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Ordnungen religiöser Pluralität


Ordnungen religiöser Pluralität

Wirklichkeit - Wahrnehmung - Gestaltung
Religion und Moderne, Band 3 1. Aufl.

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Religion und Moderne
Herausgegeben von Thomas Großbölting, Detlef Pollack, Barbara Stollberg-Rilinger und Ulrich Willems

Die Debatten zur »religiösen Pluralität« sind meist von der Annahme getragen, dass die Vielfalt von Religionen ein spezifisch modernes Phänomen ist. Historische Forschungen fördern gleichwohl ein anderes Bild zutage: Religiöse Pluralität erscheint darin nicht als ein Novum der Religionsgeschichte. Wie aber unterscheidet sich die Wirklichkeit religiöser Pluralität in der Antike von der gegenwärtigen Lage? Wie wandeln sich die Vorstellungen von der Gestaltung, der Ordnung religiöser Pluralität? Der Band nimmt Sondierungen in verschiedene Epochen und Religionskulturen vor.
Inhalt


Ordnungen religiöser Pluralität. Eine Einleitung 9
Daniel Gerster/Astrid Reuter/Ulrich Willems


I. Wirklichkeit und Wandel religiöser Pluralität in ­historischer Perspektive

Wie viel Pluralismus kann sich eine Religion leisten? Zum Umgang mit religiöser Vielfalt im Alten Israel 53
Rainer Albertz

Organisierter Pluralismus. Vereins-, Stadt- und Reichsreligion im antiken östlichen Mittelmeerraum 73
Benedikt Eckhardt

Prozesse religiöser Pluralisierung und Depluralisierung im normannisch-staufischen Königreich Sizilien: Das Problem der Ambiguität 101
Benjamin Scheller

"Miteinander trotz und in der Trennung": Das Zusammenleben von Protestanten und Katholiken in Augsburg, 1648-1806 127
Étienne François

Religion und amerikanischer Pluralismus 143
Michael Hochgeschwender

›Religiöser Pluralismus‹ im Kaiserreich? Konfessionelle Koexistenz und Konflikt in der Kulturkampfzeit in begriffs- und ­sozialgeschichtlicher Perspektive 183
Olaf Blaschke

The Pluralism of Everyday Life: Religion in England from the Victorian Era to the 21st Century 225
Hugh McLeod

Warum sich die deutsche Gesellschaft mit religiöser Vielfalt so schwer tut - eine (zeit-)historische Erkundung 245
Thomas Großbölting


II. Wahrnehmung und Reaktion unterschiedlicher ­Religionskulturen auf religiöse Pluralität
Moderner Katholizismus und religiöser Pluralismus: Von der Abwehr zur Versöhnung - und wieder zurück? 271
Karl Gabriel

Pluralismus als protestantisches Prinzip 297
Christian Polke

Religiöse Pluralität in zeitgenössischen islamischen Diskursen. Konkurrierende Ansätze und ihre Konsequenzen in der Praxis 321
Menno Preuschaft

Pluralität zwischen Inklusion und Grenzziehung: Responsa zu jüdisch-nichtjüdischen Ehen als Spiegel religiöser Vielfalt im gegenwärtigen amerikanischen Judentum 345
Regina Grundmann

Der Hinduismus - eine pluralistische Religion? 377
Perry Schmidt-Leukel

Das Harmoniemodell religiöser Pluralität in China 399
Joachim Gentz


III. Aktuelle Debatten um die Gestaltung religiöser Pluralität

Religiöse Paralleljustiz im Rechtsstaat? 439
Fabian Wittreck

Religiöse Akteure in der Öffentlichkeit. Kirchliche Positionierungen und Interessenvertretung unter Bedingungen von Pluralität 495
Judith Könemann

Religiöse Pluralität als Herausforderung: Öffentlicher Rundfunk zwischen Krise und Neudefinition 523
Tim Karis

Zur Pluralisierung religiöser Identität(en) 553
Christel Gärtner

Religionspolitische Konstellationen und wissenschaftsethische Folgerungen im Zusammenhang mit der Etablierung von Zentren für Islamische Theologie 581
Arnulf von Scheliha

Interkulturelle Perspektiven auf den Umgang mit religiöser Vielfalt: Grundlinien der aktuellen politiktheoretischen Debatte zum Säkularismus in Indien 601
Ulrike Spohn

