Details

Die sozial-ökologische Transformation der Welt


Die sozial-ökologische Transformation der Welt

Ein Handbuch
1. Aufl.

von: Karl-Werner Brand, Lutz Meyer-Ohlendorf, Fritz Reusswig, Dieter Rink, Anja Senz, Frank Zirkl, Achim Brunnengräber, Karl-Michael Brunner, Martin Coy, Bernhard Freyer, Sigrun Kabisch, Lutz Laschewski, Beate Littig, Rüdiger Mautz

35,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 09.11.2017
ISBN/EAN: 9783593437408
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 464

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Umweltprobleme verändern seit Beginn der Industrialisierung, mit wachsender Beschleunigung seit den 1950er- Jahren, das Gefüge moderner Gesellschaften. Welche Dynamiken ergeben sich aus diesen Prozessen? Welche Chancen eröffnen sie für den radikalen Wandel fossiler in postfossile Gesellschaften, den die Klimaforscher vehement einfordern? Dieses von Sozialwissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen erstellte Handbuch bietet erstmals eine historisch und global orientierte Analyse des konfliktreichen Wegs der sozial-ökologischen Transformation. Es beleuchtet zentrale Transformationsfelder (Klima, Energiewende, Wirtschaft und Konsum, Stadtentwicklung und Landwirtschaft) und stellt Entwicklungen in westlichen Industrieländern, in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien sowie in armen, agrarisch geprägten Ländern wie Äthiopien vor.
Karl-Werner Brand ist Professor für Soziologie i.R. an der TU München und Mitbegründer der deutschen Sektion Umweltsoziologie.
Vorwort

Dieser Band hat eine längere Vorgeschichte. Seine jetzige Gestalt verdankt er der (etwas späten) Einsicht, dass es unmöglich ist, eine global angelegte, historisch breiter ausholende empirische Studie zu dieser Thematik auch nur in ihren Kernbereichen alleine zu bearbeiten - zumindest innerhalb eines überschaubaren Zeitraums. Zuvor waren allerding schon zwei Jahre ins Land gegangen, in denen ich mich in den ausufernden gesellschaftstheoretischen Debatten, historischen Analysen und internationalen Vergleichen zur Entwicklung und Veränderung gesellschaftlicher Umweltbeziehungen im 20. und frühen 21. Jahrhundert etwas verloren hatte. Die Frage, wie sich die widersprüchlichen, ambivalenten ökologischen Transformationsdynamiken, die offenkundigen Blockaden aber auch die erstaunlichen, durch ökologische Problemdebatten oder externe Ereignisse immer wieder ausgelösten Veränderungsschübe überzeugend erklären lassen, führte zu immer neuen Entwürfen, die mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen auch regelmäßig diskutiert, dann aber meist auch wieder verworfen wurden. Das ist grundsätzlich zwar ein sehr produktiver wissenschaftlicher Erkenntnisprozess; aber das Zeitgespenst und der Machbarkeitszwang sitzen einem doch immer im Nacken.
Nach zwei Jahren stand so zwar im Großen und Ganzen das theoretische Interpretationsgerüst dieser Studie. Aber es war überhaupt nicht absehbar, wie es gelingen sollte, in den folgenden zwei, drei Jahren die verschiedenen Themenbereiche (darunter auch solche, in die ich mich nicht schon länger eingearbeitet hatte), oder gar die Entwicklung in Schwellen- und Entwicklungsländern, von der ich bisher nur beiläufige Kenntnis hatte, halbwegs angemessen darzustellen. So lag es nahe, nach Mitstreitern zu suchen. Glücklicherweise gelang es auch, Kolleginnen und Kollegen als Co-Autoren zu gewinnen, die sich auf den unterschiedlichen Feldern der Nachhaltigkeitsforschung und im Bereich der umweltbezogenen Länderstudien einen Namen gemacht hatten oder überhaupt als Einzige in der Lage waren, einen historisch und fachlich entsprechend breit angelegten Überblick über die widersprüchlichen Entwicklungsdynamiken in den verschiedenen Transformationsfeldern oder Ländern zu geben. Ihnen allen sei noch einmal herzlich dafür gedankt, dass sie sich auf das ungewisse Abenteuer dieses Buchprojekts eingelassen haben.
