Details

Fremd in ihrem Land


Fremd in ihrem Land

Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten
1. Aufl.

von: Arlie Russell Hochschild

25,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 07.09.2017
ISBN/EAN: 9783593437644
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 429

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

In vielen westlichen Ländern sind rechte, nationalistische Bewegungen auf dem Vormarsch. Wie ist es dazu gekommen? Arlie Russell Hochschild reiste ins Herz der amerikanischen Rechten, nach Louisiana, und suchte fünf Jahre lang das Gespräch mit ihren Landsleuten. Sie traf auf frustrierte Menschen, deren "Amerikanischer Traum" geplatzt ist; Menschen, die sich abgehängt fühlen, den Staat hassen und sich der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung angeschlossen haben. Hochschild zeigt eine beunruhigende Entwicklung auf, die auch in Europa längst begonnen hat. Hochschilds Reportage ist nicht nur eine erhellende Deutung einer gespaltenen Gesellschaft, sondern auch ein bewegendes Stück Literatur.

"Jeder, der das moderne Amerika verstehen möchte, sollte dieses faszinierende Buch lesen." Robert Reich
"Ein kluges, respektvolles und fesselndes Buch." New York Times Book Review
"Eine anrührende, warmherzige und souverän geschriebene, ungemein gut lesbare teilnehmende Beobachtung. … Wer ihr Buch liest, versteht die Wähler Trumps, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht über sie spricht." FAZ
Inhalt

Vorwort

Teil I
Das große Paradox
Reise ins Herz
"Immerhin etwas Gutes"
Die Erinnerer
Die Kandidaten
Die "am wenigsten widerstandsbereite Persönlichkeit"

Teil II
Das gesellschaftliche Umfeld
Industrie: "Die Schnalle an Amerikas Energiegürtel"
Der Staat: Marktregulierung 1200 Meter unter der -Erdoberfläche
Kanzel und Presse: "Das Thema kommt nicht zur Sprache"

Teil III
Die Tiefen-geschichte und die Menschen darin
Die Tiefengeschichte
Die Teamplayer: Loyalität über alles
Die Gläubigen: Stiller Verzicht
Die Cowboys: Stoizismus
Die Rebellen: Loyale Teamplayer für ein neues Anliegen

Teil IV
Die nationale Ebene
Die Feuer der Geschichte: Die 1860er und die 1960er Jahre
Nicht länger fremd: Die Macht der Verheißung
"Es heißt, da gibt es herrliche Bäume."

Nachwort zur deutschen Ausgabe
Danksagung
Anhang A: Zur Forschungsmethode
Anhang B: Politik und Umweltverschmutzung:
Erkenntnisse aus der landesweiten ToxMap?344
Anhang C: Faktencheck zu gängigen Ansichten
Anmerkungen
Literatur
Arlie Russell Hochschild ist eine der bedeutendsten Soziologinnen der Gegenwart und emeritierte Professorin an der University of California, Berkeley. »Strangers in Their Own Land« stand auf der Shortlist für den National Book Award 2016.
Vorwort

