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Gouvernementalität und Geschlecht


Gouvernementalität und Geschlecht

Politische Theorie im Anschluss an Michel Foucault
Politik der Geschlechterverhältnisse, Band 52 1. Aufl.

von: Ulrich Bröckling, Martin Saar, Birgit Sauer, Dianna Taylor, Brigitte Bargetz, Gundula Ludwig, Alex Demirovic, Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Ina Kerner, Isabell Lorey, Andrea Maihofer, Hanna Meißner, Katrin Meyer

30,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 11.05.2015
ISBN/EAN: 9783593420806
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 231

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Welche Erkenntnisse bietet Michel Foucaults Ansatz der Gouvernementalität für eine politische Theorie, die Geschlecht als zentrale Kategorie setzt? In diesem Band werden Grundbegriffe aus Foucaults Spätwerk aus feministischer Sicht beleuchtet, z.B. Gouvernementalität, Macht, Staat, Subjekt, Sicherheit, Wissen und Kritik. Diese Re-Lektüre möchte zum einen Foucaults Ansatz geschlechtertheoretisch weiterentwickeln und vertiefen, zum anderen Anstöße für eine politische Theoretisierung von Geschlecht geben.
Inhalt
Gouvernementalität und Geschlecht: Politische Theorie im Anschluss an Michel Foucault - eine Einleitung 7
Brigitte Bargetz/Gundula Ludwig/Birgit Sauer
Das Gefüge der Macht 31
Isabell Lorey
Sex Machine oder: die Führung der Individuen durch Sexualität - Überlegungen zur Gouvernementalität 62
Alex Demirovi?
Feministische Staatskonzeption als Digestive: Staat im Spätwerk Foucaults 90
Birgit Sauer
Das Geschlechterwissen des Staates: Gouvernementalität, Macht, Neoliberalismus 117
Ina Kerner/Martin Saar
Gouvernementale Sicherheit, vergeschlechtlichte Risiken und das feministische Potential geteilter Sorge 139
Katrin Meyer
›Angenommen, es gibt keine Universalien …‹ - Zur Konstitution von KörperSubjekten in modernen westlichen Gesellschaften 161
Gundula Ludwig
Historische Ontologie des Selbst, Subjektivierung und Psychopolitik 185
Alexandra Rau
Kritik und Widerstand - Erfindungsarbeit an den Grenzen unserer Gewissheiten 207
Hanna Meißner
Autor_innen 229
Politik der Geschlechterverhältnisse
Brigitte Bargetz ist Lehrbeauftragte am Institut für Sozialwissenschaften an der HU Berlin. Gundula Ludwig, Dr. pol., ist Lehrbeauftragte an der Universität Wien. Birgit Sauer ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.
Gouvernementalität und Geschlecht: Politische Theorie im Anschluss an
Michel Foucault - eine Einleitung
Brigitte Bargetz/Gundula Ludwig/Birgit Sauer
In den Gouvernementalitätsvorlesungen, die Michel Foucault 1978 und 1979 am Collège de France hält, führt er ein neues Verständnis von Macht als Regieren ein, das über das Lenken der Führungen und Handlungen operiert (SuM: 286). Mit dem Begriff des Regierens bezieht sich Foucault auf die Bedeutung, die dieser im 16. und 17. Jahrhundert hatte, als er Eingang in die politisch-theoretischen Reflexionen fand und räumlich-physikalische Dimensionen - wie etwa "lenken" und "vorantreiben" - ebenso wie materielle - wie "unterhalten" und "ernähren" - und moralische - wie die Fähigkeit, sich selbst und andere zu führen - umfasste (GG I: 181f.). Mit dem Begriff des Regierens als neuer Technik der Macht, die "im Grunde viel mehr ist als die Souveränität, viel mehr als die Herrschaft, viel mehr als das imperium, das heißt das moderne politische Problem" (GG I: 116), vollzieht Foucault eine entscheidende und folgenreiche machttheoretische Wendung, die es ihm erlaubt, neue Gegenstände wie die Bevölkerung und den Staat in seine Analytik der Macht zu integrieren, sowie Thematiken, die Foucault bereits vor 1978 beschäftigt haben, wie die Konstitution des modernen westlichen Subjekts, zu präzisieren.
