Details

Europäische Erinnerungsräume


Beschreibungen

Die Verknüpfung kollektiver Erinnerung mit konkreten Orten ist ein gängiger Topos der historischen Gedächtnisforschung. Die Autorinnen und Autoren des Bandes gehen dieser Verankerung auf europäischer Ebene nach und beziehen dabei Zirkulationen und Verflechtungen von Erinnerungen zwischen Regionen und Nationen ein.
Inhalt

Einleitung: Räume europäischer Erinnerungen

I. Lokalität und Topographien

Zwischen lokal und national: Der geographische Blick auf die Erinnerung
Béatrice von Hirschhausen

Die Kraft des Porphyrs: Das Grabmal Kaiser Friedrichs II. in Palermo als Fokus europäischer Erinnerungen
Olaf B. Rader

Kartenzeiten: Von dynastischer Erinnerung zur Gegenwart des Staates
Bernhard Struck

Reisen in die Vergangenheit: Eisenbahn und Erinnerung im späten Zarenreich
Frithjof Benjamin Schenk

Bücher der Nation: Die Entstehung europäischer Nationalbibliotheken als Orte lokalisierter Erinnerung
Jörn Leonhard

Jerusalem: Zur spannungsreichen Topographie eines europäisch-christlichen "Erinnerungsorts" im 19. Jahrhundert
Jakob Vogel

Topographien der Erinnerung im Werk Patrick Modianos
Roswitha Böhm

II. Grenzräume und Mittler

Kommunikationsräume und Erinnerungsräume in Migrantenmilieus: Exil- und Kriegserinnerung im Köln des 16. Jahrhunderts
Cornel Zwierlein

Erinnerung und Raumerfassung: Das Wallfahrtswesen im Alten Reich (1648-1803)
Christophe Duhamelle

Der Rhein: Ein europäischer Erinnerungsort?
Nicolas Beaupré

Gedächtnistransfer und kulturelle Aneignung: Der deutsch-polnische Erinnerungsraum 1945-200…
Thomas Serrier

Zwischenräume im Schatten der Geschichte: Volker Koepps filmische Erinnerungen an Czernowitz
Caroline Moine

Der U-Boot-Bunker, der Nachtzug und die Radarkugel: Architektur und Räume jenseits von Erinnerung?
Bénédicte Savoy

III. Transnationale und globale Erinnerungslandschaften

Gehirn, Bücher und Sammlungen in Deutschland und Frankreich seit der Frühen Neuzeit
Claire Gantet

Staatsgedächtnis an der Wende zum 19. Jahrhundert: Zur transnationalen Herausbildung der Finanzwissenschaft
Christine Lebeau

Chapeau! Napoleons Hut: Ein europäisches imago agens
Kirstin Buchinger

Die Shoah: Von einem westeuropäischen zu einem transeuropäischenErinnerungsort?
Emmanuel Droit

Der Genozid an den Armeniern als Herausforderung: Erinnerung, nationale Identität und Geschichtsschreibung in der Türkei
Hamit Bozarslan

Kann es transnationale Erinnerungsorte geben? Die International Labour Organisation und die soziale Erinnerung Europas
Sandrine Kott

Erinnerung an die Globalisierung? Die Portale der Globalisierung als lieux de mémoire: Ein Versuch
Matthias Middell

Autorinnen und Autoren
Kirstin Buchinger, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin. Claire Gantet, Dr. phil. habil., ist Historikerin an der Universität Paris I Panthéon Sorbonne und Privatdozentin an der FU Berlin. Jakob Vogel ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Köln.
Einleitung: Räume europäischer Erinnerungen

"La forme d'une ville change plus vite, on le sait, que le cœur d'un mortel. Mais avant de le laisser derrière elle en proie à ses souvenirs […] il arrive aussi, il arrive plus d'une fois que, ce cœur, elle l'ait changé à sa manière, rien qu'en le soumettant tout neuf encore à son climat et à son paysage, en imposant à ses perspectives intimes comme à ses songeries le canevas de ses rues, de ses boulevards et de ses parcs".