Als ich vor fünf Jahren mit dieser Forschungsarbeit begann, war ich besorgt über die zunehmend feindselige Spaltung unseres Landes in zwei politische Lager. Viele Linke hatten den Eindruck, die Republikanische Partei und Fox News seien fest entschlossen, einen Großteil des Staatsapparates auf Bundesebene abzuschaffen, die Sozialleistungen für Arme zu kürzen und Macht und Reichtum des ohnehin schon mächtigen und reichen obersten Prozents der Bevölkerung zu steigern. Unter den Rechten hielten viele diesen Staat für das Vehikel einer Macht anhäufenden Elite, die Scheingründe erfand, um ihre Kontrolle auszuweiten und als Gegenleistung für loyale demokratische Wählerstimmen Geld zu verteilen. Seit dieser Zeit hat sich der Bruch zwischen beiden Parteien vertieft, und Donald Trump ist auf die Bildfläche gestürmt und lässt den Puls des politischen Lebens in den Vereinigten Staaten höher schlagen. Vom liberalen linken Lager hatte ich eine gewisse Vorstellung, doch was passierte auf der Rechten?
Die meisten, die sich diese Frage stellen, nähern sich ihr aus einem politischen Blickwinkel. Und obwohl auch ich meine Ansichten habe, interessiere ich mich als Soziologin brennend dafür, wie Anhänger der Rechten das Leben empfinden - also für die Gefühle, die der Politik zugrunde liegen. Um diese Emotionen zu verstehen, musste ich mich in die Menschen hineinversetzen. Bei diesem Bemühen stieß ich auf ihre "Tiefengeschichte", eine Erzählung, die der gefühlten Wirklichkeit entspricht.
Die Politik als Forschungsgegenstand war für mich etwas völlig Neues, das galt jedoch nicht für meine Herangehensweise. In meinem Buch Der 48-Stunden-Tag hatte ich mich auf die ewige Frage konzentriert, wie Eltern sich Zeit für Zuwendung und häusliches Leben verschaffen, wenn beide außer Haus arbeiten. Ich hatte in den Küchen berufstätiger Eltern auf dem Fußboden gesessen und beobachtet, nach welchem Elternteil ein Kind rief, wer ans Telefon ging und wie viel Dankbarkeit einer für den anderen empfand.
Auf der Suche nach familienfreundlichen Arbeitsstellen hatte ich auf Parkplätzen vor Fabriken und Firmenzentralen herumgehangen und beobachtet, wann müde Arbeitskräfte nach Hause gingen (Keine Zeit: Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet), und ich hatte die Träume Berufstätiger erforscht: von den Urlauben, die sie machen würden, oder vom Gitarrenspiel, das sie erlernen würden, "wenn sie nur Zeit hätten". Ich hatte eingehende Gespräche mit philippinischen Kindermädchen (Global Woman) geführt und in dem indischen Dorf Gujarat bezahlte Leihmütter interviewt, die für westliche Kunden deren Babys austrugen (The Outsourced Self). All diese Studien hatten mich zu der Überzeugung gebracht, dass eine bezahlte Elternzeit für berufstätige Eltern Neugeborener und adoptierter Kinder gut wäre - eine Leistung, die es in allen großen Industrieländern der Welt außer in den USA gibt. Da mittlerweile die meisten amerikanischen Kinder in Familien leben, in denen alle Erwachsenen berufstätig sind, schien mir die Idee einer bezahlten Elternzeit wichtig, human und überfällig. Doch dieses Ideal prallte mit Wucht auf eine neue Realität: Viele Anhänger der Rechten sind gegen jede staatliche Unterstützung für Familien von Berufstätigen. Tatsächlich wollen sie, dass der Staat sich in vielen Bereichen, vom Militär abgesehen, möglichst wenig einmischt. Andere Ideale - Verbesserung des Umweltschutzes, Abwenden der Erderwärmung, Maßnahmen gegen Obdachlosigkeit - stoßen an die gleiche, fest verschlossene Tür. Mir wurde klar: Wenn wir staatliche Unterstützung wollen, um eines dieser Ziele zu erreichen, müssen wir die Menschen verstehen, die den Staat eher als Problem denn als Lösung begreifen. Daher begab ich mich auf die Reise in das Herz der amerikanischen Rechten.
Bereits in den ausgehenden 1960er Jahren hatten mein Mann Adam und ich eine Spaltung in der amerikanischen Kultur bemerkt und uns einen Monat lang in Santa Ana, Kalifornien, in den Kings Kauai Garden Apartments einquartiert - mit Gemeinschaftsterrasse samt Dschungeldekoration und eingespielten Geräuschen von Dschungeltieren -, um die Mitglieder der John Birch Society, eines rechten Vorläufers der Tea Party, kennenzulernen. Wir hatten an Treffen der Gesellschaft teilgenommen und mit so vielen Leuten gesprochen, wie wir nur konnten. Viele der Mitglieder, die wir trafen, waren in Kleinstädten im Mittelwesten aufgewachsen und fühlten sich in den anomischen kalifornischen Vororten zutiefst desorientiert, ein Unbehagen, das sie in die Überzeugung umsetzten, die amerikanische Gesellschaft laufe Gefahr, von Kommunisten übernommen zu werden. Wenn wir uns umsahen, konnten wir gut verstehen, wieso sie das Gefühl einer "Übernahme" hatten: -Innerhalb weniger Jahre waren ganze Orangenhaine in einer völlig planlosen Urbanisierung Parkplätzen und Einkaufszentren gewichen. Auch wir hatten das Gefühl, einer Übernahme ausgeliefert zu sein, allerdings handelte es sich dabei keineswegs um Kommunismus.
