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Mobile Wissenschaft


Mobile Wissenschaft

Internationale Mobilität und Migration in der Hochschule
Hochschule und Gesellschaft 1. Aufl.

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Die steigende Diversität unter Studierenden und Wissenschaftlern ist eine neue Herausforderung für die Hochschulforschung. Verstärkt durch die Globalisierung der Arbeitsmärkte kommt internationaler Mobilität und Migration eine besondere Bedeutung zu. Dabei wächst die Beteiligung von Personen mit Migrationsstatus an akademischer Bildung. Zugleich entwickeln gerade im Wissenschaftsbereich viele eine Identität jenseits nationaler Zugehörigkeiten, womit die Hochschule mehr und mehr zu einer transnationalen Sphäre wird. Der Band führt erstmals Beiträge aus der Hochschul- und der Migrationsforschung zusammen.
Inhalt

Einführung 9
Aylâ Neusel und Andrä Wolter

Dank 21

I. Mobilität und Migration - Theoretische, empirische und politische Konzepte

Wissenschaftliche Mobilität und Migration - Was wir wissen und was wir nicht wissen 25
Ulrich Teichler

Transnationalisierung - Konzeptionelle Grundlagen 45
Ludger Pries

Migration und Mobilität in der Hochschulforschung - Genese, Begriff und Konstruktion 67
Aylâ Neusel

II. Internationalisierung der Hochschule und transnationale Wissenschaft

Internationale Wissenschaftler/-innen - (K)Ein Thema für die Hochschul- und Wissenschaftsforschung? 93
Georg Krücken

Wissensvermittlung in transnationalen Netzwerken 111
Ba?ak Bilecen und Thomas Faist

III. Strukturelle Bedingungen und organisationaler Wandel

Rahmenbedingungen für internationale Hochschullehrermobilität - Karrieremodelle an (Forschungs-)Universitäten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und USA sowie in Russland 135
Reinhard Kreckel und Denis Ananin

Zwischen Hochschulabschluss und transnationaler Wissenschaftslaufbahn - Berufsausübung und Lebensführung von internationalen romovierenden 159
Karin Schittenhelm, Yasmin El Dali und Gregor Schäfer

Wie deutsche Hochschulen Internationalisierung realisieren - Eine explorative Studie in transnationaler Perspektive 179
Kyoko Shinozaki

Internationale Wissenschaftler/-innen an deutschen Hochschulen - Zur Veralltäglichung des Internationalen 197
Antje Wegner

IV. Wachstum, Inklusion und Diversität

Die Bedeutung von Migration für die deutschen Hochschulen - Ist die Situation an den Hochschulen typisch für die Lage in Deutschland? 223
Gunter Brückner

Die Vielfalt der Studierenden mit Migrationshintergrund - Ein empirischer Beitrag 245
Christian Kerst und Andrä Wolter

Migration, Familie und Bildungsaufstieg - Ressourcen und Potenziale 269
Ebru Tepecik

V. Wissenschaftler/-innen mit Migrationsbiographie

Transnationale Migrations- und Karrierewege von Natur- und Ingenieurwissenschaftlerinnen aus postsozialistischen Staaten 291
Andrea Wolffram

Internationalität und soziale Ungleichheit - Professor/-innen mit Migrationsbiographie an der Universität 311
Christina Möller

Arbeitsalltag und berufliche Zufriedenheit von Universitätsprofessor/-innen mit Migrationshintergrund 333
Doreen Weichert

Migrationsbiographie und Internationalität von Professor/-innen 357
Ole Engel

Autor/-innen 383
Dr. Aylâ Neusel war Professorin am INCHER-Kassel der Universität Kassel. Dr. Andrä Wolter ist Professor für Hochschulforschung an der HU Berlin.
Einführung