American Civil Religion in a Multipolar World 631
Thomas Banchoff

Danksagung 651
Abkürzungen 652
Autorinnen und Autoren 656
Ulrich Willems ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Münster. Astrid Reuter ist wissenschaftliche Geschäftsführerin des Centrums für Religion und Moderne (CRM) an der Universität Münster, Daniel Gerster ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Ordnungen religiöser Pluralität. Eine Einleitung
Daniel Gerster/Astrid Reuter/Ulrich Willems

Das Stichwort ›religiöse Pluralität‹ ist in aller Munde. Die aktuellen öffentlichen Debatten sind vielfach von der Annahme getragen, dass die Vielfalt von Religionen ein spezifisch modernes Phänomen sei. Historische Forschungen fördern gleichwohl ein anderes Bild zutage. Religiöse Pluralität erscheint darin nicht als Novum der Religionsgeschichte. Sie findet sich in antiken Kulturen ebenso wie im häufig als monolithisch-christlich gezeichneten europäischen Mittelalter. Wie aber unterscheidet sich die Wirklichkeit religiöser Pluralität in der Antike von der Gegenwartslage? Wie nahmen und nehmen unterschiedliche Religionskulturen religiöse Pluralität wahr? Wie verhalten sich die verschiedenen religiösen Weltvorstellungen und Lebensführungen zu nicht-religiösen, säkularen Welt- und Lebensmodellen? Und wie wirkt sich schließlich der historische Wandel von Wirklichkeit und Wahrnehmung auf die Gestaltung(smöglichkeiten) von Ordnungen religiöser Pluralität aus? Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes gehen diesen Fragen nach. Sie nehmen exemplarisch Sondierungen in verschiedenen Epochen, Regionen und Religionskulturen vor und ordnen die Entwicklung von Wirklichkeit, Wahrnehmung und Gestaltung religiöser Pluralität in die jeweiligen sozialkulturellen, rechtlichen, politischen und ökonomischen Kontextbedingungen ein. Die Beiträge sind überwiegend hervorgegangen aus zwei Ringvorlesungen, die der Exzellenzcluster ›Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne‹ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in den Wintersemestern 2010/11 und 2012/13 zu den Themen ›Integration religiöser Vielfalt‹ sowie ›Religiöse Vielfalt. Eine Herausforderung für Politik, Religion und Gesellschaft‹, letztere in Kooperation mit dem Centrum für Religion und Moderne, durchgeführt hat; einige Autorinnen und Autoren konnten zusätzlich gewonnen werden.
Der vorliegende Band fächert das Thema ›Ordnungen religiöser Pluralität‹ in drei Teile auf. Im ersten Teil wird eine - bis in die Antike zurückreichende - historische Perspektive auf die Wirklichkeit religiöser Pluralität, ihre Wahrnehmung und Gestaltung eröffnet. Anhand von historischen Tiefenbohrungen wird gefragt, wie viel Pluralität sich Gesellschaften und Religionen von der Antike über das Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert ›leisten‹ wollten - und geleistet haben - und welche Pfadabhängigkeiten sich daraus für den gegenwärtigen Umgang mit religiöser Pluralität ergeben. Darüber hinaus unternehmen einige der Beiträge in diesem Abschnitt Suchbewegungen, um Spuren verschütteter religiöser Vielfalt in der (europäischen) Religionsgeschichte aufzufinden. Im zweiten Teil richtet sich der Blick auf den Umgang mit religiöser Vielfalt im Horizont verschiedener Religionskulturen. Angesichts der Bandbreite religiöser Phänomene in globalgeschichtlicher Perspektive bleiben die hier vorgenommenen Sondierungen notwendigerweise Einzelbeispiele. Einblicke geben die Beiträge unter anderem in den Umgang mit religiöser Pluralität in der Geschichte Chinas sowie in die Herausforderungen, denen sich Hinduisten angesichts der Vielfalt des religiösen Lebens ausgesetzt sehen. Darüber hinaus geben sie Auskunft über zeitgenössische islamische Diskurse zum Thema und nehmen die sich wandelnden Antworten auf religiöse Pluralität im Judentum und in verschiedenen christlichen Konfessionen in den Blick. Der dritte Teil schließlich ist der Frage gewidmet, wie die religionskulturelle Gegenwartslage in ihrer historischen Prägung gestaltet werden kann und sollte. Die Beiträge fokussieren in ihrer Mehrheit die aktuelle Situation in Deutschland, werfen vereinzelt aber auch einen Blick darüber hinaus. Sie untersuchen unter anderem, wie die verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereiche - das Recht, die Politik, die Medien, die Wissenschaft - die religiöse Vielfalt verarbeiten, und fragen, wie religiöse Pluralität gesellschaftlich akzeptiert wird und welche Konsequenzen die Pluralisierung für die Herausbildung religiöser Identitäten hat.