Den größten Teil meines Lebens habe ich zum progressiven -Lager gehört, doch in den letzten Jahren ist in mir der Wunsch aufgekeimt, die Menschen des rechten Lagers besser verstehen zu wollen. Wie kamen sie zu ihren Ansichten? Könnten wir in manchen Dingen gemeinsame Sache machen? Diese Fragen brachten mich dazu, eines Tages Sharon Galicia, eine warmherzige, zierliche, weiße, alleinerziehende Mutter und blonde Schönheit, auf ihren Runden durch die tristen Industriegebiete von Lake Charles, Louisiana, zu begleiten, wo sie Krankenversicherungen verkaufte. Unbeeindruckt vom ohrenbetäubenden Lärm einer Kreissäge, die riesige Stahlbleche schnitt, plauderte sie mit Arbeitern, die ihre Schutzbrillen auf die Stirn geschoben hatten und mit verschränkten Armen dastanden. Sie war eine charmante und überzeugende Schnellsprecherin ("Was ist, wenn ihr einen Unfall habt, eure Rechnungen nicht bezahlen oder nicht einen Monat warten könnt, bis eure Versicherung in Kraft tritt? Wir versichern euch innerhalb von 24 Stunden.") Während sie nach einem Stift griffen, um zu unterschreiben, plauderte sie mit ihnen über die Rotwildjagd, den Anteil von Alligatorfleisch in Blutwurst - einer beliebten, würzigen Spezialität aus Louisiana - und über das letzte Spiel der LSU Tigers.
Auf der Fahrt von Fabrik zu Fabrik erfuhr ich Sharons Geschichte. Sie erzählte mir, dass ihr Vater, ein wortkarger Fabrikarbeiter, sich von ihrer Mutter hatte scheiden lassen, wieder geheiratet hatte und in einen Wohnwagen dreißig Autominuten entfernt gezogen war, ohne ihrem Bruder und ihr etwas davon zu sagen. Als ich mich von ihr trennte, war ich voller Fragen. Was war aus ihrem Vater geworden? Wie hatte sich das Scheitern seiner Ehe auf sie als kleines Mädchen, später als Ehefrau und nun als alleinerziehende Mutter ausgewirkt? Wie sah das Leben der jungen Männer aus, mit denen sie sprach? Warum war diese gescheite, nachdenkliche, resolute junge Frau - die von bezahlter Elternzeit hätte profitieren können - ein begeistertes Mitglied der Tea Party, für die eine solche Idee schlichtweg unvorstellbar war?
Selbstverständlich bedankte ich mich sofort bei Sharon, dass sie mir erlaubt hatte, sie auf ihren Runden zu begleiten, innerlich dankte ich ihr später erneut für ihr Vertrauen und Entgegenkommen. Erst nach einer Weile fiel mir auf, dass die Verbindung zu ihr wesentlich wertvoller war, als ich anfangs gedacht hatte. Sie war das Gerüst für eine Empathiebrücke. Beiderseits der Kluft glauben wir zu Unrecht, Empathie mit der "anderen" Seite bedeute das Ende einer nüchternen Analyse, während die wichtigste Untersuchung in Wirklichkeit erst jenseits der Brücke anfangen kann.
Unsere Sprache bietet nicht viele Worte, um das Gefühl zu beschreiben, dass man auf jemanden aus einer anderen Welt zugeht und dieses Interesse positiv aufgenommen wird. Dadurch entsteht etwas ganz Eigenes, Wechselseitiges. Was für ein Geschenk. Dankbarkeit, Ehrfurcht, Wertschätzung: Für mich treffen alle diese Worte zu, und ich weiß nicht, welches ich verwenden soll. Aber ich glaube, wir brauchen ein besonderes Wort und sollten ihm einen Ehrenplatz einräumen, um etwas wiederherzustellen, was vielleicht eine fehlende Taste auf der kulturellen Klaviatur unserer englischsprachigen Welt ist. Unsere Polarisierung und die Tatsache, dass wir uns zunehmend schlicht nicht kennen, macht es allzu einfach, uns mit Abneigung und Verachtung zufriedenzugeben.
Die Erfahrung, auf andere zuzugehen und bei ihnen Entgegenkommen zu finden, machte ich erstmals als Kind eines Diplomaten. In meiner kindlichen Vorstellung hatte ich eine persönliche Mission ähnlich der meines Vaters, mich mit den Menschen in all den fremden Ländern anzufreunden, in die sein Beruf uns führte. Ich dachte, ich hätte den Auftrag, auf Menschen zuzugehen, die sich anders kleideten, anders sprachen, gingen, aussahen als wir und einer anderen Religion angehörten. Hatte mein Vater mich wirklich gebeten, das zu tun? Ich glaube nicht. Warum tat ich es also? Ich hatte keine Ahnung. Das begriff ich erst viel später. Seltsamerweise empfand ich die gleiche Dankbarkeit für die Beziehung, als ich viele Jahrzehnte später mit Sharon von Fabrik zu Fabrik fuhr und als ich mich mit den vielen anderen unterhielt, die ich im Laufe der Recherchen zu diesem Buch traf. Wieder hatte ich das Gefühl, in einem fremden Land zu sein, nur war es diesmal mein eigenes.