Aylâ Neusel und Andrä Wolter

Internationalisierung und Migration werden in der Hochschulpolitik, oft auch in der Hochschulforschung, tendenziell als zwei Themen- und Forschungsfelder behandelt. Während der Zuwanderung ausländischer Wissenschaftler/-innen nach Deutschland im hochschulpolitischen Diskurs und in den Entwicklungsstrategien deutscher Hochschulen seit längerem eine hohe Bedeutung zugemessen wird, spielt das Thema Migration eine deutlich geringere Rolle. Auch wird dieses Thema weniger im hochschulpolitischen Diskurs über Internationalisierung aufgegriffen als in einem anderen Diskurs, dem über die Ungleichheit der Bildungs- und Studierchancen und deren Konsequenzen für akademische Karrieren. Dieses wichtige gesellschaftspolitische Thema findet aber selten Eingang in die Entwicklungskonzepte von Hochschulen, während in der Internationalisierung ein Feld akademischer Reputation, Exzellenz und Profilbildung gesehen wird. Migration - etwa in der weitverbreiteten Formulierung "Studierende mit Migrationshintergrund" - wird dabei häufig nur auf diejenigen bezogen, die mit ihren Familien als Kinder oder Jugendliche nach Deutschland gekommen sind und hier ihren Schulabschluss und ihre Studienberechtigung erworben haben, obgleich die sozialwissenschaftliche und statistische Definition von Migration grundsätzlich auch bestimmte Formen internationaler Mobilität, mit Einwanderung verbunden, einschließt.
"Deutschland zieht immer mehr ausländische Wissenschaftler an" , so haben die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, und die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdiensts, Margret Wintermantel, den Erfolg ihrer gemeinsamen Bemühungen um die Internationalisierung deutscher Hochschulen gewürdigt. Der internationale Wettbewerb um die "besten Köpfe" hat in Deutschland die Hochschulpolitik der letzten 10-20 Jahre nachhaltig geprägt. Ohne Zweifel sind die deutschen Hochschulen in den letzten zehn Jahren internationaler geworden, was sich an der gemeinsamen Veröffentlichung von DAAD und DZHW "Wissenschaft Weltoffen" (zuletzt 2016) ablesen lässt. Sowohl bei der Zahl internationaler Studierender wie beim wissenschaftlichen Personal lässt sich eine wachsende grenzüberschreitende Mobilität nach Deutschland beobachten.
So wuchs in diesem Zeitraum die Zahl der ausländischen (internationalen) Studierenden um etwa 30 Prozent. Die Internationalisierung von Bildungsbiographien gehört inzwischen zum Normalfall. Der Anteil der internationalen Wissenschaftler/-innen (am Personal deutscher Hochschulen) beträgt heute 10,6 Prozent (Stand 2014), was zwar im internationalen Vergleich bescheiden ist, dennoch für die deutschen Hochschulen in den letzten zehn Jahren mit einem Wachstum von 84 Prozent einen großen Schritt bedeutet. Ohne Zweifel ist die deutsche Wissenschaftslandschaft ein attraktives Ziel für internationale Studierende und Wissenschaftler/-innen geworden.
In der öffentlichen Debatte wurden (und werden) freilich diejenigen oft übersehen, die als Nachkommen von Migrant/-innen hohe schulische und berufliche Qualifikationen erworben haben. Beide Gruppen fallen unter die Kategorie Zuwanderung oder Migration, unabhängig von der Aufenthaltsdauer in Deutschland, auch wenn sie sich in der Regel im biographischen Zeitpunkt der Zuwanderung unterscheiden. Fasst man internationale Studierende und diejenigen Studierenden mit Migrationshintergrund, die das deutsche Schulsystem absolviert haben (teilweise mit ausländischer, teilweise mit deutscher Staatsbürgerschaft) zusammen, dann weist fast ein Drittel aller deutscher Studierenden einen Migrationshintergrund auf. Und nach einer Sonderauswertung des Mikrozensus 2013 besitzen ein Drittel der Promovierenden, ein Fünftel der wissenschaftlichen Mitarbeiter/-innen sowie zwölf Prozent der Professor/-innen an deutschen Hochschulen einen Migrationshintergrund.
