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Geschichte der Männlichkeiten


Geschichte der Männlichkeiten


Historische Einführungen, Band 5 1. Aufl.

von: Jürgen Martschukat, Olaf Stieglitz

14,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 15.09.2008
ISBN/EAN: 9783593404912
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 198

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Die historische Forschung zu Männern und Männlichkeiten ist mittlerweile nur noch schwer zu überschauen. Eine Einführung in deren Theorien und Methoden ist deshalb dringend notwendig. Olaf Stieglitz und Jürgen Martschukat zeigen, wie die Männergeschichte aus der internationalen Geschlechtergeschichte entstand, und stellen deren Leitfragen und die relevante Forschungsliteratur vor. Dabei setzen sie drei inhaltliche Schwerpunkte, die für männliche Identitätsbildungen und Lebenswelten in der Neuzeit zentral sind: Vaterschaft zwischen Familie und Arbeit, Formen männlicher Geselligkeit sowie die Geschichte männlicher Sexualitäten. Quellenbeispiele veranschaulichen die Themen und bieten Anregungen für die universitäre Lehre sowie für Referate oder Hausarbeiten.
Inhalt


1.Einleitung

2.Frauen- und Geschlechtergeschichte

3."Men's Studies": Entwicklung, Schwerpunkte und Probleme

4.Theoretische Leitlinien für eine Geschichte der Männlichkeiten

5.Männer und Männlichkeiten in der Historiographie: Ein erster Überblick

6.Die vielen Facetten des "Broterwerbs": Männer zwi-schen Familie und Arbeitsleben

7.Von Brüdern, Kameraden und Staatsbürgern: Formen männlicher Sozialität

8.Geschichten männlicher Sexualitäten

9.Geschichte der Männlichkeiten - Fazit und Perspektiven

Auswahlbibliographie
Personen- und Sachregister
Historische Einführungen Herausgegeben von Frank Bösch (Gießen), Angelika Epple (Freiburg), Andreas Gestrich (Trier/London), Inge Marszolek (Bremen), Barbara Potthast (Köln), Susanne Rau (Dresden), Hedwig Röckelein (Göttingen), Gerd Schwerhoff (Dresden) und Beate Wagner-Hasel (Hannover)
Jürgen Martschukat ist Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt. Dr. Olaf Stieglitz ist Privatdozent am Historischen Institut der Universität zu Köln.
7. -
Von Brüdern, Kameraden und Staatsbürgern: Formen männlicher Sozialität


"I was very proud, and John Barleycorn was proud with me. I could carry my drink. I was a man. I had drunk two men, drink for drink, into unconsciousness. And I was still on my feet, upright, making my way on deck to get air into my scorching lungs. […] I was no boy of fourteen, living the mediocre ways of the sleepy town called Oakland. I was a man, a god, and the very elements rendered me allegiance as I bitted them to my will."
Im Jahr 1913, im Alter von 36 Jahren, veröffentlichte der Schriftsteller Jack London den autobiographischen Roman John Barleycorn über das Leben eines exzessiven Trinkers. Alkoholkonsum erscheint hier im Kontext von Arbeit und Freizeit als zutiefst soziales Verhalten: "All drinkers begin socially. […] When I thought of alcohol, the connotation was fellowship. When I thought of fellowship, the connotation was alcohol. Fellowship and alcohol were Siamese twins." Die Orte des Trinkens waren Orte einer homosozialen Gemeinschaft von Männern. Das gemeinsame Trinken ließ aus Arbeitskollegen buddies und manchmal sogar aus Vorarbeitern Freunde werden. Der gemeinschaftliche Konsum von Alkohol war außerdem eingebunden in Rituale, die das Band verstärken sollten: London beschreibt das treating, das "Runden-Ausgeben", und er erzählt von den lauten und nicht selten handgreiflichen Streitigkeiten zwischen angetrunkenen Männern. Nicht zuletzt beschreibt er (s)eine Mann-Werdung durch Alkohol: Wer den Alkohol beherrscht, so lautet die Botschaft, hat einen bedeutsamen Schritt hin zu einer erwachsenen Männlichkeit getan.
London schildert jene "raue" Männlichkeit unterbürgerlicher Schichten, gegen die Generationen von Reformern und Reformerinnen eine "respektable", auf Mäßigung, "Charakter" und Verantwortung basierende Form des Mannsein-Sollens propagierten. Doch Londons Männlichkeitsdarstellung rief nicht allein Reformeifer auf den Plan: Viele männliche Leser der Mittelklassen verschlangen seine Romane und ihre Präsentation viriler Formen von Männlichkeit geradezu, seien es die kameradschaftlichen Trinker John Barleycorns oder die einsamen Helden aus The Sea-Wolf (1903).
Formen männlicher Vergemeinschaftung, homosoziale Männergruppen in ihren vielfältigen und historisch wie kulturell variablen Gestalten, bilden seit langem Schwerpunkte sowohl der "Men's Studies" als auch der Männlichkeitengeschichte. Um Bruderschaften und Geheimbünde, Gewerkschaftsvereine und Sportclubs, Banden und Cliquen, Kampfgemeinschaften und Korps, aber auch um politisch verfasste Gemeinwesen soll es auf den kommenden Seiten gehen. Gerade in den letzten Jahren sind Konzepte wie das Politische, die Nation oder die Staatsbürgerschaft auf ihre symbolischen und materiellen Relationen zu Geschlechterordnungen hin beleuchtet worden. Die Rede vom Militär als "Schule der Nation" mag andeuten, wie die Übergänge zwischen spezifischen Formen traditionell männlich verstandener Gemeinschaften und der Gesellschaft insgesamt konstruiert werden konnten. Damit ist auch die Frage nach männlicher Subjektbildung aufgeworfen, nach Prozessen der Aneignung, Verinnerlichung und Reflexion geschlechtlich konstruierter Normen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen.
Vorstellungen männlicher Affinität oder Solidarität waren oftmals verbunden mit Ideen von Freundschaft, Kameradschaft und Brüderlichkeit. Zugleich waren sie an Strategien der Exklusion gekoppelt, die sich nicht allein gegen Frauen, sondern auch gegen ökonomisch, sozial, "rassisch" oder sexuell "andere" Männer richteten. In Teilen der Männlichkeitenforschung und vor allem in der populären Literatur werden solche Gruppenkonstellationen nicht selten kurz als "Männerbünde" bezeichnet. Da "Männerbund" und "Homosozialität" für das folgende Kapitel von zentraler Bedeutung sind, sollen sie hier zunächst konzeptionell diskutiert werden.

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