Details


"God bless America"

Zivilreligion in den USA im 20. Jahrhundert
Religion und Moderne, Band 8 1. Aufl.

von: Anja-Maria Bassmir, Jana Weiß, Heike Bungert, Morten Brænder, Jonathan H. Ebel, Raymond Jr. Haberski, Andrew Manis, Anthony Santoro, Ulrike Stockhosen, David Weiss

30,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 11.05.2017
ISBN/EAN: 9783593436166
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 387

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

"God bless the United States of America": In den USA ist das Religiöse in der Politik allgegenwärtig - während der Präsidentschaftswahlen oder bei wichtigen Reden des Präsidenten zur Außenpolitik wird regelmäßig Gott erwähnt. Aus europäischer Sicht wirkt diese religiöse Aufladung der politischen Botschaft meist befremdlich. Die enge Verbindung von Religion und Politik, die sogenannte Zivilreligion, nimmt dieser Band für das 20. Jahrhundert in den Blick. Der Fokus liegt hierbei auf Ritualen, etwa den Wahlkämpfen und patriotischen Feiertagen, auf Kriegen wie dem Ersten und Zweiten Weltkrieg oder dem Vietnamkrieg sowie auf ethnischen und religiösen Gruppen, z.B. den Afro-Amerikanern, Latino-Amerikanern und Evangelikalen.
Inhalt

Einleitung: Zivilreligion(en) - Alte Herausforderungen, neue Perspektiven7
Heike Bungert und Jana Weiß

I. "Rituale"

Zivilreligion in Jubiläen der US-amerikanischen Geschichte, 1957-197137
Heike Bungert
"God Loves You and I Love You": Herausforderungen an die zivilreligiöse Tradition in George W. Bushs präsidialer Wahlkampfrhetorik 200479
David Weiss
Sport, Nation, Fans und Rituale: Die National Football League und die Entstehung
einer transnationalen Zivilreligion125
Anthony Santoro

II. Kriege

"Sage mir, wofür Du sterben wirst, so sage ich Dir, wer Du bist": Krieg als ein zivilreligiöses Ritual163
Morten Brænder
GI Judas: Militärdienst, Verrat und die US-amerikanische Zivilreligion191
Jonathan H. Ebel
"We Are Not Fighting This Battle Alone. We Have God on Our Side": Nationale Feiertage als zivilreligiöse Propagandainstrumente im Kalten Krieg?221
Jana Weiß

III. Religiöse und ethnische Gruppen

Reinhold Niebuhr, Richard John Neuhaus und Stanley Hauerwas: Ein theologischer Diskurs über die US-amerikanische Zivilreligion259
Raymond J. Haberski, Jr.
"Worshipping Washington": Evangelikale und Zivilreligion291
Anja-Maria Bassimir
"If I Were One of the Founding Fathers…": Die Nutzung zivilreligiöser Elemente im politischen Aktivismus latino-evangelikaler Christen in den USA319
Ulrike Stockhausen
Zivilreligionen und das Problem von "Race" von der Bürgerrechtsbewegung bis zu den Kulturkriegen353
Andrew M. Manis