Insgesamt weist dieser Band so eine gewisse Asymmetrie auf. Anders als klassische Handbücher enthält er einen umfangreichen ersten Teil, in dem der theoretische und historische Bezugsrahmen der Analyse sozial-ökologischer Transformationsdynamiken entwickelt und am Beispiel der Entwicklung der Umweltregulierungen westlicher Industrieländer verdeutlicht wird. Hier kommen meine eigenen Vorarbeiten zum Tragen. Im Schlusskapitel wird dieser Bezugsrahmen dann noch einmal für eine resümierende Analyse der verschiedenen Beiträge dieses Bandes und für einen Ausblick auf die Zukunft genutzt. Die meisten Autorinnen und Autoren dieses Bandes teilen diesen theoretischen Zugang aber nicht unbedingt, zumindest nicht im Detail, auch wenn niemand einen grundsätzlichen Dissens angemeldet hat. Wir gehören keiner gemeinsamen theoretischen Schule an. Entlang der in mehreren Autorentreffen erarbeiteten Fragestellungen und durch die gemeinsame Diskussion der Rohfassungen der einzelnen Beiträge ist es aber doch gelungen, gemeinsame Perspektiven auf die Probleme und Dynamiken sozial-ökologischer Transformationsprozesse zu entwickeln und damit auch so etwas wie einen roten Faden für die Erstellung der Beiträge zu gewinnen. So hoffe ich, dass es gelungen ist, ein in sich halbwegs konsistentes, informatives, theoretisch herausforderndes Handbuch zur "sozial-ökologischen Transformation der Welt" in den vergangenen gut hundert Jahren zu erstellen. Das ist in etwa der Zeitraum, in dem, je nach Land und Region früher oder später, gezielte Bemühungen einsetzten, die Umweltfolgen beschleunigter Modernisierungs- und Industrialisierungsprozesse ›in den Griff‹ zu bekommen. Der empirische Fokus der Feld- und Länderstudien liegt dabei auf der seit den 1970er Jahren sich beschleunigt vollziehenden Problementwicklung, die überall mit entsprechenden Problemdebatten und heftigen Konflikten einherging und zu neuen Regulierungsansätzen führte. Darüber hat sich die industrielle Moderne - in ihren heute sehr heterogenen, globalisierten Formen - selbst in wesentlicher Hinsicht verändert.
Provoziert wurde dieses Buch, zumindest in seiner speziellen Anlage, nicht zuletzt durch das vom WBGU 2011 erstellte Gutachten zur "Großen Transformation". Die hier mit großem Aufwand aus einer planetarischen Perspektive entwickelte Transformationsvision hat zwar - zumindest für engagierte Klimawissenschaftler, Umweltpolitiker, NGOs und andere, von den prognostizierte Folgen des Klimawandels zutiefst betroffene gesellschaftliche Akteure - eine hohe Faszinationskraft. Dass damit die Verhältnisse aber nicht zum Tanzen gebracht werden konnten, hat auch mit einer entscheidenden Schwachstelle dieses Gutachtens zu tun: es beschwört eher die Notwendigkeit und Machbarkeit der Transformation, als dass es sich auf die realen Transformationsdynamiken, ihre strukturellen Triebkräfte, Widersprüche und unterschiedlichen Kontextbedingungen einlassen würde. Ökologische Transformationsprozesse sind aber immer zutiefst in gesellschaftliche Verhältnisse und Entwicklungsdynamiken eingelassen. Dieser Aspekt kommt in diesem Handbuch stärker zum Tragen.