Mit der Einführung des Begriffs des Regierens in den Gouvernementalitätsvorlesungen trägt Foucault darüber hinaus weiter zu dem sein Gesamtwerk durchziehenden Vorhaben bei, Macht jenseits juridischer Vorstellungen zu denken. Wiederholt kritisiert er, dass Macht nur unzureichend erfasst werden kann, solange "der Kopf des Königs noch […] nicht gerollt" ist (SW I: 90), solange also Macht auf Repression und Unterwerfung reduziert wird. Dieses Bestreben einer Erweiterung des Machtverständnisses bezieht er mit den machttheoretischen Erneuerungen in den Vorlesungsreihen von 1978 und 1979 auf den modernen westlichen Staat und auf das Regieren der Bevölkerung. Trotz einschneidender machttheoretischer Verschiebungen stellen die Gouvernementalitätsvorlesungen daher eine konsequente Ausdehnung seiner genealogischen Fragestellungen und keinen theoretischen Bruch mit seinen vorangegangenen Arbeiten dar. Auch in den Gouvernementalitätsvorlesungen fokussiert Foucault die "Erscheinungsbedingungen einer Singularität in vielfältigen bestimmenden Elementen" (WK: 37) und nimmt so im Gegensatz zu ›klassisch‹ institutionalistischen Ansätzen in der politischen Theorie weder die Existenz des Staates noch der Bevölkerung als gegebene Ausgangspunkte. Vielmehr interessiert er sich für die vorgelagerten Rationalitäten und Machttechnologien, die die Existenz einer Institution, einer Funktion und eines Objekts erst ermöglichen (GG I: 177; s.a. DvM: 33 und StW: 20f.). So wie er in Wahnsinn und Gesellschaft (WG) die Existenz des Wahnsinns, in Überwachen und Strafen (ÜS) die Existenz der Kriminalität und in Der Wille zum Wissen (SW I) die Existenz der Sexualität nicht als gegeben voraussetzt, sondern die vielfältigen und verschlungenen Machttechniken beschreibt, die Wahnsinn, Kriminalität und Sexualität hervorbringen - und zwar gerade durch die Anreizung von Diskursen und Praktiken -, interessiert er sich in den Gouvernementalitätsvorlesungen für das Bedingungsgefüge, das den modernen westlichen Staat und die Bevölkerung hervorbringt. Sein Ziel ist es somit, den Staat und die Bevölkerung "vom Standpunkt der Konstituierung der Felder, Bereiche und Wissensgegenstände" (GG I: 177) zu verstehen. Für dieses Bedingungsgefüge führt Foucault den Begriff der Gouvernementalität ein, um damit die politische Rationalität des Regierens und mithin "die aus den Institutionen, den Vorgängen, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken gebildete Gesamtheit, welche es erlauben, diese recht spezifische, wenn auch sehr komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als wichtigste Wissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Element die Sicherheitsdispositive hat" (ebd.: 162) zu beschreiben.
Im Folgenden soll zunächst nachgezeichnet werden, wie Foucault zu diesen neuen machttheoretischen Einsichten gelangt und welche neuen Perspektiven er damit für die Analyse moderner westlicher Gesellschaften und insbesondere der darin wirkenden Machtverhältnisse bereitstellt. Trotz Foucaults zentraler Einsichten für ein erweitertes machttheoretisches Verständnis bleiben seine Analysen allerdings auch beschränkt, da er ein Verständnis von Macht entwickelt, das historisch spezifische Grenzziehungen und Wirkweisen von Macht unberücksichtigt lässt. Um deutlich zu machen, wie Geschlecht in modernen westlichen Nationalstaaten die gesellschaftliche Ordnung in fundamentaler und spezifischer Weise konstituiert und dass folglich auch politische Theorie diese Vergeschlechtlichung von Gesellschaft, Staat, Macht, Bevölkerung und Subjekten erfassen muss, sollen daran anschließend zentrale Einsichten feministischer politischer Theorie dargelegt werden. Davon ausgehend führen wir zunächst aus einer geschlechterkritischen Perspektive aus, an welchen Punkten Foucaults gouvernementalitätstheoretische Analysen geschlechtertheoretisch erweitert werden müssen. Daran anschließend legen wir dar, wie feministische Ansätze durch gouvernementalitätstheoretische Einsichten zugleich instruktiv ergänzt werden können. Auf diese Weise sollen geschlechtertheoretische Anschlussstellen in Foucaults Arbeiten für die feministische politische Theorie benannt werden, die, wie wir im abschließenden Teil skizzieren, in den einzelnen Beiträgen vertieft werden.