1. Wirklichkeit und Wandel religiöser Pluralität in historischer Perspektive
Keine historische Epoche wird im Allgemeinen weniger mit religiöser Pluralität assoziiert als das europäische Mittelalter. Stattdessen ist das Bild, das sich viele von der Zeit zwischen der Mitte des ersten Jahrtausends und den Jahren um 1500 machen, noch immer von der Vorstellung einer einheitlichen christlichen Kulturlandschaft geprägt. Sie wird beherrscht von einer allmächtigen katholischen Kirche, die sämtliche Bereiche des Religiösen durchdringt und deren Päpste, Bischöfe und Priester bisweilen in die Machtbereiche der weltlichen Herrscher ausgreifen. Obwohl weitverbreitet, ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass ein solches monolithisches Mittelalterbild keineswegs der historischen Realität entspricht. Vielmehr spiegeln sich darin unterschiedliche Vorstellungen, die sich die Menschen seit jeher, insbesondere aber im 19. und frühen 20. Jahrhundert, von der Epoche gemacht haben und die meist in einem engen Verhältnis zum Verständnis der eigenen Gegenwart standen und stehen. Die Dekonstruktion holzschnitt­artiger und häufig düsterer Mittelaltervorstellungen hat in den letzten Jahrzehnten das Wissen über die religiöse Landschaft in dieser Epoche enorm erweitert - und zu der Erkenntnis geführt, dass sie viel diverser war als landläufig bekannt. So kann einerseits nachgewiesen werden, dass das mittelalterliche Christentum in sich sehr vielgestaltig war, und zwar nicht nur aufgrund unterschiedlicher regionaler Ausprägung. Insbesondere für das 11. und 12. Jahrhundert lässt sich darüber hinaus eine Pluralisierung von Gemeinschaftsformen und Praktiken feststellen, die unter anderem in der cluniazenischen Reformbewegung markant zum Ausdruck kam. Zusätzlich zur inneren Pluralität des europäischen Christentums nehmen neuere Mittelalterstudien die Existenz verschiedener religiöser Gruppen und Vorstellungen in den Blick und fragen nach den Begegnungssituationen zwischen ihnen. Neben der Grenze von westlich-lateinischem und östlich-orthodoxem Christentum bietet sich hier die Beschäftigung mit der jüdischen Minderheit und mit dem Islam im Mittelmeerraum an. Im vorliegenden Sammelband ordnet sich der Beitrag von Benjamin Scheller in die Reihe solcher Untersuchungen ein, der nach dem Umgang mit religiöser Pluralität von Christen, Juden und Muslimen im normannisch-staufischen Königreich Sizilien fragt. Er legt dabei eine "dialek­tische Wechselbeziehung zwischen religiöser Pluralität und ihrem Niedergang" (121) frei.
Der skizzierte Perspektivenwechsel ermöglicht nicht nur eine neue Sichtweise auf das europäische Mittelalter. Er legt zugleich offen, worauf es allgemein ankommt, wenn heutzutage in historischen Arbeiten nach der Rolle von Religion in Gesellschaft und Politik gefragt wird. An vorderster Stelle steht dabei, vorhandene Meistererzählungen wie die von einem ›düsteren‹ und religionseinheitlichen Mittelalter in Frage zu stellen und dadurch neue Interpretationsfreiräume zu schaffen. Zu warnen ist in diesem Zusammenhang freilich davor, ›das Kind mit dem Bade auszuschütten‹ und beispielsweise religiöse Pluralität vom vormaligen "Sonderfall" zum "religionsgeschichtliche[n] Normalfall" zu erklären. Verbunden mit der Dekonstruktion herkömmlicher Großnarrative ist die Erweiterung der methodischen Zugänge. In