Der Schweisfurth-Stiftung sei herzlich gedankt, dass sie dieses Buchprojekt gefördert hat. Dadurch wurden eine Reihe von Autorentreffen und ein vergleichsweise intensiver persönlicher Diskussions- und Rückkopplungsprozess ermöglicht, der diesem Band mit Sicherheit zugutegekommen ist.
Karl-Werner Brand
München, im Juli 2017


Einleitung: Problemstellung und Untersuchungsperspektive
Karl-Werner Brand

Umweltprobleme sind nicht neu. Sie sind Teil der Menschheitsgeschichte. Sie haben auch nicht selten zum Untergang einzelner Gesellschaften geführt (Diamond 2005). Wie uns die Umwelthistoriker lehren, gab es bisher nur wenige Gesellschaften, die "ihre jeweilige Technologie, ihre Organisations- und Wirtschaftsformen und ihre Institutionen auch nur einige Jahrhunderte aufrechterhalten konnten. Immer wieder gerieten die Gesellschaften an die Gren­­zen der Ressourcen, von denen sie abhängig waren, oder sie zerstörten die sie unterhaltenden Umweltformen, bis es zur Krise kam" (Worster 1994: 96). Für den Kulturanthropologen Marvin Harris sind die Ursprünge aller Kulturen dieser Erde überhaupt nur in solchen tief greifenden Umwelt- und Ressourcenkrisen zu sehen, die zu grundlegend neuen Antworten nötigten (Harris 1977). Dass moderne Industriegesellschaften aufgrund ihrer historisch unvergleichlichen technisch-wissenschaftli­chen Innovationspotenziale diesen zyklischen Aufstiegs- und Verfallsprozessen historischer Kulturen nicht mehr unterliegen, gehört zwar zum klassischen Selbstverständnis der Moderne. Der Blick auf exponentiell wachsende globale Umweltprobleme lässt heute gleichwohl erhebliche Zweifel an dieser Selbstdeutung aufkommen.
Das seit den 1950er Jahren zunächst im Westen, sukzessive dann auch in den Industriegesellschaften sowjetischer Prägung sowie in den südlichen Schwellen- und Entwicklungsländern sich ausbreitende Modell industrieller Massenproduktion und industriellen Massenkonsums hat zu exponentiell steigenden Kurven des Ressourcenverbrauchs, zu dramatischen Formen regionaler Luft- und Gewässerverschmutzung, zur beschleunigten Prozessen der Bodenerosion, der Wasserverknappung und des Artensterbens sowie zur umfassenden chemischen Belastung und Veränderung bio-physischer Stoffkreisläufe geführt. Vorangetrieben von den Wachstumsimperativen der kapitalistischen Ökonomie, von sprunghaften technischen Entwicklungen, der leichten Verfügbarkeit fossiler Ressourcen, einem rapiden Bevölkerungswachstum und der beschleunigten Verstädterung der Welt haben diese industriellen Transformationsprozesse der Natur inzwischen ein Ausmaß erreicht, das Geologen veranlasst, von einer neuen Stufe der Erdgeschichte, dem "Anthropozän", zu sprechen. So tief greifend die damit beschriebenen, anthropogen verursachten Veränderungen im Gefüge und den Dynamiken des "Erdsystems" sind, so tief greifend sind auch die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen, die durch den Klimawandel eine besondere Dramatik erlangen.