Fast ein halbes Jahrhundert bevor der Schriftsteller Julien Gracq die Eindrücke eines erinnerungsschwangeren Spaziergangs durch Nantes, in dem er seine Schuljahre verbracht hatte, in dem Buch La forme d'une ville niederschrieb, hatte ein Gang durch London beim Soziologen Maurice Halbwachs ähnliche Gedanken angeregt: Einige Gebäude riefen bei ihm unerwartet persönliche Erinnerungen hervor, so als ob die relative Stabilität der sozialen Umgebung bedeutsame Erinnerungen auch über die gespeicherten Gedächtnisbestände des Individuums hinaus wiederentstehen lassen könnte. Individuelle Erinnerungen, so Halbwachs' Schlussfolgerung, seien sozial gerahmt und kollektiv, sie seien mit einer Pluralität von Bezügen ausgestattet und nicht durch ein einziges dominantes Gedächtnis überformt.

Trotz der außerordentlich weiten Rezeption, die Halbwachs mit seiner Soziologie der kollektiven Erinnerungen in den letzten Jahrzehnten nicht nur unter Historikern erlebt hat, ist die Pluralität der ›sozialen Rahmen‹, die weit über den Staat bzw. die Nation hinausgehen, paradoxerweise mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Tatsächlich hat sich die Forschung im Laufe der Zeit aufgrund der breit angelegten Arbeiten, die in der Nachfolge von Pierre Noras Lieux de mémoire über die verschiedenen nationalen "Erinnerungsorte" angefertigt wurden, weitgehend auf den nationalen Rahmen verengt, so dass etwa die Erinnerungen von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen eher am Rande mitberücksichtigt wurden. Verschwunden sind damit aber gerade die Vielfältigkeit der Bezüge und die multiplen räumlichen Verknüpfungen, durch die sich die kollektiven Erinnerungen auszeichnen und die sie in jeweils spezifischer Weise in sozialen Topographien verankern. Das vorliegende Buch möchte daher einen seit langem in der Erinnerungsforschung präsenten Faden aufnehmen und noch systematischer nach dem Verhältnis zwischen der historischen Erinnerung und ihren räumlichen, geographischen Dimensionen fragen.

1. Topographien der Forschung

Bereits seit den grundlegenden Arbeiten von Maurice Halbwachs aus den 1920er und 1940er Jahren ist die Verknüpfung der Erinnerung mit konkreten Orten, die eine Art von "Topographie" der Erinnerung bilden, ein gängiges Bild der historischen Gedächtnisforschung. Auch Jan und Aleida Assmann, die mit ihren Arbeiten die deutsche Rezeption von Halbwachs und die Entstehung einer "Erinnerungsgeschichte" maßgeblich prägten, haben in diesem Sinne die räumliche Metapher immer wieder in ihren Arbeiten verwandt und auf die Entstehung sogenannter "Erinnerungslandschaften" oder "Erinnerungsräume" im Rahmen des "kulturellen Gedächtnisses" hingewiesen. Eine systematischere Behandlung der räumlichen Dimensionen der Erinnerung unterblieb hier jedoch ebenso wie in den meisten anderen Studien, die sich in den vergangenen Jahren mit der Geschichte der Erinnerung und des kollektiven Gedenkens beschäftigten und die meist bei einem sehr positivistischen Bild der "Erinnerungstopographie" stehen blieben.

Die großen Forschungs- und Publikationsvorhaben der französischen Lieux de mémoire und der Deutschen Erinnerungsorte behandelten in diesem Sinne die räumliche Dimension der Erinnerung nur am Rande, da sie die "Nation" als geographischen Bezugsraum in den Vordergrund stellten. Zwar wird in beiden Werken auch die Bedeutung spezifischer regionaler und lokaler Erinnerungen herausgestellt, aber das Wechsel- und Zusammenspiel der verschiedenen räumlichen Einheiten wie auch die Zirkulation von Erinnerung zwischen den einzelnen regionalen und lokalen Kontexten blieb von Anfang an weitgehend außerhalb des Blickfelds von Herausgebern und Autoren. Das Werk von Étienne François und Hagen Schulze unternahm allerdings einen ersten Schritt über den engeren nationalen Rahmen hinaus, indem es auch bi- und multinationale "geteilte Erinnerungsorte" aufnahm und auf die wechselseitige Konstruktion nationaler Stereotypen und Erinnerungsorte verwies.

