räumliche Konstellation von Handeln und Erfahren gravierend veränderte (Knoch/Morat 2003). Das unterscheidet sie von zeitübergreifenden "Orten des Alltags" (Haupt 1994).
Wie in einer klassischen Reisebeschreibung schreiten die Texte von Ort zu Ort fort. Doch es geht nicht um die chronologische Abfolge, sondern um die Gleich-zeitigkeit eines Ensembles von "sozialen Orten" (de Certeau 1991). In den Texten werden Schichten der räumlichen Topographie der modernen Erfahrungswelt frei-gelegt. Jeder Text beginnt mit der Begehung eines konkreten, möglichst "frühen" Ortes, die seine räumlichen Merkmale inspiziert und aufzeigt, wie er unmittelbar wahrgenommen wurde. Es folgen Entstehung und Entwicklung des jeweiligen Ortes, wobei funktionale Veränderungen und soziale Gebrauchsweisen im Mittelpunkt stehen. Abschließend kommen Deutungen und Imaginationen zur Sprache sowie Bezüge zu anderen Orten.
Die Texte gehen dabei immer von deutschen Beispielen aus, um sie zeitlich und räumlich zu verbinden. Im Verlauf der Darstellung werden diese "deutschen Orte" in den Kontext internationaler Entwicklungen gerückt. Deutschland war auch bei den Orten der Moderne vielfach Nachzügler, aber in einigen Fällen - beim Auto oder beim Kino etwa - wies es auch den Weg. Insofern sind die deutschen Orte der Moderne zumindest Leitsonden, vielfach aber selbst Katalysatoren für die nationalen und regionalen Varianten allgemeinerer Modernisierungsprozesse.
Unter den Orten finden sich einige, die schon zur Zeit ihrer Entstehung Ikonen der Moderne waren. Sie dienten als Modell der realisierten Utopie und einer Gegenwart gewordenen Zukunft, aufgeladen mit überschwänglichen Erwartungen und apokalyptischen Ängsten. Andere, wie der Staudamm oder der Agrarbetrieb, haben sich nicht vergleichbar in das kollektive Gedächtnis eingeprägt. Sie kommen nüch-terner daher und sind erst mit der Diskussion um Nachhaltigkeit und Massentier-haltung zu Objekten medialer Aufmerksamkeit geworden. Bei allen Orten mischen sich die Realität vor Ort, die Anwesende erleben, und die Imagination des Nichterlebten, die in Medien zirkuliert. Dem Letzteren neigen am deutlichsten U-Boot und Raumschiff zu: Der Raum, den beide in den kollektiven Imaginationen einnehmen, steht in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Frequentierung.
Orte der Moderne im Sinne dieses Buches sind demnach auch solche, die nicht von vielen Menschen aufgesucht und genutzt wurden, auch wenn alle Orte im Zuge der Ausbildung industrialisierter Konsumgesellschaften entstanden sind. Ihre Mo-dernität gewinnen sie aus sehr unterschiedlichen Eigenschaften und Funktionen. Viele sind das Ergebnis technischer Revolutionen wie das Raumschiff oder die Telefonzentrale. Das Stahlwerk schuf eine neue Ordnung mit vergleichsweise kon-ventionellen Mitteln, durch Dimension und Planung; das Stripteaselokal prägen dagegen bestimmte Beobachtungsverhältnisse. Manche Orte, die es zuvor bereits gab, erfuhren während der "langen Jahrhundertwende" einen Funktionswandel, wie die Kleinstadt oder der Kleingarten, weil sie als "Gegenorte" zum beschleunigten und rationalisierten Großstadtleben gefragt waren. Das Wohnen veränderte sich durch die räumlichen Modelle von Appartements oder Stadtrandsiedlungen, weil hier soziale Angleichung und Differenzierung stattfanden. Andere Orte zählten als Arbeitsplätze zum Alltag, wie die Zeitungsredaktion, von der aus nicht zuletzt die mediale Imagination der Moderne erheblich geprägt worden ist.
Zu Imagination und Erfahrung von Moderne und Modernität gehört ihr ambi-valenter Charakter. Franz Biberkopf ist deren Protagonist: Er scheitert an den Her-ausforderungen des modernen Lebens, wie es die Großstadt verkörpert - aber dieses Scheitern war nicht zwangsläufig, denn er hatte die Freiheit, sein Leben zu gestalten. Die Spannung zwischen Entfremdung und Selbstverwirklichung, zwischen Chance und Last, die Soziologen wie Emile Durkheim oder Georg Simmel bereits um 1900 erkannt haben, wird an vielen der folgenden Orte deutlich (van der Loo/van Reijen 1992). Fließband und Produktionstechnik entlasten von körperlich anstrengender Arbeit, aber sie erzeugen Monotonie unter größerem Zeitdruck. Das Kino erlaubt Fluchten in andere Welten, aber es erlöst nicht aus den Abhängigkeiten der Realität. Am Strand wollen sich Urlauber entspannen, aber die drangvolle Intimität aktiviert den Reflex, sich abzugrenzen. Vielfach entziehen sich die Menschen an diesen Orten deren Zumutungen und schaffen sich, zum Beispiel im Kleingarten, eigene Nischen. Franz Biberkopf stand dem Wirbel auf dem Alexanderplatz hilflos gegenüber, weil ihm keine seiner vertrauten Fähigkeiten recht weiterhalf. Er war kein "moderner Mensch" im Sinne Georg Simmels, den der moderne Raum geprägt hatte: "Von Unzähligem chockiert" hatte dieser "robustere Empfindungsweisen" entwickelt, die unvermeidlich eine "größere Isolierung, eine schärfere Umgrenzung der personalen Sphäre" mit sich gebracht hatten (Simmel 1992, 734).
Auf solche Mehrschichtigkeiten weisen die Titel der sieben Gruppen hin, in denen die Texte zusammengestellt sind: Bewegung kann ziellos und frei sein oder im Dienst gezielter Erweiterung stehen; in ähnlicher Spannung stehen vernetzen und steuern, sich nahe kommen und Abstand halten, gestalten und rationalisieren, vereinnahmen und ausstellen, verdichten und zerstören, sich zurückziehen und befreien. Immer scheint das Dauerrisiko der Moderne durch, ihre Träger und Gestalter zu überfordern; zugleich gehören - wie die psychoanalytische Couch - Techniken, sich dieser Überforderung zu erwehren, fest zum Kanon der Raumordnungen.
Die meisten der Orte weisen auch Aspekte anderer Gruppen auf. Dies unterstreicht den Charakter eines ineinander verwobenen Ensembles, in dem die Ebenen der Gestaltung, Aneignung und Wahrnehmung von Raumstrukturen im Austausch stehen. Zu diesem Ensemble gehören weit mehr Orte, als in diesem Buch Platz gefunden haben, viele sind immerhin im Netz der Verweise eingefangen. Es würde die Ausgangserfahrung von Herausgebern und Autoren bestätigen, wenn die vor-handenen Texte das Bedürfnis wecken sollten, mehr über hier nicht vertretene Orte zu erfahren, weil sie die Landschaft der Moderne als erlebte Welten in nachhaltiger Weise gestaltet haben.

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