Nun können Industriegesellschaften schon auf eine längere Geschichte der Auseinandersetzung mit lokalen und regionalen Umweltproblemen zurückblicken. Diese hatten Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts erste umfassendere zivilgesellschaftliche wie staatlich-institu­tionelle Bestrebungen zum Umwelt-, Gesundheits- und Naturschutz hervorgebracht. In Reaktion auf die Verschärfung regionaler und transnationaler Umweltprobleme verbreitete sich dann aber vor allem seit den 1970er Jahren in allen westlichen Industrieländern eine Welle an Umweltbewegungen und umweltpolitischen Reformbestrebungen, die die "Ära der Ökologie" (Radkau 2011) einleiteten. Die Hauptstoßrichtung der umweltpolitischen Reformen der 1970er und 1980er Jahre zielte zunächst darauf, durch den Ausbau neuer institutioneller Regelwerke und Behörden, durch die Verschärfung von "Grenzwerten" und Sicherheitsstandards, gesundheits- und umweltbelastende Emissionen zu reduzieren sowie Abfälle und Abwässer geregelt(er) zu entsorgen. Diese technisch-regulati­ven Umweltmaßnahmen haben in allen westlichen Industrieländern in den vergangenen Jahrzehnten die lokalen Probleme der Luft-, Gewässer- und Bodenverschmutzung erheblich verringert. Dazu hat allerdings auch beigetragen, dass die stark verschmutzenden Schwerindustrien im Rahmen eines weltweiten wirtschaftlichen Strukturwandels in die neuen Schwellenländer des globalen Südens abgewandert sind. Nicht nur die wirtschaftlichen Wachstumsraten der bevölkerungsreichen Schwellenländer Asiens, Lateinamerikas oder Afrikas, sondern auch die damit verbundenen Verschmutzungsprobleme übersteigen deshalb inzwischen das der hoch industrialisierten westlichen Länder bei weitem. Fehlende ökonomische Ressourcen, Abhängigkeiten von global operierenden Konzernen, autoritäre Regime, extreme interne Ungleichheiten, Korruption und ineffektive Staatsapparate tragen das ihre dazu bei, dass der Grad der Verschmutzung in vielen Fällen noch wesentlich höher ausfällt, als es bei schärferen umweltpolitischen Regulierungen und der Nutzung verfügbarer Umwelt- und Filtertechnologien sein müsste.
Unterstützt das die herkömmliche Annahme, dass die Lösung der Umweltprobleme von Schwel­len- und Entwicklungsländern nur eine Frage der Zeit, des Übergangs von frühindustriellen zu modernen Hightech-Gesell­schaften ist? Diese Annahme bleibt nicht nur dem überkommenen linearen Modell von Fortschritt und Modernisierung verhaftet, es verkennt auch die Art der Umweltprobleme, mit denen wir es heute zu tun haben. Diese äußern sich nur zum Teil in lokalen Formen der Luft-, Gewässer- und Bodenverschmutzung. Die ökologische Problematik ist vielmehr durch die räumliche Ausdehnung, die enorme Beschleunigung und Tiefe industrieller Naturnutzung in den vergangenen Jahrzehnten längst zu einem globalen Problem geworden - und zwar von der Ressourcen- wie von der Emissionsseite.
Das betrifft erstens die Intensität großtechnischer, industrieller Ressourcenausbeutung und die damit vorangetriebene Erschöpfung natürlicher Ressourcen - ob fossiler Energieträger, mineralischer Rohstoffe oder biologischer Ressourcen wie Böden, Gewässer, Wälder oder Fischgründe. Das betrifft zweitens die weltweite industrielle Transformation von Naturräumen durch Verstädterung, industrielle Landwirtschaft, Verkehrserschließung, großflächige Waldrodungen, Gewässerregulierung oder Ressourcenabbau und den damit verbundenen Verlust an Biodiversität. Das betrifft drittens aber auch die schiere, exponentiell wachsende Menge an material- und energieintensiven Infrastrukturen, Geräten, Produkten und Dienstleistungen, die modernes Leben und Arbeiten in einer hochmobilen, städtisch geprägten Welt überhaupt erst ermöglichen, deren Emissionen und Rückstände sich aber in globalen Nahrungsketten und bio-physischen Stoffkreisläufen anreichern und zu komplexen, räumlich und zeitlich versetzten ökologischen Reaktionen führen (wie z.?B. dem Klimawandel).
