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Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale


Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale


Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie, Band 25 1. Aufl.

von: Marcel Mauss, Marcel Fournier, Jean Terrier, Axel Honneth

28,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 05.10.2017
ISBN/EAN: 9783593437330
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 360

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Ein Schlüsseltext des 20. Jahrhunderts

In seiner Schrift "La Nation", um 1920 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs verfasst, entwickelte Marcel Mauss einen Begriff von "Nation", dem zufolge diese über sich hinaus zum Internationalismus treibt. Eine entscheidende Rolle spielte für ihn dabei ein "Sozialismus von unten", den er als "Nationalisierung" im Sinne einer allmählichen Bewusstwerdung der Nationen versteht, ihre ökonomischen Interessen selbst in die Hand zu nehmen. Große Hoffnungen setzte er dabei in den Völkerbund ("Société des Nations"). Den damaligen Zustand der Nationen, ihre Geschichte und ihre Zukunftsaussichten erschließt Mauss in diesem Werk aus ökonomischer, rechtlich-moralischer und kulturhistorisch- ethnologischer Perspektive. Sein Werk besticht sowohl durch stupendes Detailwissen als auch durch verblüffende Vorhersagen, etwa zum Auseinanderfallen Jugoslawiens oder zum Siegeszug des Islam.
Mauss' Schrift, die nach seinen Plänen sein politisches Hauptwerk werden sollte, ist Fragment geblieben; sie wurde 2013 erstmals vollständig aus dem Nachlass ediert.
Inhalt
Vorwort von Axel Honneth 11
Jean Terrier und Marcel Fournier: Zur Einführung. Die Nation: Eine Expedition in den Bereich des Normativen 17
1. Die Nation: Stationen eines Forschungsprojekts 21
2. Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale 31
Polysegmentäre Gesellschaften und Reiche 35
Die Nation als integrierte Gesellschaft 37
Die Nation als Demokratie 38
Die Nation als Nationalität 39
Die sozialistische Nation 41
3. Grenzen von Die Nation 42
Jean Terrier: Zur Textgestalt 49
Tabelle der verwendeten philologischen Zeichen 52
Tabelle der vorherigen Veröffentlichungen 53
Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale 55
Gegenstand des Buches 55
Erster Teil - Die Nation als Gesellschaftsgattung 65
Kapitel I. Einleitung 67
Kapitel II. Nationen und Nationalitäten 75
[I] 75
II 84
Zweiter Teil - Die internationalen Beziehungen oder Vom Internationalismus 109
Kapitel I. Die internationalen Phänomene 111
Zwei Vorbemerkungen 113
I. - Zivilisation 117
II. - Technik 120
III. - Ästhetik 123
IV. - Religion 125
[V. - ] Juristische [Tatsachen] 129
[VI. - ] Sprachliche [Tatsachen] 131
Kapitel II. Morphologische Phänomene 139
[I. - Verkehrswege, Kommunikationsmittel, intersoziale Gruppen] 140
II. [- Krieg und Frieden] 149
III. [- Unterordnung und Kolonialisierung] 164
Kapitel III. Die ideellen Phänomene 177
I. - Völkerrecht 178
II. - Das Christentum 186
III. - Die Arbeiter-Internationale 193
Strukturelle Auswirkungen 209
Dritter Teil - Über die Nationalisierungen oder den Sozialismus 211
Einleitung 213
Kapitel I. Definition von Sozialismus und Nationalisierung 219
Kapitel II. Die sozialistischen Ideen. Das Nationalisierungsprinzip 225
Die Ideen und die Syst[eme] 227
Kurze kritische Darstellung der Theorien des Sozialismus 229
Kapitel III. Die ökonomischen Tatsachen 257
Ökonomische Tatsachen 258
[I.] - Bildung kapitalistischer Körperschaften 261
Bildung von anonymem und kollektivem Kapital 262
II. - Organisation: Aufbau des kollektiven Kapitals, Kartelle, Trusts 265
III. - Der Vertikalkonzern 269
IV. - Auswirkungen des Krieges 272
Kapitel IV. Die ökonomische Bewegung von unten 287
I. - Die Arbeiterdemokratie 289
II. - Die Zeit des Krieges und die Nachkriegszeit 304
III. - Genossenschaftliche Zusammenarbeit oder Die Verbraucherdemokratie 313
Ergänzung zu Die Nation 331
Das Nationalitätenprinzip 333
I. - Die Nationen 334
II. - Der Internationalismus 340
III. - Schluss 348
Literatur 351
Marcel Mauss (1872 - 1950) war ein französischer Soziologe und Ethnologe, der am Collège de France in Paris lehrte. Er stand der politischen Linken nahe und gründete die Zeitschriften Mouvement Socialiste und L'Humanité. Bekanntestes Werk von Mauss, der als Vaterfigur der Anthropologie in Frankreich gilt, ist "Die Gabe" ("Essai sur le don", 1923/1924).
Vorwort