Die Idee zu diesem Sammelband "Mobile Wissenschaft - Internationale Mobilität und Migration in der Hochschule" entstand während der Arbeit an dem an der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführten MOBIL-Projekt. Die Rezeption neuerer Arbeiten aus der Migrationsforschung zu hochqualifizierten Migrant/-innen förderte eine Vielfalt von Parallelen zu Untersuchungen über internationale Studierende und Wissenschaftler/-innen in der Hochschulforschung zu Tage, so dass sich daraus die Frage von Ergänzungen oder Erweiterungen der Hochschulforschung aus der Perspektive der Migrationsforschung ergab. Insbesondere die Entdeckung, dass die Forschung über hochqualifizierte Migrant/-innen mit dem Konzept der Transmigration wesentliche Anregungen für die Untersuchung von internationalen Professor/-innen mit Migrationsbiographien leisten könnte, führt zu diesem Sammelband. Früher als in der Hochschulforschung haben Glick Schiller u.a. (1992, siehe dazu den Beitrag von Ludger Pries, i. d. B.) mit dem Konzept der transnationalen Migration einen neuen analytischen Rahmen in der Migrationsforschung geschaffen, um den Wandel des Phänomens der Migration und der "Migranten" zu untersuchen. Deshalb widmen sich mehrere Beiträge in diesem Band diesem Konzept und dessen Bedeutung für die Hochschulforschung. Transnationale Migrant/-innen bewegen sich durch ihre Verflechtungen und Netzwerke dauerhaft in Räumen zwischen mehreren nationalen Kontexten. In der akademischen Welt führt die Transmigration zu multiplen Zugehörigkeiten innerhalb der nach wie vor national lokalisierten Hochschulen, was auch Einfluss auf ihr professionelles Verständnis und auf ihre (oft hybride) Identität hat.
In diesem Sammelband werden daher Beiträge aus zwei Forschungsfeldern, der Hochschul- und Migrationsforschung, zusammengeführt, die in den letzten 20 Jahren voneinander unabhängig die "hochqualifizierten Migrant/-innen" zu ihrem Thema gemacht haben. Hier werden alle hochqualifizierten Migrant/-innen, auch diejenigen, die wie die Studierenden mit Migrationshintergrund mit Residenz in Deutschland bisher eher im Schatten der hochschulpolitischen Aufmerksamkeit standen, einbezogen. Die Hochschulforschung hat bisher eine ausgewählte Gruppe von Studierenden und Wissenschaftler/-innen aus dem Ausland, die sogenannten "Bildungsausländer", inzwischen einem internationalen Sprachgebrauch folgend "internationale" Studierende und Wissenschaftler/-innen genannt, in den Vordergrund gestellt. Andererseits streben heute, beinahe 60 Jahre nach der Immigration von Arbeitskräften aus dem Ausland, deren Nachkommen ein Studium und oft auch eine wissenschaftliche Laufbahn an. Hinzugekommen sind die Nachkommen von Spätaussiedlern, die Einwanderer/-innen aus Süd- und Osteuropa, schließlich die Flüchtenden aus Krisengebieten. In dem vorliegenden Sammelband werden diese beiden Gruppen, "Internationale" und "Migrant/-innen", im Zusammenhang betrachtet. Sie sind verschiedene Facetten wachsender Mobilität zu verschiedenen biographischen Zeitpunkten und aus unterschiedlichen Motiven, die nach den allgemeinen Definitionen auch verschiedene Seiten von Migration bilden.
Die zunehmende Bildungsmigration der letzten Jahrzehnte, nicht zuletzt auch als Folge der Globalisierung der Arbeitsmärkte für Wissenschaftler/-innen, führt zu einer steigenden Diversität und Heterogenität unter den Studierenden und Wissenschaftler/-innen an deutschen Hochschulen. Diese Vielfalt wird noch verstärkt durch die langsam steigende Bildungsbeteiligung von Migrant/-innen aus Deutschland. Diese Entwicklungen bilden eine neue Herausforderung nicht nur für die nationale Hochschulpolitik, sondern gerade auch für die (deutschsprachige) Hochschulforschung. Die internationale Mobilität und Migration tragen dazu bei, dass die Hochschule mehr und mehr zu einer transnationalen Einrichtung wird, was sie ihrem universalistischen Wissenschaftsverständnis nach schon lange ist, nicht aber in ihrem Verständnis über die Diversität ihrer Mitglieder. Diese Transnationalität schlägt sich auch darin nieder, dass gerade im Wissenschaftsbereich viele eine Identität jenseits nationaler Zugehörigkeiten entwickeln.