Alle diese Problemlagen beeinträchtigen nicht nur die natürlichen Lebensräume und die Lebensbedingungen von Pflanzen, Tieren und Menschen, sondern sie erhöhen auch die Verletzbarkeit von Gesellschaften und führen zur Häufung lokaler Umweltkatastrophen. Selbst wenn im Prozess nachholender ökologischer Modernisierung moderne Umwelt- und Filtertechnologien von Industrie- in Schwellen- und Entwicklungsländer transferiert werden, so lassen sich damit zwar die durch die Schadstoffemissionen von Fabriken, Kraftwerken, Verkehr und Haushalten verursachten lokalen Belastungen und Schäden reduzieren. Damit hat sich aber die Gefährdung durch globale, lokal sehr unterschiedlich wirkende Umweltprobleme noch nicht verringert.
Parallel zur Entwicklung komplexerer wissenschaftlicher Modelle und Methoden der Beobachtung und Analyse globaler Ökosysteme, Stoffflüsse, Schadensbefunde und Gefährdungslagen haben sich deshalb in den vergangenen Jahrzehnten auch internationale Bemühungen zur Regulierung transnationaler und globaler Umweltprobleme verstärkt. Das führte nicht nur zu einer explosionsartigen Vermehrung internationaler Umweltabkommen. Transnationale und globale Umweltprobleme waren auch ein treibender Faktor in der Entwicklung neuer flexibler Formen von Governance, in der neben den klassischen nationalstaatlichen Akteuren auch zwischenstaatliche Organisationen, Wissenschaftsgemeinschaften, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen eine bedeutende Rolle spielen. Umweltpolitische Koordinations- und Steuerungsprobleme lassen sich international nur noch im Rahmen komplexer Mehrebenen-Politiken und unter Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure lösen. Dem Bezug auf wissenschaftliche Befunde kommt dabei zwar ein zentraler Stellenwert zu; da diese aufgrund der Komplexität der Problemlagen aber meist erhebliche Ungewissheiten aufweisen, sind sie fast immer auch umstritten und politisch zugunsten der einen oder anderen Position instrumentalisierbar.
Die Regulierung von Umweltproblemen stößt darüber hinaus auf nationaler wie auf internationaler Ebene auf grundsätzliche Probleme. Das liegt wesentlich am institutionellen Design der auf nationalstaatliche Interessen und Legitimationsformen, auf Verteilungsprobleme, kurzfristiges Problemmanagement und res­sortspezifische Problembearbeitung zugeschnittenen Formen moderner Politik, die auf wirtschaftliches Wachstum fixiert und deshalb in hohem Maße auch von den Dynamiken des Weltmarkts und den Interessen mächtiger wirtschaftlicher Akteure abhängig ist. Das kollidiert in vieler Hinsicht mit den grenzüberschreitenden, ressortübergreifenden, sehr viel längerfristigen Zeitrhythmen folgenden ökologischen Problemlagen. Diese Inkompatibilitäten zeigen sich auch auf der Ebene der Global Environmental Governance (Najam u.?a. 2006; Winter 2006).
Die Vielzahl von Umweltregimen und die kaum überschaubare Vielfalt an zwischenstaatlichen Organisationen und Netzwerken, die die jeweiligen Umweltregime begleiten und die Verhandlungsprozesse am Laufen halten, ermöglichen zwar internationale Lern- und Anpassungsprozesse; wie die Klimaverhandlungen zeigen, bieten sie offensichtlich aber keinerlei Gewähr für substantielle Problemlösungen (Jakob u.?a. 2007; Breitmeier u.?a. 2009). Dem widerspricht auch nicht der international gefeierte Durchbruch auf dem Pariser Klimagipfel vom Dezember 2015. Substantielle Fortschritte in internationalen Klimaregimen gibt es offensichtlich immer nur dann, wenn alle relevanten Akteure davon überzeugt werden können, dass der Kampf gegen den Klimawandel langfristig auch für sie selbst wirtschaftliche Vorteile bringt. Das ist eine vergleichsweise seltene Konstellation. Auch wenn internationale Regulierungen für die meisten "global com­mons"-Probleme unverzichtbar sind, stellt sich deshalb doch die Frage, ob die Entwicklung alternativer, ökologisch verträglicherer Praktiken nicht auf anderen Wegen wirksamer oder zumindest ebenso wirksam vorangetrieben werden kann: etwa durch die internationale Diffusion innovativer umweltpolitischer Steuerungsmodelle (z.?B. des "Erneuerbaren Energiegesetzes"), durch die Verbreitung "grüner" Technologien über den Marktmechanismus, durch internationale Netzwerke kommunaler Klimainitiativen, durch die Verbreitung neuer Modelle solidarischer Ökonomie oder durch die Veränderung von Lebens- und Konsumstilen, die eine steigende Nachfrage nach ökologisch und fair produzierten Gütern schaffen (könnten).