Teil I
Das große Paradox

Kapitel 1

Reise ins Herz

Langsam rollt Mikes roter Truck auf dem unbefestigten Feldweg zwischen hohen Reihen Zuckerrohr entlang, dessen elegante, silbrige Rispen sich in der Oktobersonne wiegen, soweit das Auge auf der Schwemmlandebene reicht. Wir befinden uns auf der ehemaligen Armelise-Plantage. Einige Kilometer westwärts fließt der Mississippi und schleppt Erdreich und Abfälle aus dem Mittelwesten nach Süden, an New Orleans vorbei in den Golf von Mexiko. "Früher sind wir immer barfuß zwischen den Reihen durchgegangen", sagt Mike, ein großer, freundlicher Weißer von 64 Jahren. Er nimmt seine Sonnenbrille ab, betrachtet ein Zuckerrohrfeld und lässt den Wagen beinahe zum Stehen kommen. Mit dem Arm deutet er durch das Seitenfenster links in die Ferne. "Meine Oma wohnte da … drüben." Er schwenkt den Arm nach rechts: "Die Tischlerei meines Großonkels Tain war ungefähr … da." Ganz in der Nähe stand das Haus eines weiteren Großonkels, Henry, mit Spitznamen "Pook". Ein Mann namens "Pirogue" hatte eine Schmiede, wo Mike und sein Freund Metallreste aufstöberten, die in seinen Jungenaugen "wie Gold" glänzten. Sein Großvater Bill beaufsichtigte die Zuckerrohrfelder. Miss Ernestines Laden war seitlich, "da … drüben", erzählt Mike weiter. Sie war eine schlanke schwarze Frau und bedeckte ihr Haar mit einem weißen Bandana, erinnert er sich. "Sie kochte gern einen Gumbo [Eintopf] aus Waschbär und Opossum, wir brachten ihr, was wir am Tag erjagt hatten, und auch Kahlhecht. Ich hab noch im Ohr, wie sie aus dem Fenster rief, wenn ihr Mann den Wagen nicht gestartet bekam: ›Irgendwas hat das Auto.‹." Dann deutet Mike auf einen Feldweg, der seiner Erinnerung nach zu dem Haus führte, in dem er aufgewachsen ist. "Es war ein Shotgun-Haus", überlegt er. "Man konnte geradewegs durchschießen. Aber für uns neun reichte es." Es hatte zu den renovierten Sklavenunterkünften der Armelise-Plantage gehört, auf der Mikes Vater als Klempner gearbeitet hatte. Wenn Mike und ich aus dem Wagenfenster schauen, sehen wir eindeutig völlig verschiedene Dinge: Er sieht eine geliebte, belebte, längst vergangene Welt, ich sehe ein grünes Feld.
Wir halten an, steigen aus und gehen in die nächstgelegene Reihe zwischen den Zuckerrohrpflanzen. Mike schneidet einen Halm ab, köpft ihn und trennt zwei Stücke aus dem faserigen Zuckerrohr heraus. Wir kauen darauf herum und saugen den süßen Saft aus. Wieder im Truck, setzt Mike seine Träumerei über den längst verschwundenen Weiler Banderville fort, der erst in den 1970er Jahren endgültig abgerissen wurde. Etwa drei Viertel der Einwohner waren schwarz und ein Viertel weiß, und sie lebten, soweit er sich erinnert, in enger, ungleicher Harmonie. Mike hatte seine Kindheit in einer Zeit des Zuckers, der Baumwolle und der von Maultieren gezogenen Pflüge verbracht und sein Erwachsenenleben in der Zeit des Erdöls. Als Jugendlicher hatte er sich im Sommer Geld für das College verdient, indem er für den Bau von Bohrplattformen Holzplanken durch mückenverseuchte Bayous verlegt hatte. Als Erwachsener mit Collegeabschluss hatte er sich eigenständig zum "Lafpsman" weitergebildet, also zu einem Fachmann, der Größe, Stärke und Materialkosten für den Bau großer Plattformen für Bohrinseln im Golf und für die großen weißen Tanks berechnete, in denen man große Mengen Erdöl und andere Chemikalien lagerte. "Als ich ein Junge war, hielt man am Straßenrand den Daumen raus und wurde mitgenommen. Hatte man einen Wagen, nahm man Anhalter mit. Wenn jemand Hunger hatte, gabst du ihm zu essen. Es existierte eine Gemeinschaft. Wissen Sie, was das alles untergraben hat?" Er macht eine Pause. "Der Staat."
Wir steigen wieder in seinen roten Truck, trinken einen Schluck Wasser (er hat Plastikflaschen für uns beide mitgebracht) und fahren langsam weiter durch das Zuckerrohr, während unser Gespräch sich der Politik zuwendet. "Die meisten hier sind Cajun, katholisch, konservativ", erklärt er mir und fügt begeistert hinzu: "Ich bin für die Tea Party!"
Zum ersten Mal hatte ich Mike Schaff einige Monate zuvor gesehen, als er bei einer Umweltschutzdemonstration in Baton Rouge auf den Stufen des Parlamentsgebäudes, dem Louisiana State Capitol, an einem Mikrofon gestanden und mit vor Emotionen brüchiger Stimme gesprochen hatte. Er gehörte zu den Opfern einer der seltsamsten und buchstäblich erschütterndsten Umweltkatastrophen des Landes, die ihm sein Zuhause und seine Gemeinde geraubt hatte: ein Einsturzkrater, der dreißig Meter hohe Bäume verschluckt und sechzehn Hektar Sumpfland von oben nach unten gekehrt hatte, wie ich später noch eingehender beschreiben werde. Das warf in meinem Kopf eine große Frage auf: Urheber dieser Katastrophe war eine Bohrfirma, die nur geringen gesetzlichen Regulierungen unterlag. Doch als Anhänger der Tea Party hatte Mike die Abschaffung aller erdenklichen staatlichen Regulierungen und drastische Kürzungen der Staatsausgaben bejubelt - einschließlich der Umweltschutzausgaben. Wie konnte er bei der Erinnerung an sein verlorenes Zuhause den Tränen nahe sein und gleichzeitig eine Welt weitgehend ohne staatliche Eingriffe fordern, sofern sie nicht das Militär und die Hurrikanhilfe betrafen? Ich war verwirrt und spürte eine Mauer zwischen uns.