In diesem Band werden Beiträge aus der Hochschul- und Migrationsforschung unter dem Titel "Mobile Wissenschaft - Internationale Mobilität und Migration in der Hochschule" zusammengefasst. Der Begriff "Mobile Wissenschaft" ist dabei eine Metapher, die genau auf diese neuen Prozesse transnationaler Mobilität anspielen soll. Wissenschaft ist nicht nur als Erkenntnisprozess transnational, sondern inzwischen auch durch die neuen Hochschulakteure - die transnational mobilen Studierenden und Wissenschaftler/-innen. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über den Inhalt des Bandes und der einzelnen Beiträge gegeben.
Mobilität und Migration - Theoretische, empirische und politische Konzepte
Hochschul- und Migrationsforschung benutzen unterschiedliche Begriffe und unterschiedliche Konstruktionen, um die in die deutschen Hochschulen eingewanderten Wissenschaftler/-innen und Studierenden zu erfassen. Während die Hochschulforschung von Begriffen wie "Internationale Wissenschaftler/-innen" oder "International Mobile" ausgeht, die (deutsche) Hochschulstatistik von Bezeichnungen wie Bildungsausländern und Bildungsinländern, werden in der Migrationsforschung "Hochqualifizierte Migrant/-innen" oder "Transnationale Migrant/-innen" untersucht. Die Frage ist, welche theoretischen Überlegungen und system- und institutionsspezifischen Entwicklungen oder auch gesellschaftlichen Bewertungen zu diesen Unterschieden geführt haben. Man könnte sogar fragen, ob es sich dabei um den gleichen Forschungsgegenstand handelt.
Im ersten Kapitel geht es einführend um die begriffliche und methodologische Verständigung und Klärung der eigenen Grundlagen und der damit verbundenen Forschungstraditionen und -diskurse. Welche theoretischen Konzepte und Begriffe, empirischen Rahmenbedingungen und politischen Implikationen werden in der jeweiligen Forschung diskutiert und haben einen Einfluss auf die Ergebnisse der Forschung?
Ulrich Teichler führt in die Diskussion innerhalb der internationalen Hochschulforschung ein und stellt die zentralen Entwicklungen in der Internationalisierung der Hochschulen und die zentralen Themen und Motive der Internationalisierungsdiskussion und -forschung dar. Obwohl der Mobilität seit langem große Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist die Informationslage immer noch ziemlich prekär, so der Autor. Oft wiesen die vorhandenen Daten große Defizite auf. Das führe zu erheblichen Unterschieden in der Klassifikation und Abgrenzung der Personengruppen und ihrer Aktivitäten, so dass sich Aussagen über den statistischen Umfang an Mobilität oder deren Erträge unterscheiden. Tendenziell hat die Hochschulforschung den biographischen Variantenreichtum von Mobilität und Migration noch keineswegs erfasst. Teichler kommt zu dem Schluss, "dass die Erkundung des Phänomens ›internationale Mobilität‹ und die Reflektion des Themas ›Internationalität‹ in der Hochschul- und Wissenschaftslandschaft noch vor großen Aufgaben" stehen.
Ludger Pries steckt in seinem Beitrag die Semantik des Begriffs Transnationalisierung in der Migrationsforschung ab. Er definiert Transnationalisierung und transnational explizit nicht in einem weiten Verständnis zur Benennung aller Phänomene, die nationalgesellschaftliche Grenzen überschreiten. Vielmehr entwickelt er einen bestimmten Idealtypus von Transmigration, der sich von anderen Migrationstypen unterscheidet. Danach zeichnet sich Transmigration dadurch aus, dass der Wechsel zwischen verschiedenen Lebensorten zu einer Art Normalzustand wird und transnationale Migrant/-innen nicht nur einen "plurilokalen" Lebensraum über Ländergrenzen hinweg mit neuen, aber dauerhaften Lebensformen entwickeln, sondern auch eine neue kollektive Identität konstruieren. "Im Falle der Transmigration bilden sich neue sozial-kulturelle Muster und Formen der Vergesellschaftung heraus, die Elemente der Ankunfts- und der Herkunftsgesellschaft beinhalten und diesen […] einen qualitativ anderen Gehalt geben."