Autorinnen und Autoren385
Heike Bungert ist Professorin für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Münster.
Jana Weiß ist dort Post-Doktorandin am Historischen Seminar.
Einleitung: Zivilreligion(en) - Alte Herausforderungen, neue Perspektiven
Heike Bungert und Jana Weiß
US-Präsidenten reden regelmäßig über Gott und beenden Ansprachen mit "God Bless America", der Bitte um Gottes Segen; Geistliche sprechen bei politischen Veranstaltungen Gebete; und Soldaten ziehen für Gott und Vaterland in den Krieg. Diese scheinbar fehlende Differenzierung zwischen Religion und Politik in den USA wirkt auf bundesdeutsche Beobachter oft ein wenig befremdlich. Vor 50 Jahren nannte der Soziologe Robert N. Bellah das Phänomen der Vermischung von Religion und Politik Zivilreligion und entfachte mit seinem Aufsatz "Civil Religion in America" eine interdisziplinäre Debatte. Bis in die späten 1970er Jahre wurde über die sogenannte Zivilreligion in der (Religions )Soziologie, der Theologie, der Politik- und in Ansätzen auch in der Geschichtswissenschaft leidenschaftlich diskutiert, wobei das Konzept sowohl auf Zustimmung als auch auf Ablehnung stieß. Während sich die Diskussion in den folgenden zwei Jahrzehnten abschwächte, ist sie nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 erneut aufgeflammt.
Dementsprechend reiht sich der vorliegende Sammelband Zivilreligion in den USA in die Wiederaufnahme und Neubewertung des Konzepts ein. Da der letzte deutschsprachige Sammelband, der sich mit dem Phänomen der Zivilreligion beschäftigt, 16 Jahre alt ist, erscheint es sinnvoll, das Konzept erneut in die deutsche Diskussion einzubringen, die sich derzeit, auch im Zusammenhang von zunehmender Einwanderung und Flüchtlingskrise, verstärkt mit dem Thema Religion und Politik befasst.
Der vorliegende Band stellt die Ergebnisse eines Workshops des "Centrums für Religion und Moderne" und des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster vom Sommer 2014 vor, die um weitere Beiträge erweitert und für eine größere Verbreitung teilweise ins Deutsche übersetzt wurden. Der Band will einen Überblick geben, wo, wann und wie sich Zivilreligion in den USA im 20. Jahrhundert manifestierte. Die vorgelegten neueren Forschungsarbeiten zur Zivilreligion beschäftigen sich insbesondere mit dem Inklusions- und Legitimationspotenzial der US-amerikanischen Zivilreligion. So wird unter anderem ein genauerer Blick darauf geworfen, wie verschiedene religiöse und ethnische Gruppen eine übergreifende, nationale Zivilreligion diskutierten, und wie und ob sie selber Zivilreligion verwendeten. Auch wird der Frage nachgegangen, inwieweit Zivilreligion für die Kriegslegitimation im 20. Jahrhundert eingesetzt wurde. Schließlich soll die Nutzbarkeit des Konzepts aufgezeigt werden.
Doch bevor einführend ein Überblick über den inhaltlichen Aufbau des Sammelbands gegeben wird, gilt es zunächst, die Diskussionen über die Definitionen und Funktionen der Zivilreligion in den USA und Deutschland vorzustellen und einzuordnen.
Das Konzept der Zivilreligion
Das Konzept von Zivilreligion ist umstritten. Es wird unterschiedlich defi-niert und ausgelegt.
Ausgangspunkt: Robert N. Bellah
Erstmals fand das Konzept einer Zivilreligion Erwähnung bei Jean-Jacques Rousseau 1762, der eine Zivilreligion als notwendig für den Erhalt der nationalen Ordnung erachtete. Doch es ist insbesondere Robert N. Bellah, auf den sich alle Wissenschaftler beziehen, so auch die Autoren in diesem Band. Bellah definierte Zivilreligion als "a genuine apprehension of universal and transcendent religious reality […] revealed through the experience of the American people". Für den Soziologen ging die US-amerikanische Zivilreligion zurück auf die protestantischen Ursprünge des Landes, auf die Aufklärung, auf die religiöse Vielfalt in den USA und auf die Trennung von Staat und Kirche. Als "a collection of beliefs, symbols, and rituals with respect to sacred things and institutionalized in a collectivity" beruhe die Zivilreligion auf jüdisch-christlichen Symbolen, Metaphern, Ritualen und Wertvorstellungen wie den biblischen Archetypen von Exodus, Opfertod und Wiedergeburt, dem