Wäre das vorliegende Buch von Marcel Mauss einfach eine Studie zur Idee, zur Geschichte und zur Realität des Nationalstaats, so dürfte mit Recht gefragt werden, was es denn in der Schriftenreihe des Instituts für Sozialforschung zu suchen habe; denn mit dem Vorhaben einer kritischen Gesellschaftsanalyse, wie umfassend auch immer verstanden, hätte ein solches Buch dann doch wohl nur wenig zu tun. Gewiss, es ließe sich geltend machen, dass das Werk von Mauss inzwischen weit genug aus dem Schatten von Émile Durkheim herausgetreten ist, um als ein eigenständiger Beitrag zu vielen wichtigen Fragen der Sozialtheorie zu gelten (vgl. etwa Karsenti 1997; Fournier 1994), weswegen eine Veröffentlichung dieses postum erschienenen Buches in unserer Reihe auch unabhängig von Traditionszugehörigkeiten gerechtfertigt sein könnte; aber so recht scheint dieses Argument nicht zu stechen, ist es doch die erklärte Absicht der Schriftenreihe unseres Instituts, vornehmlich solche Studien zu publizieren, die in einem weiten Sinn der kritischen ­Diagnose der Gegenwartsgesellschaften dienen - warum dann also an diesem Ort eine Untersuchung zum veraltet anmutenden Konzept der Nation? Ein anderes Argument, das sich anführen ließe, könnte sein, dass Mauss mit seinen Studien zum Gabentausch längst als einer der Stamm­väter einer kapitalismuskritischen Tradition angesehen wird und insofern die Aufnahme eines weiteren Buches aus seiner Feder in unsere Reihe naheliegen müsste - aber auch das wäre so lange kein stichhaltiger Grund, wie nicht gezeigt werden könnte, dass auch die vorliegende Schrift eine Spur jenes kritischen, sich an den kapitalistischen Zeitläuften reibenden Geistes in sich trägt. Genau das ist aber der Fall: Mauss wollte mit seiner Studie in Form einer historischen Soziologie der Nationen zeigen, dass sich diese mit einer gewissen inneren Zwangsläufigkeit nicht nur auf einen Zustand des friedlichen Miteinanders, sondern auch einer sozialistischen Kooperationsgemeinschaft zubewegen; er arbeitete an seiner Studie, um mit den Mitteln einer umfassenden Analyse der sozialen Implikationen der Nationalstaatsbildung zu zeigen, dass damit die Weichen in Richtung sowohl eines harmonischen Zusammenlebens unter den Völkern als auch einer Vergesellschaftung des jeweiligen Volksvermögens gestellt sein würden. Was immer man über einen solchen Erklärungsanspruch denken und wie immer man auch die eigentümliche Spannung zwischen nüchtern-positivistischem Gestus und geschichtsphilosophischem Impetus beurteilen mag, mit ihrem untergründigen Ziel, der Bildung von Nationalstaaten eine emanzipatorische Entwicklungsrichtung zu entlocken, ragt diese Schrift weit über vergleichbare Studien zum Thema hinaus; sie darf aufgrund ihrer einzigartigen Synthese aus profundester Geschichtskenntnis, soziologischer Deutungskraft und praktisch-politischem Fortschrittswillen ohne Übertreibung als eine der bedeutendsten Schriften zur Idee der Nation gelten. Das Institut für Sozialforschung weiß sich daher glücklich, das mühselig aus dem Nachlass rekonstruierte Buch von Marcel Mauss in deutscher Übersetzung in der eigenen Schriftenreihe veröffentlichen zu können.
Die beiden Wissenschaftler, denen es gelungen ist, aus den seit dem Ende des Ersten Weltkriegs entstehenden Manuskripten von Marcel Mauss zu einer geplanten Schrift über die "Nation" nachträglich das vorliegende, in Frankreich 2013 erschienene Buch zusammenzustellen, sind Marcel Fournier, ein eminenter Kenner des Werkes von Mauss (vgl. Fournier 1994 und 1997), und der jüngere Sozialtheoretiker Jean Terrier; die Einführung, die sie gemeinsam zur französischen Ausgabe beigesteuert haben und die in unsere Ausgabe übernommen wurde, enthält einen fulminanten Überblick über die weitgehenden Absichten, die Mauss mit dem ihn beinah zeitlebens beschäftigenden Projekt verfolgte. Anstatt hier also zu wiederholen, was in dieser Einführung sorgfältig und äußerst eindrucksvoll entwickelt wird, will ich mich im Folgenden darauf beschränken, nur kurz das leitende Erkennt­nisinteresse des Buches zu umreißen, um damit dem deutschsprachigen Publikum den Einstieg in die Lektüre zu erleichtern.