Aylâ Neusel stellt den Wandel der deutschen Hochschulen durch die Bildungsmigration der letzten zehn Jahre und die damit verbundenen wissenschaftlich-begrifflichen und hochschulpolitischen Diskurse in den Fokus ihrer Überlegungen. Sie geht der Frage nach, wie in der Hochschulforschung, -politik und -verwaltung auf die sich deutlich verändernde Hochschulpopulation reagiert wird. Wie nimmt die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion die zunehmende Diversität in deutschen Hochschulen auf? Mit welchen Begriffen und Konstrukten wird in Forschungskonzepten und Erhebungsinstrumenten gearbeitet? Dabei spielt der konzeptionelle Wechsel von der Staatsangehörigkeit zum Migrationshintergrund eine zentrale Rolle - und die Art und Weise, wie die neue Kategorie Migrationshintergrund in der Hochschulforschung operationalisiert wird, auch unter Berücksichtigung der MOBIL-Studie. Abschließend identifiziert sie vorhandene Defizite und sucht neue Perspektiven für Forschungskonzepte.
Internationalisierung der Hochschule und transnationale Wissenschaft
Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen der universell gedachten Wissenschaft und der national organisierten Hochschule als Rahmenbedingung der Forschung über wissenschaftliche Karrieren und untersucht den Zusammenhang zwischen Internationalisierung der Hochschule und transnationaler Wissenschaft sowie den Einfluss der transnationalen Vernetzung von internationalen Wissenschaftler/-innen auf die Produktion und Vermittlung von Wissen.
Georg Krücken untersucht, warum die Hochschul- und Wissenschaftsforschung sich bislang nur sehr wenig mit dem Thema der internationalen Professor/-innen beschäftigt hat, obwohl es von hoher Relevanz für das Hochschul- und Wissenschaftssystem und seine zukünftige Entwicklung ist. Die Wissenschaftsforschung tendiert dazu, so der Autor, aufgrund der angenommenen Universalität wissenschaftlichen Wissens und ihrer Orientierung an gleichsam ubiquitären Kriterien von konkreten Personen(gruppen) und damit auch von der Frage der Internationalität der Wissenschaftler/-innen zu abstrahieren. Demgegenüber nimmt die Hochschulforschung primär nationale Karriere- und Beschäftigungssysteme und ihre institutionelle Einbettung in den Blick. Gleichwohl habe die international vergleichende Hochschulforschung wesentliche Beiträge zu den nationalen Besonderheiten akademischer Karrieresysteme und zur Rekrutierung internationaler Wissenschaftler/-innen geleistet. Abschließend erörtert Krücken alternative Strategien, das Thema internationale Wissenschaftler/-innen stärker in der deutschen Wissenschafts- und Hochschulforschung zu etablieren.
In ihrem zugleich theoretisch und empirisch orientierten Beitrag untersuchen Ba?ak Bilecen und Thomas Faist die Rolle von Brokerage, als Prozesse der Wissenserzeugung und -vermittlung in transnationalen Netzwerken verstanden, am Beispiel internationaler Doktorand/-innen. Eine Netzwerk-Perspektive ein-nehmend erkunden die Autor/-innen in einer qualitativ-empirischen Studie die Aktivitäten internationaler Doktorand/-innen zum Wissenstransfer und analysieren die zugrundeliegenden sozialen Bedingungen des Wissenstransfers inner-halb transnationaler Freundesnetzwerke. Auf der Basis ihrer Interviews zeigen die beiden Autor/innen die sozialen Bedingungen des Wissens-Brokerage auf, einschließlich Vertrauen, Reziprozität und Solidarität. Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass internationale Doktorand/-innen solche Broker-Rollen einnehmen, indem sie verschiedene nationale, biographische, institutionelle oder wissenschaftliche Kontexte überbrücken und diesen Wissenstransfer als Ressource einbringen können.
Strukturelle Bedingungen und organisationaler Wandel
Eine Besonderheit internationaler Karrieren ist, dass sie nicht nur innerhalb eines nationalen Systems vorhandene Statuspassagen zu bewältigen haben, sondern auch zwischen den unterschiedlichen nationalen Regelungen mehrfache Übergänge durchlaufen. Im dritten Kapitel geht es um die unterschiedlichen systemischen und institutionellen Rahmenbedingungen für wissenschaftliche Karrieren im internationalen Vergleich. Durch die aktuellen Aktivitäten zur Internationalisierung und die entsprechenden Maßnahmen zur Unterstützung grenzüberschreitender Mobilität und Karrieren verändern sich diese Rahmenbedingungen in der Hochschule. Dabei geht es um die Auswirkungen des Wandels dieser Rahmenbedingungen, zum Beispiel durch die Etablierung des "Europäischen Forschungsraums" oder durch die zahlreichen Mobilitätsprogramme in den Hochschulen, auf die Werdegänge von (Nachwuchs)Wissenschaftler/-innen und nicht zuletzt darum, wie deutsche Hochschulen den Prozess der Internationalisierung gestalten und welche Rolle hochschulinterne Akteur/-innen dabei spielen und welche Strategien sie anwenden.