Geschichte der Gouvernementalität I: Sicherheit, Staat, Bevölkerung
Foucault eröffnet die Vorlesungsreihe 1978 mit einer entscheidenden Modifikation seiner vorangegangenen Analytik der Macht, indem er vorschlägt, statt bislang zwei, nunmehr drei Formen der Machtausübung zu unterscheiden: Gesetz, Disziplin und Sicherheit (GG I: 22f.). Das Gesetz trennt, ausgehend von einer gesetzten Norm, das Erlaubte vom Verbotenen. Auch die Disziplin trennt die ›Normalen‹ und ›Tauglichen‹ von den ›Abnormalen‹ und ›Untauglichen‹ (ebd.: 89f.), indem sie diesen jeweils spezifische Orte zuweist und sie entlang der Norm einteilt und klassifiziert. Das Sicherheitsdispositiv hingegen nimmt nicht eine gegebene Norm zum Ausgangspunkt, sondern - hier wird Foucaults post-juridisches Denken deutlich - eine Normalität, die sich erst im Prozess der Normalisierung herstellt. Das Sicherheitsdispositiv geht nämlich von einem Mittelwert aus, von dem aus das Akzeptable und dessen Grenzen definiert werden. Damit zielt das Sicherheitsdispositiv nicht auf die "Her-Ausnahme" (Lorey 2011: 236) des ›abnormalen‹ einzelnen Subjekts, sondern auf die "Hereinnahme" (ebd.: 260) der Abweichungen ab. Im Sicherheitsdispositiv werden Abweichungen innerhalb eines bestimmten Rahmens nicht nur toleriert, sondern vielmehr zum Element der Machtausübung. Während das Gesetz und die Disziplin direkt auf die einzelnen Subjekte zugreifen, um es so ins Verhältnis zur gegebenen Ordnung zu setzen, ist das Sicherheitsdispositiv um den Durchschnitt und das Verhältnis zwischen diesem und den Abweichungen zentriert. Das Sicherheitsdispositiv nimmt über die "Rationalisierung des Zufalls und der Wahrscheinlichkeiten" (ebd.: 93) auf die Umgebung des Ereignisses Einfluss. Es wirkt somit indirekt, da über die Herstellung einer bestimmten Normalität das Verhalten der Menschen gelenkt wird, ohne in dieses direkt einzugreifen.
Diese Veränderungen der Konzeptualisierung von Macht führen auch zu einer begrifflichen Präzisierung bei Foucault: Noch in Der Wille zum Wissen (SW I) und Überwachen und Strafen (ÜS) bezeichnet Foucault den Machtmodus der Disziplin als ›Normalisierung‹. In den Gouvernementalitätsvorlesungen schlägt er stattdessen den Begriff ›Normation‹ vor, um auf diese Weise hervorzuheben, dass für die Normation eben die Norm und nicht ›das Normale‹, die Grundlage ist (GG I: 91). Als Normalisierung bezeichnet er fortan die Wirkweise des Sicherheitsdispositivs.
Auch in Bezug auf das Objekt, auf welches die jeweilige Form der Machtausübung sich richtet, unterscheiden sich Gesetz, Disziplin und Sicherheitsdispositiv: Das Gesetz richtet sich auf das Territorium, die Disziplin auf den Körper, "der unterworfen werden kann, der ausgenutzt werden kann, der umgeformt und vervollkommnet werden kann" (ÜS: 175), das Sicherheitsdispositiv auf die Bevölkerung, die im 18. Jahrhundert als neue politische Figur auftritt. Anders als das ›Volk‹ in feudalen Gesellschaften, das als eine der souveränen Macht gegenüberstehende, natürliche Gegebenheit gefasst wurde, wird die Bevölkerung ab dem 18. Jahrhundert zur "eigenständige[n] biologisch-politische[n] Entität" (Adolphs 2008: 195). Sie wird zu einer Gesamtheit, deren Größe und Wohlergehen abhängig ist von einer Vielzahl von Variablen wie dem Klima, dem Handel, den Gesetzen und den Gewohnheiten der Individuen. Diese Variablen können jedoch nicht nur mittels Recht beeinflusst werden: Auf die Bevölkerung wird nicht allein direkt Macht ausgeübt, sondern, wie bereits zuvor angemerkt, indem über vielfältige Faktoren auf ihr Verhalten Einfluss genommen wird - indem sie eben regiert wird.
"[D]as ist also eine ganz andere Technik, die sich abzeichnet: Nicht den Gehorsam der Untertanen im Verhältnis zum Willen des Souveräns erreichen, sondern auf die der Bevölkerung offensichtlich entfernten Dinge Einfluß nehmen, von denen man aber durch das Kalkül, die Analyse und die Reflexion weiß, daß sie effektiv auf die Bevölkerung einwirken können." (GG I: 110f.)