auserwählten Volk, dem gelobten Land und dem neuen Jerusalem. Durch die Verbindung von Gott und Nation werden dem US-amerikanischen Regierungssystem laut Bellah ein göttlicher Ursprung, göttlicher Schutz und eine göttliche Mission bescheinigt. Als zentraler Motor der US-amerikanischen Erinnerungskultur inkorporiert die Zivilreligion Ereignisse und Personen der US-amerikanischen Geschichte: die Ankunft der Puritaner, um die Stadt auf dem Hügel zu erbauen; die Loslösung der Kolonien vom Britischen Empire im Zuge der Amerikanischen Revolution (1775-1783) als Auszug des Volkes Israel; den ersten US-amerikanischen Präsidenten George Washington als Moses; und den Bürgerkriegspräsidenten Abraham Lincoln als Christus.
Bellah sieht Zivilreligion in US-amerikanischen Institutionen verkör-pert, woraus ein zivilreligiöses Bekenntnis zu Unabhängigkeitserklärung, Verfassung, Sternenbanner, Präsidentenamt, aber auch politischen Idealen wie Freiheit und Demokratie resultiert. Gerade zu Wahlkampf- und Kriegszeiten sei Zivilreligion besonders präsent, wie auch einige Beiträger betonen.
Viele Namen, ein Phänomen? Die Diskussion in den USA
Bellahs Thesen entfachten eine rege Debatte innerhalb der US-amerika-nischen Wissenschaft. Vereinzelt lehnten Forscher die Existenz einer Zivilreligion komplett ab oder sahen nur einzelne Elemente einer religiösen Deutung der Nation in den USA. Häufig wurden hingegen alternative Begriffe in die Diskussion eingebracht, die wiederum indirekt die Charakteristika der Zivilreligion schärfer umrissen. Der Religionssoziologe Will Herberg sprach vom American Way of Life als einer Art unterschwelliger Volksreligion, als Glauben an den Glauben. Laut Herberg verbindet die US-amerikanische Gesellschaft ein "common faith of Americans", der die steigende Religiosität in den 1940er und 1950er Jahren bei gleichzeitiger Säkularisierung erklärt. Der Begriff Amerikaner ersetze dabei die drei großen Denominationen in den USA (Protestantismus, Katholizismus und Judentum).
Demgegenüber wurde oft die protestantische Färbung der US-amerikanischen Zivilreligion betont, die sich erst im 19. und 20. Jahrhundert langsam zu anderen Religionen wie dem Katholizismus und dem Judentum geöffnet habe. Daher sprachen Robert Wuthnow und Samuel P. Huntington von einem Protestant Civic Faith statt von Zivilreligion.
Andere, wie der Historiker John F. Wilson, zogen den allgemeinen Be-griff Civic Piety bzw. Public Religion vor. Zwar seien Elemente einer religiösen Deutung in den USA vorhanden, doch bildeten diese keine eigenständige Zivilreligion, sondern seien Bestandteile der Religion der Denominationen bzw. privater Glaubenssysteme. Der Kommunikations-wissenschaftler Roderick Hart betonte die rhetorischen Aspekte von Civic Piety. Er ging von einem Vertrag zwischen Kirche und Staat aus, welcher der Religion ihr transzendentes Bedeutungssystem und der Regierung die Macht zuspreche. Dieser Vertrag sorge dafür, dass sich beide nicht zu sehr in den jeweils anderen Bereich einmischten. Ob dieser Vertrag noch existiert, ist umstritten, wie in dem Beitrag von David Weiss deutlich wird. Weiss selber zieht in seiner Analyse über Präsident George W. Bush statt Zivilreligion den Begriff persönliche politisch-religiöse Rhetorik vor.
Am leidenschaftlichsten wurde wohl der Bezug von Zivilreligion zur Nation debattiert. Bellah bestritt von Anfang an, dass Zivilreligion die Verehrung der Nation bzw. der Gesellschaft beinhalte. Auch der Histo-riker Sidney Mead argumentierte, dass Zivilreligion nicht der Glorifizierung der Nation diene, und stellte der Zivilreligion sein Modell der universalistisch und pluralistisch gedachten Religion of the Republic als transzendenter universeller Religion entgegen, welches Mead bereits wenige Monate vor Bellahs Aufsatz veröffentlicht hatte und danach immer wieder verteidigte. Herbert Richardson hingegen sprach von einem Religious Nationalism und stellte die Verehrung der Nation in den Vordergrund.