Einen erheblichen Schub zu einer systematischeren Integration von Umweltkriterien in die klassischen Politikfelder der Wirtschafts-, Energie-, Verkehrs-, Bau- oder Landwirtschaftspolitik brachte das im Bericht der Brundtland-Kommission "Our Common Future" (WCED 1987) entwickelte, in der UNCED-Konferenz in Rio 1992 dann offiziell in internationalen Dokumenten und Konventionen verankerte Konzept der "nachhaltigen Entwicklung". Dieses Leitbild steht für einen Kurswechsel in der klassischen Entwicklungspolitik der UN. Nicht das Wachstumsziel als solches, wohl aber das umweltbelastende, den Bestand natürlicher Ressourcen gefährdende herkömmliche Modell wirtschaftlichen Wachstums soll zugunsten eines ökologisch modernisierten "qualitativen" oder "nachhaltigen Wachstums" aufgegeben werden. Da dies vor allem eine Veränderung industrieller Produktions- und Konsummuster voraussetzt, führte die Aufbruchsstimmung der Rio-Konferenz, unter Bezug auf das dort verabschiedete Aktionsprogramm "Agenda 21", auch zu einer neuen, weltweiten Welle an Initiativen (Lokale Agenda 21-Prozesse), die das Ziel verfolgten, nachhaltige Entwicklung auf lokaler Ebene voranzutreiben. Das internationale Leitbild der nachhaltigen Entwicklung nötigte aber auch nationale Regierungen und Parlamente zur Entwicklung integrativer, querschnittsorientierter Nachhaltigkeitsstrategien und Aktionsprogramme.
Ein Großteil dieser Initiativen versickerte wieder zu Beginn des neuen Jahrhunderts. In den USA hatte "9/11", der verheerende Anschlag auf das World Trade Center, dem "Krieg gegen den Terrorismus" neue Priorität verschafft. Ende 2006 sensibilisierte der "Stern-Report" zwar eine breite politische Öffentlichkeit für die Kosten des Klimawandels, vor allem für die vergleichsweise geringen Kosten einer möglichst früh einsetzenden, konsequenten Politik des Klimaschutzes. Und im Frühjahr 2007 sorgte dann der vierte Bericht des internationalen Klimarats (IPCC) zu den erwartbaren katastrophalen Folgen des Klimawandels in vielen Ländern der Welt für ein gewaltiges Medienecho. Eine international als "Klima-Queen" gefeierte Bundeskanzlerin erklärte im selben Jahr die "Klimafrage zur Überlebensfrage der Menschheit". Die Ende 2007 in den USA einsetzende, nach und nach die ganze Welt erfassende Finanz- und Wirtschaftskrise ließ Klima- und Umweltfragen allerdings rasch wieder in den Hintergrund treten. Neben tief greifenden ökonomischen und sozialen Problemlagen bestimmen seither vor allem politische Krisen, Kriege im Nahen Osten, radikal-islamistischer Terror, Flüchtlingsströme und ein insbesondere in den westlichen Ländern auffälliger Rechtsruck die politische Tagesordnung. Drohende - und real stattfindende - Umwelt- und Klimakatastrophen sind in diesem Rahmen nur ein Aspekt einer vielgestaltigen Krisenkonstellation.