der Geschichtswissenschaft sind diesbezüglich in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Vorschläge gemacht worden, die es erlauben, die Pfade einer reinen Höhenkammerzählung zu verlassen. Zu nennen wären unter anderem die sozialhistorische Herangehensweise, die die Gesellschaft als Ganzes zu vermessen versucht, indem sie verschiedene soziale Gruppen und übergeordnete Strukturen analysiert. Ein solcher Zugang verhindert, religiöse Phänomene nur anhand von Elitendiskursen zu beschreiben. Mit dieser Absicht erforschen auch die verschiedenen kulturgeschichtlichen Ansätze alltägliche Semantiken und Praktiken und fragen, wie durch diese Sinn erzeugt wurde und wird. Im Rahmen von Untersuchungen religiöser Pluralität ermöglichen sie folglich Antworten auf die Fragen zu geben, inwiefern diese wahrgenommen und ob sie beispielsweise als Chance oder Herausforderung verstanden wurde. Sowohl die sozial- als auch die kulturhistorischen Herangehensweisen verweisen schließlich auf eine dritte Ebene, auf die es bei aktuellen historischen Untersuchungen zur Rolle von Religion ankommt: die Quellenauswahl. Wenn es auch bei älteren Epochen im Unterschied zur Neuzeit unwahrscheinlich sein dürfte, dass neue Quellen gefunden werden, so zeigen gerade auch einige Beiträge des vorliegenden Sammelbandes, wie vorhandene Bestände durch neue Fragestellungen und eine veränderte Perspektive neu erschlossen werden können.
Der Paradigmenwandel, den die historische Forschung in der Frage religiöser Pluralität für das Mittelalter vollzogen hat, hinterfragte nicht nur langgehegte simplifizierte und linear-teleologisch verlaufende Modernisierungsvorstellungen. Er schuf zugleich in allen an der Religionsforschung beteiligten Disziplinen eine neue Sensibilität für die vorgelagerte Epoche der Antike. Dabei ist religiöse Pluralität bereits in der Zeit der griechischen Polis ein bekanntes und auch von den Zeitgenossen reflektiertes Phänomen. Und auch in der römischen Zeit sind sich überlagernde religiöse Phänomene von städtischen Kulten, subkutanen Missionsbewegungen und staatlichen Einheitsbestrebungen zu beobachten. Sie sind der historischen Zunft seit ihrer frühen Auseinandersetzung mit der Antike bekannt. Aktuelle Forschung zu dieser Epoche hat daher nicht nach dem ›Ob‹ religiöser Pluralität zu fragen, sondern lokale Schwerpunkte und zeitliche Verlaufsmodelle auszumachen. Einen solchen Versuch unternimmt in diesem Band Benedikt Eckhardt, der in seinem Beitrag anhand von Organisationsformen privater Vereine Konjunkturen religiöser Pluralität in griechischen Städten von der Zeit des Hellenismus bis in die Spätantike (ca. 300 v.?Chr bis 300 n.?Chr.) diskutiert. Er macht deutlich, dass mit den verstärkten staatlichen Durchgriffs- und Einheitsbemühungen im 3. nachchristlichen Jahrhundert diese an Boden verloren, und schlussfolgert daraus einen fundamentalen Rückgang religiöser Pluralität zu dieser Zeit. Indem er für seine Studie auf soziologische Überlegungen Niklas Luhmanns zurückgreift, verdeutlicht Eckhardt zugleich die Spannweite der oben angemahnten Methodenerweiterung. Einen neuen Quellenzugriff präsentiert dagegen der Beitrag von Rainer Albertz, der zumal unsere häufig auf die griechisch-römische Antike verengte Sicht durch Einblicke in die Geschichte des alten Israels erweitert. Durch die Untersuchung hebräischer Personennamen, die in den meisten Fällen ­einen Gottesbezug aufweisen, gelingt es ihm, das Nebeneinander von offizieller (Staats-)Religion und Familienreligion aufzudecken. Albertz zeigt dabei, dass re­ligionsinterne Pluralität toleriert wurde, solange sie nicht die staatliche Einheit bedrohte. Konsequenterweise kam es in Folge äußerer Bedrohungen ­Israels zu Versuchen, die religionsinterne Pluralität einzuschränken.