Diese Formen des Regierens der Bevölkerung zeigen sich besonders deutlich in den politischen Strategien, die ab dem 18. Jahrhundert sukzessive Fragen "der Wohnverhältnisse, der städtischen Lebensbedingungen, der öffentlichen Hygiene oder der Veränderung des Verhältnisses zwischen Geburtenrate und Sterblichkeit" (MaM: 236) ins Zentrum der Politik rücken (Lorey 2007a; Sarasin 2001).
Mit seinen Ausführungen zur Bevölkerung entwickelt Foucault auch sein Konzept der Biomacht zum Konzept der Biopolitik weiter: Im Modus des Regierens wird das Leben der Subjekte als Einzelne und als Teil der Bevölkerung zum Gegenstand politischer Kalküle - und erst auf diese Weise wird es möglich, "die Bevölkerung als Produktionsmaschine zur Erzeugung von Reichtum, Gütern und weiteren Individuen nutzen [zu können]" (MaM: 235). Diese Form der Biopolitik ist die Voraussetzung dafür, dass nicht mehr, wie in feudalen Gesellschaften, die Unterwerfung des Volkes als Untertanen und der Umfang des Territoriums die zentralen Parameter für die Stärke des Staates sind, sondern dass das Leben der Bevölkerung zur Ressource des modernen Staates wird (vgl. dazu auch Lorey 2007a: 272).
Foucaults Begriff des Regierens verändert schließlich auch seine Perspektive auf den modernen westlichen Staat. Bis zu den Vorlesungen am Collège de France 1978 und 1979 stellt die Abkehr vom Staat einen wesentlichen Antrieb für Foucaults Theoretisierung von Macht dar. So bemerkt er in einem Interview 1972:
"Die Theorie des Staates, die traditionelle Analyse der Staatsapparate schöpften zweifelsohne das Feld der Ausübung und das Funktionieren der Macht nicht aus. Das ist derzeit der große Unbekannte: Wer übt die Macht aus? Und wo übt er sie aus? Man weiß derzeit so in etwa, wer ausbeutet, wohin der Profit geht, durch wessen Hände er geht und wo er wieder investiert wird - dagegen die Macht… Zwar weiß man, dass nicht die Regierenden die Macht innehaben. Der Begriff ›leitende Klasse‹ ist allerdings weder sehr klar noch sehr ausgearbeitet. ›Herrschen‹, ›leiten‹, ›regieren‹, ›die an der Macht befindliche Gruppe‹, ›Staatsapparate‹ usw., man hat da ein ganzes Spiel von Begriffen, die zu analysieren wären." (IuM: 389)
Gerade dieses Vorhaben, Macht als eigenständiges Phänomen zu untersuchen, führt Foucault in seinen prä-gouvernementalitätstheoretischen Arbeiten dazu, sich nicht mit dem Staat zu befassen. Dabei reproduziert er selbst allerdings eine Gleichsetzung von staatlicher Macht mit juridischer Macht, die eigentlich seinem Machtverständnis widerspricht. Erst seine gouvernementalitätstheoretischen Einsichten ermöglichen es, seine Konzeption des Staates in juridisch-repressiven Begriffen zu überwinden, indem er staatliche Machtausübung als Regieren fasst.
Foucault begreift nun die Genealogie des modernen westlichen Staates im Licht der "Kunst, die Menschen zu regieren" (GG I: 242). Deren Wurzeln verortet er in der christlichen Pastoralmacht, die immer mehr zur Form staatlicher Machtausübung des modernen Staates wird:
"Ich sage nicht, daß der Staat aus der Kunst des Regierens geboren wurde oder daß die Techniken der Regierung der Menschen im 17. Jahrhundert entstehen. Der Staat als Gesamtheit der Institutionen der Souveränität existierte seit Jahrtausenden. Die Techniken der Regierung der Menschen waren ebenfalls mehr als tausend Jahre alt. Doch ausgehend von einer neuen Gesamttechnologie der Regierung der Menschen hat der Staat die Form angenommen, die wir [heute] kennen." (ebd.: 181)
Die Transformation des Regierens hin zu einer Form staatlicher Machtausübung ist für Foucault "zweifellos einer der entscheidenden Momente in der Geschichte der Macht in den abendländischen Gesellschaften" (ebd.: 269). Indem er diese veränderte Regierungsform deutlich macht, gelingt es Foucault in den Gouvernementalitätsvorlesungen, staatliche Machtausübung in nicht-juridischer Weise zu fassen: als Lenkung der Führungen und als ein "auf Handeln gerichtetes Handeln" (SuM: 286).

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