Die Klimaproblematik verschärft sich indessen weiter. 2014 emittierte die Welt 30 Prozent mehr Treibhausgase als 2007 und der Zuwachs ist ungebrochen. Die Grönlandgletscher schmelzen fünfmal schneller als es die Forscher noch vor zehn Jahren erwartet haben. Die Extremwetter nehmen zu - auch in Europa. Die Stimmen derer, die einen drastischen Kurswechsel, eine neue Bündelung gesellschaftlicher Anstrengungen fordern, um Problementwicklungen nicht vollends ins Chaotische, Unkontrollierbare kippen zu lassen, sind in den vergangenen Jahren deshalb auch immer lauter geworden. In Deutschland hat so der "Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" 2011 ein viel beachtetes Jahresgutachten vorgelegt, in dem ein neuer "Gesellschaftsvertrag" propagiert wird, der die "Große Transformation" hin zu einer dekarbonisierten Wirtschafts- und Lebensweise in raschen Schritten voranbringen soll (WBGU 2011). Diese Forderungen fanden allerdings weder in der ein Jahr später stattfindenden "Rio+20"-Konferenz der Vereinten Nationen, noch in den nationalen Politiken ein nennenswertes Echo - auch wenn die atomare Katastrophe in Fukushima im März 2011 die politischen Routinen zumindest in Deutschland für kurze Zeit erschütterte und die "Energie­wende" programmatisch zu einem zentralen Projekt der Regierung werden ließ. Aber auch diese "Wende" wird inzwischen im Alltag politischer Interessenkonflikte klein gekocht und zeitigt eine ganze Reihe paradoxer Effekte.
Gleichzeitig gewinnt die zivilgesellschaftliche Transformationsdebatte, der Chor der Wachstumskritiker, der "Degrowth"- und "Postwachstums"-Verfechter, an Gewicht. Darüber, dass sich das Bruttoinlandsprodukt nur noch sehr begrenzt als Indikator für gesellschaftliche Wohlfahrt und Zufriedenheit eignet, besteht inzwischen zwar ein gewisser Konsens. Es fehlt allerdings an institutionellen Konsequenzen; Wachstum ist nach wie vor die zentrale Bezugsgröße der Politik in Ländern des Nordens wie des Südens. In vielen gesellschaftlichen Nischen wird gleichwohl in unterschiedlichsten Facetten mit alternativen, sozial und ökologisch orientierten Lebensstilen experimentiert. Manches davon ist bereits Mainstream geworden. Zumindest in westlichen Ländern hat das Bedürfnis, seinen Konsum an ökologischen und "fairen" Kriterien zu orientieren, inzwischen einen hohen Stellenwert erlangt. Ob "urban gardening", vegane Ernährung, hippe Öko-­Design-Textilien oder ethisch korrektes Banking - Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind in Teilen der Bevölkerung absolute Trendthemen. Aber auch generell wächst das Bedürfnis nach Einfachheit und Entschleunigung, nach einer neuen Balance von Arbeit, Freizeit, Partnerschaft und Familie. "Down­shifting", das Hamsterrad des stressigen Arbeits- und Alltagslebens einen Gang herunter zu schalten, erscheint vielen attraktiv, wenn auch nur schwer umsetzbar. Dafür boomt der Markt für Wellness, für entschleunigende Wohlfühlangebote, die kompensatorisch in stressige, hochgradig flexibilisierte, auf individuelle Selbstoptimierung verpflichtete Alltagswelten der Mittel- und Oberschichten eingebaut werden. Auch die neuen, durch das Internet begünstigten Formen der "Share Economy", des gemeinsam geteilten Konsums, werden von vielen als Abschied vom klassischen Besitzdenken gefeiert und als Teil einer sozial-ökologi­schen Wende von unten wahrgenommen.