In diesem Zusammenhang sind wiederholt zwei Varianten von Zivil-religion unterschieden worden, die prophetische und die priesterliche. Dabei drückt sich die Glorifizierung des Staates in der priesterlichen, eher orthodoxen Zivilreligion aus, die laut Martin Marty dazu tendiert, die Na-tion zum transzendenten Bezugspunkt höchster Loyalität zu erheben und damit den Status quo und die Exklusion anderer Meinungen zu unterstüt-zen. Bei der zweiten Variante, der prophetischen, eher progressiven Zivil-religion gilt Gott als der transzendente Bezugspunkt, auf den sich die Be-urteilung aller Handlungen beziehen, sodass hier oft auf Missstände hinge-wiesen und Verbesserungen angemahnt sowie ein Pluralismus vertreten werden. Bereits Bellah verwies auf diese Funktion und die Unterordnung der Nation unter ethische, transzendente Prinzipien, womit er Zivilreligion normativ von nationalem Überlegenheitsgefühl und Idolatrie unterschied. Entsprechend wurde die US-amerikanische Zivilreligion in eine konservative, den Status bewahrende und in eine liberale, kritische, potenziell universalistische Zivilreligion unterteilt.
Doch unabhängig von Namen und theoretischem Schwerpunkt schie-nen sich alle Forscher letztlich einig zu sein, dass in den USA ein über alle sozialen, ethnischen, politischen und religiösen Unterschiede hinweg ver-bindender (zivilreligiöser) Konsens besteht - Peter Berger nannte es einen "sacred canopy" -, der die in der Verfassung erklärte Trennung von Kirche und Staat scheinbar unberührt lässt und Religion und Politik, Religion und Nation miteinander zu verbinden scheint.
Die Diskussion über Zivilreligion in Deutschland
In der Bundesrepublik wurden das Konzept und die Frage nach der Exis-tenz einer US-amerikanischen bzw. deutschen Zivilreligion zwar nur zö-gerlich aufgenommen, aber auch hier auf begrifflicher Ebene unterschied-lich definiert. Niklas Luhmann fragte Ende der 1970er Jahre nach einer "enthistorisierten" Zivilreligion und erwartete im Rahmen einer wachsen-den Ausdifferenzierung des Gesellschaftssystems auch eine Generalisie-rung der Zivilreligion. Der Lutherische Weltbund sprach 1982 von Zivilre-ligion als einem "Ausdruck einer übergreifenden Gemeinsamkeit, die dem Gemeinwesen Kohärenz und Identität verleiht". Heinz Kleger und Alois Müller unterschieden in ihrem Sammelband zwischen fünf verschiedenen Arten der Religion: "Bürgerreligion" als privatisierter christlicher Frömmigkeit; "Staatsreligion" als verfassungsmäßiger Privilegierung einer Religion; "Kulturreligion" als über- und postkonfessioneller, rationalisierter Religiosität und Bekenntnis zum christlichen Abendland; "politischer Religion" als Ideologie von Massenbewegungen anti-demokratischer, totalitärer Regime ohne Transzendenzbezug; sowie "Religion des Bürgers". Letztere ähnelt dem Konzept der "Zivilreligion" am meisten, da sie moralische Überzeugungen sowie gesellschaftliche Klassifikations- und Wahrnehmungsmuster für die Bürger eines Staates betont. Durchgesetzt hat sich diese Bezeichnung jedoch nicht. Fruchtbarer für die Diskussion war hingegen die inhaltliche Kategorisierung der Politikwissenschaftler Hans Vorländer und Ulrike Fischer von zivilreligiösen Symbolen und Elementen in miteinander verschränkte, rein religiöse Symbole, wie explizite Erwähnungen Gottes, Gebete, Bezüge auf biblische Archetypen und Bibelzitate; kanonisierte Aspekte, wie die Gründerväter, die Verfas-sung oder Lincolns Gettysburg-Rede; sowie Aufzählungen republikani-scher Werte und Pflichten mit religiösem Bezug, wie Freiheit und Gleich-heit als von Gott gegebene Rechte und ›heilige‹ Ideale.
Nach der Jahrtausendwende und nach dem 11. September erhielt die Debatte in der Bundesrepublik (wie auch in den USA) erneut Aufschwung: 2001 klassifizierte der Religionswissenschaftler Thomas Hase in seiner Dissertationsschrift Zivilreligion als eine gesamtgesellschaftliche Variante von "Volksreligion", die eine Vitalgemeinschaft "mit sakralem Gepräge" bezeichne, und argumentierte, dass ein zivilreligiöses System bei zunehmender Pluralisierung der Gesellschaft wahrscheinlicher werde. Ähnlich argumentierte auch der Theologe Rolf Schieder, dass durch die zivilreligiösen Symbole und Rituale der "Sinnhorizont eines Gemeinwesens" konstruiert werde, der sich auf ein transzendentes Ziel (naturrechtlich, schöpfungstheologisch oder im Allgemeinen religiös) richte. Dabei geht auch die Mehrheit der deutschen Forscher wie in den USA davon aus, dass Zivilreligion Sinn- und Letztbegründungsfragen in Bezug auf die gesellschaftliche Gruppe verhandelt und die Geschichte, Gegenwart und Zukunft einer Nation in einen transzendenten diskursiven Ordnungsrahmen setzt, der der menschlichen Dispositionsfreiheit entzogen ist.