Von ›bedrohten Ordnungen‹ lässt sich auch mit Blick auf die Herrschaftsgebilde der Frühen Neuzeit sprechen, die häufig als die entscheidende Periode für die Ausformung verschiedener Muster religiöser Pluralität in der westlichen Moderne angesehen wird. Tatsächlich haben Reformation und konfessionelle Spaltung sowie die mit ihnen einhergehenden religionspolitischen Konflikte die Gesellschaften Europas vor religionspluralisierende Herausforderungen von bis dahin ungewohntem Ausmaß gestellt. Folge war eine recht unüberschaubare Gemengelage, die von den Zeitgenossen nicht länger als interne Pluralität einer christlichen Religion wahrgenommen wurde, die man aus der Zeit davor schon kannte. Stattdessen führte die Heraus­bildung eigener Konfessionsverständnisse von Katholiken, ­Lutheranern, Reformierten und anderen christlichen Gruppierungen dazu, dass diese als eigene religiöse Entitäten begriffen wurden. Versuche, diese Trennung gewaltsam rückgängig zu machen, konnten in Deutschland letztlich - wenn auch nicht vollständig - durch den Westfälischen Frieden von 1648 beendet werden. Inwiefern das Verhältnis gerade zwischen Katholiken und Protestanten auch über diese Grundsatzvereinbarung hinaus ein alltäglicher Aushandlungsprozess war, verdeutlicht Étienne François anhand der Geschichte der Stadt Augsburg von der Mitte des 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Kulturelle und symbolische Abgrenzungsvorgänge der Konfessionen lassen sich dabei nicht nur in theologischen und amtskirchlichen Akten nachweisen, sondern finden sich auch in der Alltagskultur, beispielsweise der Kleider- und Namenswahl. Indem François jedoch neben den konfliktiven Momenten auch Ausgleichsmechanismen für ein friedliches Zusammenleben aufzeigt, gelingt es ihm, die ›Augsburger Verhältnisse‹ als ein erfolgreiches Beispiel moderner Ordnungen religiöser Pluralität darzustellen. Ein weiteres Exempel, das in dieser Frage heutzutage gerne als Modell herangezogen wird, sind die USA. Ihrer Geschichte nimmt sich der Beitrag von Michael Hochgeschwender in diesem Sammelband an. Dabei macht er deutlich, dass sich der heute häufig als ein, wenn nicht das Wesensmerkmal der US-amerikanischen Gesellschaft gefeierte Pluralismus letztlich ebenfalls erst herausbilden musste. Entgegen landläufiger Meinung war gerade in der frühen Zeit die Konfession häufig ein entscheidender Identitätsmarker und religiöse Pluralität bis in das 19. Jahrhundert keine Normalität.