Fragestellung
Die Frage ist, zu welchen Mustern sich diese widersprüchlichen Tendenzen fügen. Dass sich seit den 1970er Jahren eine tief greifende ökologische Transformation von Problemwahrnehmungen, von Natur- und Weltdeutungen, von institutionellen Regulierungen, technischen Problemlösungen und Alltagspraktiken vollzogen hat, ist unbestreitbar (vgl. Radkau 2011). Die Frage ist aber, ob es damit auch gelungen ist, die zentralen Trends globaler Umweltbelastung zu brechen und die Formen der Naturnutzung in eine umweltverträglichere Richtung zu lenken - oder ob die gängigen Lösungsstrategien nur zu Problemverschiebungen und paradoxen Nebeneffekten geführt haben. Verweist der allgegenwärtige ökologische Krisendiskurs der Medien, die omnipräsente Nachhaltigkeitsrhetorik von Politik und Wirtschaft, das internationale Karussell von Klimakonferenzen, die zahllosen Forschungsprogramme und die anschwellende Flut an Publikationen zu Umwelt-, Klima- und Energiefragen nur auf einen "volltönenden Stillstand" in den Bemühungen, fortschreitende, globale Umweltprobleme in den Griff zu bekommen (Uekötter 2011)? Oder lassen sich über die vergangenen Jahrzehnte hinweg doch spezifische Lerneffekte und Paradigmenwechsel im Umgang mit ökologischen Problemen identifizieren? Wären die ökologischen Folgen des weltweiten Industrialisierungsprozesses ohne die Neuformierung der Umweltbewegung und eines breiten umweltpolitischen Engagements auf kommunaler, nationaler und internationaler Ebene in den vergangenen Jahrzehnten nicht noch wesentlich dramatischer als sie heute sind? Warum scheitern aber meist konsequentere, von Umweltbewegungen und Teilen der Wissenschaft als notwendig erachtete umweltpolitische Kurskorrekturen - und warum gelingen manchmal doch überraschende Durchbrüche? Wie lassen sich in hochkomplexen transnationalen Problem- und Handlungsfeldern, in denen sehr heterogene Akteuren mit unterschiedlichen Interessen, Betroffenheiten, Problemwahrnehmungen, Handlungspräferenzen und Machtressourcen aufeinander treffen, überhaupt innovative Lösungen und Regulierungsformen für Umweltprobleme finden? Und welchen Stellenwert haben all die innovativen, zivilgesellschaftlichen Reformansätze und Nischenpraktiken in den verschiedenen Teilen der Welt für diesen Transformationsprozess? Haben die auf der ganzen Welt sich sprunghaft verbreiternden Ansätze einer sozial-ökologischen Transformation von unten nicht längst einen sehr viel tiefer greifenden strukturellen Transformationsprozess in die Wege geleitet, als dies auf der institutionellen Ebene der wachstumsfixierten politischen und wirtschaftlichen Handlungsprogramme erkennbar ist?
Diese und viele andere Fragen bedürfen der eingehenderen Diskussion, um ein Gesamtbild der Dynamiken, Blockaden und Ambivalenzen des ökologischen Transformationsprozesses der Welt im frühen 21. Jahrhundert zu gewinnen. Wir gehen dabei von der Einsicht aus, dass die Entstehung von und der Umgang mit Umweltproblemen untrennbar mit den jeweils dominanten gesellschaftlichen Organisationsmustern, Problem- und Konfliktlagen verknüpft ist. Die Dynamiken der ökologischen Transformation moderner Gesellschaften lassen sich deshalb nur dann angemessen begreifen, wenn es gelingt, diese Verflechtungen zu rekonstruieren. Da die jeweiligen Strategien ökologischer Problembearbeitung primär gesellschaftliche Handlungsrationalitäten und erst sekundär die komplexen Sachlogiken ökologischer Problemlagen reflektieren, produzieren sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht intendierte, paradoxe Effekte, die zu immer neuen Rückkopplungsschleifen von kontroversen Problemdebatten, inkrementellen Lösungsstrategien und neu auftretenden Nebenfolgen führen. Welche Transformationsdynamiken sich daraus insgesamt ergeben, ist der Gegenstand dieser Studie.

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