Reinhard Kreckel und Denis Ananin stellen in ihrem Beitrag die Personalstrukturen und Laufbahnsysteme in fünf unterschiedlichen nationalen Hochschulsystemen dar, welche zentrale Rahmenbedingungen insbesondere auch für internationale Mobilität und Karrieren, gerade für "Quereinsteiger" bilden. Die Autoren unterscheiden und beschreiben vier westliche akademische Karrieremodelle sowie ein osteuropäisches Modell in ihren Grundstrukturen: Das deutsche Habilitationsmodell, das britische Tenuremodell, das französische Habilitations- und Tenuremodell und das US-amerikanische Tenure-Track-Modell sowie das russische Lehrstuhlmodell der akademischen Karriere. Anschließend wird die Frage erörtert, inwieweit sich diese Modelle fördernd oder hemmend auf die internationale Hochschulmobilität auswirken.
In ihrem Beitrag stellen Karin Schittenhelm, Yasmin El Dali und Gregor Schäfer das Konzept für ein aktuelles Forschungsprojekt vor, das untersucht, wie sich die Etablierung eines "Europäischen Forschungsraumes" auf transnationale Berufsbiographien des wissenschaftlichen Nachwuchses in Hochschulen und Forschungseinrichtungen auswirkt. Der Beitrag stellt die theoretische Konzeption, Methoden und Forschungsperspektiven einer qualitativ-empirischen Untersuchung zu Hochschulabsolvent/-innen aus Deutschland vor, die als internationale Doktorand/-innen in zwei ausgewählten Ländern der Europäischen Union - in Frankreich und in den Niederlanden - ihre wissenschaftliche Laufbahn mit einer Promotion beginnen. Das primär theoriegenerierende Interesse richtet sich darauf, wie sich im Verlauf des Übergangs und am Beginn der wissenschaftlichen Karriere Orientierungen und Praktiken der Berufsausübung und der Lebensführung herausbilden.
Kyoto Shinozaki untersucht die Praktiken der Internationalisierung von Hochschulen am Beispiel des wissenschaftlichen Personals an zwei Hochschulen in Deutschland. Sie zeigt exemplarisch auf, welche Rolle hochschulinterne Akteur/-innen in ihren Bemühungen um die selbstdeklarierte "Internationalisierung" spielen. Die Ergebnisse der Fallstudienanalyse zeigen, dass eine Vielzahl hochschulinterner Akteur/-innen in ihren hierarchischen Strukturen das Feld der "Internationalisierung" konstituiert. Dabei sind organisationsspezifische Unterschiede zum Beispiel in der Logik der Internationalisierungspraktiken erkennbar. Vor diesem Hintergrund sollte die Aufmerksamkeit stärker auf die institutionelle Ebene der Hochschulen gerichtet werden, so Shinozaki, die als transnationale Vermittler auf der Mesoebene zwischen dem Staat und den hochqualifizierten akademischen Migrant/-innen über nationalstaatliche Grenzen hinweg erfolgreich agieren.
Antje Wegner geht der Frage nach, ob und unter welchen Bedingungen internationalen Wissenschaftler/-innen an deutschen Hochschulen die Integration in den Wissenschaftsbetrieb mehr oder weniger erfolgreich gelingt, und untersucht, mit welchen Herausforderungen sie dabei konfrontiert werden. Das "Internationale" scheint an deutschen Hochschulen mit Unterstützung durch zahlreiche Mobilitätsprogramme in Form von Zielformulierungen, strategischen Konzepten und der hohen Präsenz internationaler Wissenschaftler/-innen mittlerweile zum akademischen Alltag zu gehören, so die Autorin. Dagegen ist die Alltagsrealität an deutschen Hochschulen aus der Perspektive internationaler Wissenschaftler/-innen bislang kaum untersucht worden. Auf der Basis der MIND-Studie mit einer Befragung von über 1.500 internationalen Doktorand/
-innen an deutschen Hochschulen fragt Wegner danach, welche Bedingungskonstellationen dazu führen, dass es und warum es bestimmten internationalen Wissenschaftlergruppen besonders leicht oder schwer gelingt, im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem Fuß zu fassen.