Verortung von Zivilreligion jenseits von Staat und Kirche
Für viele Forscher ist Zivilreligion nicht nur strukturell differenziert vom Staat, sondern auch von der Kirche. Ob es sich um ein eigenständiges religiöses System handelt, ist hingegen umstritten. Dabei wird Zivilreli-gion als gleichzeitig unabhängig und abhängig von den Glaubensgemein-schaften gesehen. Abhängig ist sie insofern, als viele Forscher davon aus-gehen, dass der gesellschaftliche Konsens gefährdet sei, sollten sich zwi-schen den konfessionellen Religionen und der Zivilreligion Widersprüche ergeben. Daher sei der religiöse Referenzrahmen von Zivilreligion explizit nicht rein christlich, also unabhängig von institutionalisierten Religionen. Zivilreligion gehe (zumindest in der Theorie) von einem neutralen über-natürlichen Wesen aus, um keinen auszuschließen - gewissermaßen ein "Christentum ohne Christus", das weder im Gegensatz noch als Ersatz zu christlichen Denominationen stehe.
Die Religionsgemeinschaften wiederum hätten eine "Präzisierungsbe-deutung" für die Zivilreligion, indem sie deren Symbole aneignen, weiter-führen, akzeptieren oder repräsentieren könnten, aber deren Äußerungen und Formen nicht stifteten. Die evangelische Kirche sprach sich Ende der 1980er Jahre zumindest in Deutschland dafür aus, dass sich Kirchen an Zivilreligion beteiligen und diese mitbestimmen sollten. Dabei könnten Zivilreligion und die traditionellen Religionen eine symbiotische Beziehung mit hybriden Transfers eingehen. Der italienische Historiker Emilio Gentile beschrieb die möglichen Beziehungen zwischen Zivilreligion und traditionellen Religionen als nachahmend (ableitend), synkretistisch (anpassend) oder transeunt (darüber hinausgehend). Ulrich Willems und Michael Minkenberg verwiesen auf die größere Staatsnähe der deutschen Definition von Zivilreligion und bezogen sich dabei insbesondere auf Hermann Lübbe und Ernst-Wolfgang Böckenförde.
Es sind aber auch Spannungen möglich, wie die Beiträge von Anja-Maria Bassimir, Ulrike Stockhausen und Raymond J. Haberski, Jr., über den Einsatz der bzw. die Kritik an Zivilreligion durch Evangelikale bzw. protestantische Intellektuelle verdeutlichen. Die Vertreter von Denomina-tionen können sich sowohl als Kritiker einer ›falschen‹, beispielsweise nicht-christlichen Zivilreligion als auch als Vertreter einer Zivilreligion als christliches Erbe des Landes verstehen.
Funktionen von Zivilreligion
Die meisten Wissenschaftler sprechen Zivilreligion zwei Funktionen zu. Zum einen kann Zivilreligion zur Integration der Gesellschaft beitragen. So sieht Hermann Lübbe Zivilreligion, verstanden als säkularisierte Grundwerte, als Garant eines liberalen Staates, da sie eine Alternative zur Staatsreligion biete und für den Erhalt des religiösen Pluralismus sorge. Zum anderen kann Zivilreligion zur Legitimation politischer Agenden benutzt werden.
Darüber hinaus hat Zivilreligion eine dritte Funktion, die jedoch von manchen wissenschaftlichen Arbeiten vernachlässigt wird: Zivilreligion kann eine kritisch-prophetische Funktion erfüllen, indem sie als "kritisches Korrektiv" moralische Normen und somit einen Standort vorgibt, von dem aus die Handlungen und jeweiligen Ziele nationaler Interessengruppen hinterfragt werden können. In einem Rekurs auf das ›heilige‹ Erbe der Nation werde die gegenwärtige Lage der Nation beurteilt. Die kritisch-prophetische Funktion lässt damit (Selbst)Kritik und mögliche Erneuerungen zu, wie sie in der bereits erwähnten prophetischen Variante der Zivilreligion Ausdruck findet.