Insgesamt erweist sich der Übergang vom 18. in das 19. Jahrhundert für den transatlantischen Raum als eine Periode fundamentaler Umbrüche. Sie brachte mit Blick auf das Verhältnis von Religionen und Gesellschaften letztlich die Grundlagen für ein fast zwei Jahrhunderte gültiges Ordnungsregime hervor. Zu beobachten sind dabei verschiedene Transformationsprozesse: Zum einen, und das wird im Allgemeinen am ehesten wahrgenommen, ist seit circa der Mitte des 18. Jahrhunderts eine zunehmende und öffentlich vorgetragene Kritik an den Kirchen und ihrer Verankerung im Ancien ­Régime zu beobachten. Sie führte - auch, aber nicht nur infolge der Französischen Revolution - zu einer Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses aus zahlreichen Bereichen des öffentlichen Lebens. Zugleich, und das wird meist nur unzureichend wahrgenommen, ist für diesen Zeitraum ein massiver Rückgang von praktizierter Religiosität, zumindest im Kontext traditioneller Kirchlichkeit, zu verzeichnen. Indikatoren wie Gottesdienstbesuche und die Publikation religiöser Literatur zeigen für fast fünf Jahrzehnte einen Abschwung, der erst in den 1830er Jahren gestoppt und zum Teil wieder ausgeglichen werden konnte. In der Folge, so ist richtig beobachtet worden, haben sich die christlichen Kirchen neu erfunden. Dass sie dennoch auch danach weiterhin vor gewaltigen Herausforderungen standen, ist unverkennbar: Zu denken wäre hier etwa an die Konkurrenz, der die Kirchen bis weit ins 20.?Jahrhundert durch neue totalitäre Welterklärungsmodelle ausgesetzt waren, oder Globalisierungstendenzen, die auf vielfältige Weise zu ­einer religiösen Pluralisierung beigetragen haben. Hugh McLeod schildert diese Entwicklungen in seiner Studie zum religiösen Leben in England vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute. Seine Beobachtungen werden ergänzt durch den Beitrag von Olaf Blaschke, der nach religiösen Konflikt­linien im deutschen Kaiserreich fragt, um festzustellen, dass trotz der geschilderten grundstürzenden Umwälzungen traditionelle konfessionelle Gegensätze zunächst nicht an Bedeutung verloren haben.
Inwiefern diese Feststellung auch für eine Beschreibung der heutigen religiösen Situation noch immer Gültigkeit besitzt, darf aufgrund neuerer Studien zur Entwicklung von Religion seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in Frage gestellt werden. Tatsächlich ist für die letzten Jahrzehnte diesbezüglich erneut ein fundamentaler Wandel in vielen Ländern Europas, aber auch darüber hinaus, zu beobachten. Neben anhaltenden Abbruchtendenzen gilt es hier auch, einzelne Wachstumsphänomene und eine gesteigerte Pluralität zu erklären. Auf diese jüngeren Wandlungsprozesse und die aus ihnen resultierenden gesellschaftlichen, politischen und religionsverfassungsrechtlichen Herausforderungen geht im vorliegenden Band aus historischer Sicht Thomas Großbölting ein. Er schildert mit Blick auf Deutschland, wie sich die religiöse Landschaft von den 1950er Jahren bis heute verändert hat. Die von ihm herangezogenen Zahlen belegen deutlich den Rückgang von etablierter Kirchlichkeit bei gleichzeitiger Säkularisierung und Pluralisierung der Gesellschaft. Aus diesem sozialen Wandel ergeben sich nach Großbölting nicht nur Anfragen an die verschiedenen Religionsgemeinschaften, vielmehr sieht er die deutsche Gesellschaft als Ganzes in die Pflicht genommen. Insbesondere das Verhältnis von Staat und religiösen Gemeinschaften gelte es angesichts der Veränderungen zu überprüfen und gegebenenfalls neu zu ordnen. Damit eröffnet Großbölting ein Fragen- und Themenfeld, das nicht zuletzt in den Beiträgen des dritten Teils dieses Sammelbandes noch einmal aufgegriffen wird, die sich mit aktuellen Fragen von religiöser Pluralität und deren Herausforderung auseinandersetzen.