Wachstum, Inklusion und Diversität

Die wachsende Bildungsmigration, das Wachstum in der Zahl bzw. im Anteil internationaler Studierender und Wissenschaftler/-innen und die steigende Bildungsbeteiligung in Deutschland lebender junger Menschen mit Migrationsbiographien schaffen eine zunehmend differenzierte Hochschulbevölkerung. Diese Diversität ist eine Herausforderung für deutsche Hochschulen. Die Beiträge des vierten Kapitels befassen sich mit dieser Herausforderung und analysieren Umfang und Struktur der in den Hochschulen anzutreffenden Gruppen mit Zuwanderungsbiographie und die Dynamiken, die diese Entwicklung bestimmen. Im abschließenden Beitrag dieses Kapitels wird die Frage gestellt, über welche sozialen und kulturellen Ressourcen die Migrant/-innen für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn verfügen.
Gunter Brückner analysiert Umfang und Zusammensetzung der Hochschulpopulation - Studierende, Bedienstete, insbesondere wissenschaftliches Personal - teilweise im Vergleich zur Gesamtheit der migrantischen Bevölkerung in Deutschland. Mit Daten aus der deutschen Hochschulstatistik und einer Sonderauswertung des Mikrozensus 2016 kann er einen hochaktuellen Stand zur Inklusion von Ausländern/-innen und von Personen mit Migrationshintergrund im deutschen Hochschulsystem darstellen. Der Autor analysiert in seiner Sonderauswertung spezifische Selektionsmuster. Zwar unterscheidet sich der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an deutschen Hochschulen bei Studierenden und Bediensteten nur wenig von dem in der Gesamtbevölkerung. Aber Migration an Hochschulen setzt sich nicht aus den gleichen Bevölkerungsgruppen zusammen wie die Zuwanderung in Deutschland insgesamt.
Der Beitrag von Christian Kerst und Andrä Wolter widmet sich drei Gruppen von Studierenden mit Migrationshintergrund: inländischen Studierenden mit Migrationsbiographie, internationalen Studierenden und sogenannten Flüchtlingen, Schutz- und Asylsuchenden. Die Autoren beschreiben diese verschiedenen Gruppen an den Hochschulen, analysieren die Entwicklung der Bildungsbeteiligung von Studierenden mit Migrationshintergrund und fragen nach Hürden und Problemen auf dem Weg an die Hochschulen, sowie nach dem Studienverlauf und dem Übergang in den Arbeitsmarkt. Da sich aus der Bevölkerung mit Migrationshintergrund auch das zukünftige Fachkräfteangebot speist, ist die Frage nach der Bildungsbeteiligung - hier an akademischer Bildung - eine bildungs- und arbeitsmarktpolitische Schlüsselfrage. In dieser Gruppe sind, insbesondere unter den inländischen Jugendlichen mit Zuwanderungsbiographie, aber auch unter den internationalen Studierenden, noch Potenziale zu erschließen.
Ebru Tepecik untersucht in ihrem Beitrag erfolgreiche Hochschulabsolvent/-innen aus der zweiten Generation der türkeistämmigen Arbeitsmigrant/-innen in Deutschland. Die Autorin geht von der Feststellung aus, dass in der Migrationsforschung bisher eine Defizitperspektive dominiert. Gegenüber dieser auf die Identifizierung von Exklusionsmechanismen zielenden Perspektive wirft Tepecik - gleichsam in einer Art "Gegendiskurs" - die umgekehrte Frage auf, welche Bedingungen denn für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn von Migrantinnen und Migranten, also für deren Inklusion, förderlich sind. Damit stellt sie die Ressourcenfrage, die Frage, über welche kulturellen und sozialen Ressourcen Migrant/-innen verfügen, und sucht das "kulturelle Kapital in der Migration" genauer zu bestimmen. Diese Perspektive, basierend auf einer qualitativen Studie, vermag die auf die Dokumentation und Analyse der gegenwärtigen Bildungsbeteiligung von Migrantinnen und Migranten gerichteten Beiträge von Brückner und Kerst/Wolter unter einem qualitativen Aspekt zu ergänzen.