Entsprechend können durch die kritisch-prophetische und legitimie-rende Funktion nicht nur das politische Establishment, sondern auch so-genannte Graswurzelbewegungen oder Minderheiten Zivilreligion für kon-krete politische Programme nutzen. Während Bellah sich in seiner Diskussion von Zivilreligion noch auf eine einheitliche, homogene Nation bezog und dafür kritisiert wurde, sind viele Forscher mittlerweile der An-sicht, dass Zivilreligion insbesondere in Zeiten politischer und/oder sozia-ler Umbrüche sowohl von politischen Eliten als auch von unterschied-lichen Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft genutzt werden kann - einerseits als Mittel der Legitimation und Werkzeug der sozialen Kohäsion, andererseits als Mittel der Kritik.
Zum einen gilt Zivilreligion als Teil der politischen Mehrheitskultur und potenziell als "religiöses Implement herrschender politischer Kultur" - dies wird von Ira Chernus und Raymond J. Haberski, Jr., als Ideologie bezeichnet, die als analytische Kategorie posiere. Insbesondere der US-amerikanische Präsident verwalte und interpretiere als "Interpreter-in-Chief" die Zivilreligion, wobei er aber die Zustimmung der Gesellschaft benötige. Zum anderen kann Zivilreligion als (volks)religiöses integratives Phänomen von spezifischen Gruppen angeeignet, uminterpretiert oder manipuliert werden. Hierbei könne sie aber auch entzweien oder bestimmte Gruppen ausschließen. Viele Forscher unterscheiden daher zwischen offiziellem und inoffiziellem Gebrauch von Zivilreligion, zwischen zeremonieller und operationaler Zivilreligion, zwischen gelebter, organischer Zivilreligion und instrumentalisierter, kalkulierter Zivilreligion bzw. zwischen kommunitarischer Zivilreligion "von unten" und autoritärer Zivilreligion "von oben".
Hiermit eng verbunden ist auch die Frage nach der Rezeption bzw. Trägerschaft von Zivilreligion. So unterschied beispielsweise der dänische Religionssoziologe Peter Lüchau zwischen Zivilreligion als Rhetorik als dem religiösen Symbolsystem in öffentlicher Rhetorik und Zivilreligion als Phäno-men, das einen Konsens innerhalb der Bevölkerung verlange. Der evangelische Theologe Rolf Schieder hingegen grenzte "Civil Religion" von "Civil Religion Theorie" ab, wobei Erstere die Phänomene im Grenz-bereich von Politik und Religion allgemein beschreiben und empirisch nachweisen und Letztere diese Phänomene ordnen und begreifen soll. Um die Frage nach der Wahrnehmung der Existenz von Zivilreligion durch die Akteure zu umgehen, schlagen die Autoren Morten Brænder und Anthony Santoro in diesem Band eine Unterscheidung von "Zivilreligion" als Substantiv und "zivilreligiös" als Adjektiv oder Teil einer Aktivität vor. Letzteres soll das Handeln der Akteure in den Fokus der Untersuchung setzen.
ZivilreligionEN
Aufgrund der möglichen Aneignung der Zivilreligion durch diverse Grup-pen kann Zivilreligion im Plural existieren. Dies gilt umso mehr, als einige Forscher die Normativität des Konzepts der Zivilreligion kritisieren. Sie betonen, dass die Existenz von Zivilreligion episodisch sei, das heißt dass diese nur zeitweise sichtbar sei und unterschiedlich gedeutet werde. Doch während vereinzelt auf die Wandlungsfähigkeit der Zivilreligion hingewiesen wurde, wurde dies selten auf konkrete empirische Befunde gestützt. Insbesondere für Historiker eröffnet diese Fluidität jedoch neue Perspektiven auf die Zivilreligion. So zeigt Jana Weiß in ihrem Beitrag, dass die Inhalte und Motive der US-amerikanischen Zivilreligion(en) zwar einem gewissen gemeinsamen Fundus entspringen, aber dynamisch an den historischen Kontext angepasst werden können. Auch Anthony Santoro sieht in seiner Untersuchung der Zivilreligion im American Football in den USA und Großbritannien einen gemeinsamen zivilreligiösen Referenzrahmen, der dem jeweiligen nationalen Kontext angepasst wurde und transnationale Züge erhielt.
Gleichzeitig verdeutlicht dies auch die Pluralität von Zivilreligion(en). Es kann sich einerseits um verschiedene zivilreligiöse Systeme in verschie-denen Ländern bzw. Gesellschaften handeln, abhängig von historischen, politischen und kirchlichen Kontexten und den jeweiligen Diskursgemein-schaften. Andererseits können es konkurrierende Interpretationen durch verschiedene ethnische, religiöse oder politische Gruppen innerhalb eines übergreifenden gemeinsamen Deutungsrahmens sein.

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