Mochte die privilegierte nationalstaatliche Verortung der Erinnerungen für Westeuropa noch einigermaßen einleuchten, da hier - nimmt man einmal die aufgrund ihrer Komplexität gerne übersehenen Fälle von Ländern wie Belgien oder selbst Großbritannien aus - die nationalen Abgrenzungen trotz aller im Laufe der Jahrhunderte im Namen der Nation geführten Kriege und Auseinandersetzungen vergleichsweise verfestigt scheinen, zeigten sich im Falle Ost- und Südosteuropas schnell die Grenzen eines solchen einseitigen Blicks. Tatsächlich erwiesen sich hier die räumlichen Zuordnungen aufgrund des wechselvollen Verlaufs der Geschichte von Anfang an weit weniger eindeutig als im Westen. Es ist daher auch kein Wunder, dass die Notwendigkeit einer Ausweitung der Erinnerungsgeschichte hin auf eine transnationale Ebene und auf eine stärkere Berücksichtigung der räumlichen Dimensionen zuerst für diese Regionen in den Blick geriet.

Demgegenüber hat es den Anschein, als ob die Versuche einer europäischen Ausweitung der Erinnerungsforschung bislang den Trend zu einer vordringlich nationalstaatlichen Verortung eher verstärkten als abschwächten, ging es doch bei der Suche nach den "Mythen der Nationen" und "Europäischen Erinnerungsorten" zunächst eher um die Sammlung der verschiedenen nationalen Perspektiven, um so etwas wie ein "normalisiertes" übergreifendes europäisches Erinnerungsgut zu bestimmen. Nicht weiter reflektiert wurde beispielsweise der angenommene Rahmen eines weitgehend christlichen Europas, der von Anfang an zwar Russland und - etwa in dem Projekt "1945 - Arena der Erinnerungen" - selbst die Vereinigten Staaten und Israel einbezog, die Türkei mit ihrer jahrhundertealten europäischen Geschichte jedoch ausschloss.

Die Geschichte der europäischen Erinnerungen kann vor diesem Hintergrund unserer Auffassung nach nur von den Anstößen und Fraugenstellungen profitieren, die in den letzten Jahren in den Geschichts- und Kulturwissenschaften unter dem Schlagwort des spatial turn diskutiert wurden. Auch ohne den postmodernen Ballast mancher Pionierstudien ergeben sich tatsächlich aus einer ganzen Reihe von jüngeren Arbeiten wichtige Perspektiven, welche die Halbwachs'sche Frage nach den unterschiedlichen sozialen Rahmenbedingungen kollektiver Erinnerungen neu formulieren helfen. Dabei wird die von Anfang an für die Geschichtswissenschaft zentrale Frage nach ihrem Verhältnis zur Geographie wieder aufgenommen und in produktiver Weise für die Forschung nutzbar gemacht. Das "kritische Raumverständnis", das nach Doris Bachmann-Medick der neueren Forschung unterliegt, zwingt nämlich dazu, die augenscheinliche Selbstverständlichkeit einer primär nationalstaatlichen Verortung der kollektiven Erinnerungen neu zu überdenken und stattdessen ihre vielfältigen räumlichen Bezüge wiederzuentdecken.