Empathiemauern

Gewissermaßen war ich nach Louisiana gekommen, weil ich mich für Mauern interessierte. Nicht für sichtbare, greifbare Mauern oder Zäune wie jene, die in Belfast Katholiken und Protestanten, an der texanischen Grenze Amerikaner und Mexikaner trennen oder einst die Einwohner von Ost- und Westberlin trennten. Eine Empathiemauer ist vielmehr ein Hindernis für das Tiefenverständnis eines anderen, das uns gleichgültig oder sogar feindselig gegen Menschen macht, die andere Ansichten haben oder in anderen Verhältnissen aufgewachsen sind. In einer Zeit politischer Umbrüche greifen wir nach leicht verfügbaren Gewissheiten. Neue Informationen zwängen wir in unsere ohnehin vorhandenen Denkmuster. Wir begnügen uns damit, unsere Gegenspieler von außen zu kennen. Aber ist es auch möglich, ohne ein Abrücken von den eigenen Überzeugungen andere von innen kennenzulernen, die Wirklichkeit mit ihren Augen zu sehen, die Verknüpfungen zwischen Lebensverhältnissen, Einstellungen und Politik zu verstehen, also die Empathiemauer zu überwinden? Ich hielt es für machbar.
Ich hatte Mike Schaff gebeten, mir zu zeigen, wo er aufgewachsen war, weil ich, wenn möglich, verstehen wollte, wie er die Welt sah. Als ich mich ihm vorgestellt hatte, hatte ich erklärt: "Ich komme aus Berkeley, Kalifornien, ich bin Soziologin und versuche, die tiefer werdende Spaltung in unserem Land zu verstehen. Darum möchte ich meine politische Blase verlassen und die Menschen in Ihrer Blase kennenlernen." Bei dem Wort "Spaltung" nickte Mike und stichelte dann: "Berkeley? Da seid ihr ja wohl alle Kommunisten!" Er grinste, als wollte er sagen: "Wir Cajuns haben Humor, ich hoffe, ihr auch."

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