2. Wahrnehmung und Reaktion unterschiedlicher Religionskulturen auf religiöse Pluralität
Im zweiten Teil des vorliegenden Bandes wird der Blick auf die Frage gerichtet, wie verschiedene Religionskulturen mit der Pluralität von Religionen umgehen und in der Vergangenheit umgegangen sind. Wie wird diese Pluralität im religiösen Feld selbst wahrgenommen und verarbeitet? Weisen die verschiedenen religiösen Traditionen aus sich heraus verschiedene Grade der Offenheit gegenüber alternativen Heilsangeboten sowie gegenüber nicht-reli­giösen, säkularen Lebenshaltungen auf? Oder bestimmen die so­zialen, ökonomischen oder politischen Kontextfaktoren, die rechtlichen Konstellationen, die kulturellen Prägungen und historischen Muster, wie Reli­gionen auf Pluralisierungsprozesse reagieren? Verschiedene Religionen haben in der Vergangenheit verschiedene Vorstellungen von der richtigen, der guten, der gottgefälligen Ordnung religiöser Pluralität entwickelt. Aber auch innerhalb von Religionsgemeinschaften konkurrieren unterschiedliche Vorstellungen davon, wie mit religiöser Pluralität umzugehen ist, welche - eventuell auch religiösen - Praktiken des Umgangs Glaubende verschiedener Religionen miteinander pflegen dürfen, können und sollen. Auch theologisch wurde und wird die religiöse und weltanschauliche Pluralität als Herausforderung wahrgenommen. Erheben Religionen exklusive Wahrheitsansprüche gegenüber alternativen Religionen und ihren Heilsvorstellungen und gestehen diesen lediglich widerwillig ein Existenzrecht zu? Neigen sie zu einer inklusivistischen Vereinnahmung der religiösen Konkurrenz, deren Vorstellungen und Praktiken lediglich als alternative Ausdrucksgestalten der gleichwohl einen Wahrheit toleriert werden? Oder anerkennen sie verschiedene Wahrheitsansprüche und wertschätzen diese für die eigene Wahrheitssuche? Im Laufe der Zeit hat sich der Umgang mit der Herausforderung, vor die sich die Religionen durch die religiöse Vielfalt gestellt sehen, gewandelt. Es ist deshalb zu untersuchen, was diesen Wandel jeweils in Gang gesetzt hat. Die Beiträge des zweiten Teils stehen im Horizont dieser Fragen. Sie erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern nehmen lediglich exem­plarische Sondierungen in verschiedenen Religionskulturen, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Regionen der Welt vor.
Der Beitrag von Karl Gabriel zeichnet den langen Weg der katholischen Kirche im Umgang mit religiöser Pluralität nach, der von strikter Ablehnung über widerwillige Akkomodation und die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil schließlich autoritär vollzogene Versöhnung reicht, die jedoch seither sowohl seitens des Lehramtes immer wieder in Frage gestellt als auch in der kirchlichen Praxis unterlaufen wird. Zwar hat sich die katholische Kirche in ihrer in der Schlussphase des Konzils 1965 verabschiedeten Erklärung Dignitatis Humanae (1965) zu einer theologischen Fundierung der Religionsfreiheit durchgerungen, indem sie diese mit der Würde der menschlichen Person als Geschöpf Gottes begründete. Diese theologische Grundentscheidung aber - die, wie Gabriel darlegt, auf Druck der kirchlichen Peripherien gegenüber der römischen Zentralgewalt zustande kam - hat sie in der Folge nicht daran gehindert, in ihrem ekklesiologischen Selbstverständnis an einer heilsexklusiven Position festzuhalten, wie sie etwa in der päpstlichen Erklärung Dominus Jesus (2000) zum Ausdruck kommt.
Der Katholizismus steht für den Anspruch, die Vielfalt, auch und gerade die interne Vielfalt, der Einheit unterzuordnen, wenn nicht zu opfern. Dieses katholische Prinzip der (kontrollierten und reglementierten) ›Vielfalt in der Einheit‹ hat der Protestantismus aufgebrochen, ja gleichsam zum Prinzip der ›Einheit in der Vielfalt‹ umgekehrt. Christian Polke sieht im Pluralismus das protestantische Prinzip und beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dessen theologischer Herkunft und den konkurrierenden Deutungsangeboten. Im vorliegenden Band nicht thematisiert werden ökumenische Initiativen als Versuche, die konfessionelle Pluralität innerhalb des Christentums zu gestalten oder auch zu überwinden. Auch der Umgang der orthodoxen Kirchen mit der Pluralität des Religiösen wird nicht behandelt. Ebenso wenig werden Bemühungen um den christlich-jüdischen oder den christlich-islamischen Dialog oder den Trialog der drei ›abrahamitischen‹ Religionen in den Beiträgen thematisiert.