In diesem Sinne haben beispielsweise die Studien über die "mental maps" in Europa deutlich gemacht, wie sehr die Debatten über die Grenzen des Kontinents auch eine Diskussion über die europäischen Erinnerungen darstellten, in der sich die mentalen Raumordnungen der Europäer widerspiegelten. Gezeigt wurde unter anderem, wie historische Erinnerungen für die Konstruktionen spezifischer Bilder "des Ostens", "des Nordens", "des Südens" oder auch "des Balkans" mobilisiert wurden, um das im 18. Jahrhundert noch selbstverständlich als Teil Europas gedachte Osmanische Reich im Verlauf des 19. Jahrhunderts mehr und mehr auszugrenzen und als Teil eines von Europa unterschiedenen "Orients" zu verorten. All dies manifestierte sich in transnationalen "Erinnerungsorten" wie Landkarten, Denkmälern und Gemälden, die etwa den Abwehrkampf gegen die "Türken vor Wien" zum Thema hatten. Deutlich wurde in der Forschung über die "mentalen Landkarten" Europas aber auch, wie umkämpft gleichzeitig innerhalb Europas die Zuordnung Russlands und "des Ostens" war, der mal als ein Teil des eigenen Kontinents und mal als eine fremde, "orientalische" Region gewertet wurde.

Jenseits einer solchen Geschichte der räumlichen Repräsentationen und der Kartographie hat die Forschung der letzten Jahre - wie nicht zuletzt das für den Deutschen Historikertag von 2004 gewählte Thema "Kommunikation und Raum" deutlich machte - auch weitergehend die Ordnungen des Raums in neuartiger Weise betrachtet und dabei nicht nur für Europa die Raumbeziehungen neu vermessen. Als Vorbild diente hier unter anderem das bereits 1977 erschienene Werk Wolfgang Schivelbuschs "Geschichte der Eisenbahnreise", das den Anstoß bot, breiter die Veränderungen der Beziehung von Zeit und Raum in der Geschichte "der europäischen Moderne" in den Blick zu nehmen. Die Neubewertung der räumlichen Ordnungen, die den Kontinent selbst wie auch seine Beziehungen mit der übrigen Welt strukturieren, führte unter anderem zu einer Problematisierung des ehedem als weitgehend statisch gedachten Begriffs der "Grenze". Hier hat die jüngere Forschung die Vielgestaltigkeit der historisch entstandenen Grenzräume und Abgrenzungen hervorgehoben, die nicht in der Konfrontation nationalstaatlich verfasster Gesellschaften aufgehen. Im Kontext der Orientierung der Forschung auf die räumlichen Beziehungen und die Territorialität hat der amerikanische Historiker Charles Maier in übergreifender Perspektive versucht, die geschichtliche Entwicklung generell als eine Abfolge von "Territorialitätsregimen" zu beschreiben, in denen sich die verschiedenen raum-zeitlichen Ordnungen widerspiegeln.

Auch wenn diese zum Teil sehr heterogenen Ansätze in der Gesamtschau kein klares Bild einer einheitlichen Forschungsströmung vermitteln, treffen sie sich doch mit einer Reihe von anderen Entwicklungen, die in gleicher Weise eine Infragestellung des früher für die Geschichtswissenschaft so zentralen Bezugsrahmens der Nation unternahmen. Getragen wurde dieses Aufweichen unter anderem von dem wachsenden Unbehagen gegenüber einem oftmals als zu statisch empfundenen historischen Vergleich nationaler Gesellschaften und der zunehmenden Bedeutung von Ansätzen der historischen Transferforschung sowie der so genannten histoire croisée (Werner/Zimmermann). In den Blick gerieten damit mehr und mehr die für den historischen Wandel der jeweiligen Gesellschaften zentralen Austauschbeziehungen und Zirkulationen sowie die Rolle von Migranten und mobilen Minderheiten. Zusammen mit der Entstehung einer genuinen transnationalen und "globalen" Geschichtsschreibung demonstrieren diese disziplinären Entwicklungen das verbreitete Bemühen, den als zu eng empfundenen nationalen Bezugsrahmen als privilegierte Untersuchungseinheit für die Geschichtswissenschaft hinter sich zu lassen und noch mehr als bislang die ganze Bandbreite der zur Verfügung stehenden räumlichen Kategorien im Sinne der jeux d'échelles (J. Revel) zu nutzen.

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