Wissenschaftler/-innen mit Migrationsbiographie

In diesem Kapitel werden aktuelle Beiträge zusammengeführt, deren Forschungsfragen sich auf Wissenschaftler/-innen mit Migrationsbiographie richten. Zum Teil übernehmen diese von der Migrationsforschung das theoretische Konzept der "(Trans-)Migration", das bisher in der Hochschulforschung kaum rezipiert wurde. Andererseits gehen sie oft von typischen Fragen aus der Hochschulforschung aus und untersuchen unterschiedliche Einflussfaktoren auf transnationale Berufskarrieren. Dabei steht die soziale Ungleichheit in den Hochschulkarrieren im Vordergrund; behandelt werden die Einflüsse der Migration, des Herkunfslandes, der Bildungsherkunft oder der Geschlechterverhältnisse in der Hochschule, auch als intersektionale Analyse.
Andrea Wolffram verfolgt wissenschaftliche Karrierewege von Migrantinnen am Beispiel von hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen aus postsozialistischen Ländern, die an deutschen Hochschulen in MINT-Fächern ihre Karriere bis zur Professur fortsetzen. Sie zeigt, welche Einflussfaktoren zur Realisierung einer Wissenschaftskarriere unter Berücksichtigung von gesellschaftlichen und institutionellen Ungleichheiten bedeutsam sind: Herkunft aus der wissenschaftlichen "Semi-Peripherie", Aufstieg in einer männerdominierten akademischen Disziplin in Deutschland, trotz eines oder mehrerer Kinder. Sie fragt auch danach, welche individuellen und kulturellen Faktoren, welche Ressourcen sie geltend machen konnten, um als "akademische Nomadinnen" (Tippel/Becker) an deutschen Universitäten erfolgreich Fuß zu fassen - und welche "Kosten" sie dafür zu zahlen bereit waren.
Christina Möller analysiert auf der Basis quantitativer Daten von Professor/-innen an nordrhein-westfälischen Universitäten soziale Ungleichheiten nach Geschlecht, nach regionaler, migrantischer, und sozioökonomischer Herkunft. Dabei zeigt sich, ähnlich wie in der MOBIL-Studie, dass Professor/-innen mit Migrationsbiografie großenteils aus wenigen und oft aus deutschsprachigen Nachbarländern stammen. Hinsichtlich ihrer sozioökonomischen Herkunft sind Professor/-innen mit Migrationsbiografie deutlich exklusiver zusammengesetzt als die Professorenschaft insgesamt. Die Autorin plädiert abschließend dafür, der Frage nach den strukturellen Zugangschancen zur Universitätsprofessur mit einer intersektionalen Analyse zu begegnen, die soziale Herkunft, Geschlecht und Migration verbindet.
Doreen Weichert untersucht die berufliche Zufriedenheit von Professor/-innen mit Zuwanderungsbiographie und stützt sich dabei auf Forschungsergebnisse aus dem MOBIL-Projekt. Im Rahmen dieser quantitativ angelegten Studie wurden Professor/-innen mit einer Migrationsbiographie aus Hessen und Berlin zu ihrer Herkunft und ihrem Werdegang, zu ihren Zuwanderungsmotiven, wissenschaftlichen Tätigkeitsschwerpunkten und ihren Erfahrungen im deutschen Hochschulsystem befragt. Die Autorin untersucht Determinanten beruflicher Zufriedenheit und vergleicht ihre Ergebnisse mit den Forschungsergebnissen anderer Studien. Sie zeigt, über welche Potentiale internationale Professor/-innen verfügen, wodurch ihr Arbeistalltag gekennzeichnet ist und wie zufrieden sie mit ihrer beruflichen Situation sind. Angesichts der vielen Fragen, die offenstehen müssen, empfiehlt sie, mit einer grösser angelegten Studie Professor/-innen mit Migrationshintergrund an deutschen Hochschulen zu untersuchen.
Ole Engel unterscheidet in seinem Beitrag drei Migrationstypen, die je nach Zuwanderungszeitpunkt als "Early Migrants", "Student Migrants" und "Professional Migrants" bezeichnet werden. Der Autor untersucht - ebenfalls mit den Daten des MOBIL-Projektes - Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen drei Typen hinsichtlich der Soziodemographie, der Bildungs- und Berufsverläufe sowie der internationalen Aktivitäten. Er entwickelt dabei einen theoretischen Rahmen, der den Diskurs über Brain-Gain und Brain-Circulation, den Ansatz des kulturellen Kapitals in der Migration sowie den Diversity-Ansatz im Kontext sozialer Ungleichheitsforschung zusammenführt, und reflektiert abschließend, welche Erkenntnisse die Ergebnisse seiner Untersuchung im Hinblick auf diese Theoriediskurse liefern.

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