Zur Sprache kommt hingegen die hochaktuelle Frage, wie religiöse Pluralität im zeitgenössischen Islam verarbeitet wird. Menno Preuschaft untersucht konkurrierende Ansätze im Umgang mit religiöser Pluralität - vor allem mit innerislamischer Pluralität - in der gegenwärtigen arabisch-islamischen Welt. Er zeigt, wie sich ausgehend von den fundamentalen islamischen Glaubensüberzeugungen des strikten Monotheismus sowie der Unerschaffenheit des Korans frühzeitig eine innerislamische Vielfalt entwickelte, der über viele Jahrhunderte mit theologischer wie alltagspraktischer "Ambiguitätstoleranz" (Thomas Bauer) begegnet wurde. Im gegenwärtigen islamischen Diskursfeld hat diese wenig Resonanzraum. In der öffentlichen Wahrnehmung drängt sich der pluralitätsfeindliche salafistische Diskurs nach vorne. Doch gibt es, wie Preuschaft zeigt, durchaus (teils eher politisch motivierte, teils genuin theologische) Bemühungen, die Pluralitätstoleranz des Islams zu erweisen und zu stärken.
Dass religiöse Vielfalt zu ganz praktischen Herausforderungen führen kann, zeigt der Beitrag von Regina Grundmann, die Gutachten jüdischer Gelehrter zu Fragen der ›Mischehe‹, der Ehe also zwischen einem jüdischen und einem nicht-jüdischen Partner, im zeitgenössischen amerikanischen Judentum untersucht. Stets eng an ihre Quellen angelehnt, zeigt Grundmann darin nicht nur auf, vor welche religiös-theologische Herausforderung die religiöse Pluralität sowie die Koexistenz von religiösen und nicht-religiösen Bürgerinnen und Bürgern eine minoritäre Religionsgemeinschaft wie das Judentum in den USA stellt. Indem sie rekonstruiert, wie die verschiedenen Richtungen in der jüdischen Religionsgemeinschaft der USA miteinander um die Frage der Mischehe und damit um das Verhältnis der jüdischen Religion zur modernen Gesellschaft ringen, zeigt sie auch die interne Pluralität des amerikanischen Judentums auf. Dass die Frage der ›Mischehe‹ nicht nur für minoritäre religiöse Gemeinschaften brisant sein kann, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass - wenn auch unter anderen theologischen Voraussetzungen - in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ganz ähnliche Debatten auch in der katholischen Kirche in Deutschland geführt wurden.
Mit den Beiträgen von Perry Schmidt-Leukel und Joachim Gentz wird der Fokus von den konkurrierenden monotheistischen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam - deren Fähigkeit zur Akzeptanz religiö­ser Pluralität seit den vieldiskutierten Thesen des Ägyptologen Jan Assmann über das Monotheismen inhärente Gewaltpotenzial grundsätzlich in ­Frage gestellt scheint - hin zu vermeintlich selbstverständlich pluralitätsoffenen religiösen Formationen verschoben. Perry Schmidt-Leukel stellt in seinem Beitrag den ›guten Ruf‹ des Hinduismus als ›pluralistische Religion‹ par excellence auf den Prüfstand. Dazu differenziert er zunächst drei mögliche Bedeutungen der Qualifikation des Hinduismus als ›pluralistisch‹: eine deskriptive (nach der der Hinduismus vielzählige religiöse Lehren, Praktiken et cetera vereint) sowie zwei sowohl deskriptive als auch präskriptive (der ersten zufolge anerkennt der Hinduismus alle internen religiösen Traditionen, der zweiten zufolge auch andere Religionen als gleich gültig und gleichwertig). In einem historischen Rückblick sowie mit Blick auf die Gegenwarts­lage pro­blematisiert Schmidt-Leukel sodann den Charakter des Hinduismus als ›pluralistische Religion‹. Joachim Gentz beschäftigt sich mit verschiedenen historischen ›Harmoniemodellen‹ im Umgang mit religiöser Pluralität in China, indem er zentrale Texte der drei großen religiösen Traditionen in China (Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus) sowie kaiserliche Schriften untersucht. Er argumentiert, dass diese zwar relativ erfolgreich vermochten, das religiöse Konfliktpotential zu entschärfen, zeigt jedoch, dass die verbreitete Vorstellung, diese ›Harmonie‹ basiere auf einer synkretistischen Vermischung der verschiedenen religiösen Traditionsstränge oder ihrer wechselseitigen Tolerierung, in die Irre geht. Die ›Harmonie‹ komme vielmehr, so die These von Gentz, durch eine Zuordnung der verschiedenen Religionen in einem hoch differenzierten Klassifikationssystem zustande, das von einem außenstehenden autoritären politischen Machtzentrum gelenkt werde. Gentz kommt deshalb zu dem Schluss, dass die von ihm untersuchten Harmoniemodelle religiöser Pluralität in China religiöse Pluralität "regulieren ohne pluralistisch zu sein" (430).
Nur am Rande zur Sprache kommt in den Beiträgen die Herausforderung, die sich für Religionen durch die wachsende Konkurrenz nicht-religiöser, säkularer ›Angebote‹ im religiösen Feld ergibt. Die Fragen, die sich damit verknüpfen, werden teilweise im dritten Teil des Bandes in den Blick genommen.

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