Der ganze Kosmos des Werkes von Marcel Mauss wird hierzulande ja erst ganz allmählich sichtbar. Trotz der energischen Versuche, die vor allem Henning Ritter in den 1970er Jahren unternommen hatte, Mauss' Schriften im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen (vgl. Mauss 1975 [1950]), war es hier um deren Verbreitung und Rezeption bis vor kurzem eher schlecht bestellt. Interessanterweise hat sich das nach meinem Eindruck erst geändert, als im Gefolge der weltweiten Finanzkrise das Interesse an kapitalismusskeptischen Theorien erneut anstieg; denn damit wuchs plötzlich auch wieder die Aufmerksamkeit für die Schrift Die Gabe, die deswegen unschwer als kapitalismuskritisch angesehen werden konnte, weil sie in der "­totalen sozialen Tatsache" des Gabentausches archaischer Gesellschaften ein solidaritätsstiftendes Medium der sozialen Integration angelegt sah, das ausdrücklich auch für moderne Gesellschaften als sowohl erforderlich wie auch als in Resten noch existent angesehen wurde - so spielt Mauss bekanntlich am berühmten Ende seiner Studie auf die französische Sozial­gesetzgebung seiner Zeit an, um zu belegen, dass in rudimentärer Weise solche dem Gabentausch ähnliche Formen von nicht am individuellen Gewinn orientierten Sozialpraktiken auch im Kapitalismus überlebt haben (vgl. Mauss 1995 [1925]: Kap. IV. 1). War dieser Zusammenhang zwischen ethno­logischer Recherche und kapitalismuskritischer Absicht in der Studie Die Gabe aber erst einmal durchschaut, so stieg mit einem Mal das Interesse an seinen anderen Schriften auch im deutschsprachigen Raum. Was im Zuge dieser nun plötzlich aufflammenden Rezeption an den Schriften von Marcel Mauss schrittweise deutlich wurde, war etwas, was zuvor infolge der Dominanz vor allem der strukturalistischen Lesart eines Lévi-Strauss sogar in Frankreich kaum hatte sichtbar werden können (vgl. dazu vorzüglich: Hahn 2015): dass dieser Soziologe aufgrund seiner lebenslangen Bindung an das im Frankreich der Jahrhundertwende zunächst von Jean Jaurès verkörperte Projekt des Sozia­lismus all seine weitausholenden Studien nicht zuletzt mit dem untergründigen Interesse betrieben hatte, diejenigen normativen Ressourcen in modernen Gesellschaften aufzuspüren, die der sozialen Verbreitung eines wirtschaftlichen Solidarismus entgegenkommen könnten. Stärker als sein Onkel und Lehrmeister Émile Durkheim, bei dem freilich derartige Tendenzen auch schon angelegt waren (vgl. exemplarisch Filloux 1977), wollte Marcel Mauss die Soziologie als eine Disziplin verstanden wissen, in der mit den Mitteln einer umfassenden, die archaischen Gesellschaften miteinbeziehenden Tatsachenforschung die Möglichkeiten der Wiederbelebung eines solidarischen Kooperationsgeistes auf dem Boden der modernen kapitalis­tischen Gesellschaften erkundet werden.
Der Einsicht in dieses zentrale Erkenntnisinteresse von Mauss verdankt sich, wenn ich es richtig sehe, die erstaunliche Flut von Veröffentlichungen, die innerhalb des letzten Jahrzehnts zu seinem Werk im deutschsprachigen Raum erschienen sind; dazu gehören nicht nur erstmalige Editionen von hierzulande bislang weitgehend unbekannten Schriften aus seiner Feder (vgl. Mauss 2012 [1968/1969], 2015 und 2013 [1947]), sondern auch monogra­fische Einführungen in sein Gesamtœuvre sowie Sammelbände zur Schrift Die Gabe (vgl. Moebius 2006; Moebius und Papilloud 2006). Nicht alles aus diesem Konvolut von Neuerscheinungen ist gewiss in derselben Weise geeignet, jenes zuvor umrissene Bild des politisch-praktisch motivierten Sozialtheoretikers zu unterstützen - so dient etwa das Handbuch der Ethnographie (2013 [1947]) im Wesentlichen nur einer methodischen Klärung von Leitlinien der ethnografischen Forschung; aber im Großen und Ganzen lässt sich wohl sagen, dass sich das neuere Interesse am Werk von Marcel Mauss vor allem dem Eindruck verdankt, darin würde mit positivistischen Mitteln, enormen geschichtlichem Sachverstand und soziologischer Phantasie nach Wegen der Überwindung des privategoistischen Geistes der kapitalistischen Moderne gesucht (vgl. exemplarisch Karsenti 1997). Im Lichte eines solchen Erkenntnisinteresses muss nun fraglos auch Mauss' direkt nach dem Ersten Weltkrieg erwachtes Engagement für das Thema des Nationalstaats und des Nationalismus verstanden werden; nach allem, was wir über seine Motive für dieses dann bis ans Lebensende verfolgte Projekt wissen, glaubte der Soziologe, in der Nation eine "totale soziale Tatsache" entdeckt zu haben, die wie die archaische "Gabe" alle sozialen Sphären umfasst, daher zwischen wirtschaftlichen, politischen oder rechtlich-moralischen Belangen keine Unterscheidungen zulässt und die Gesellschaftsmitglieder unter normalen Bedingungen dazu motiviert, sich gemeinsam für eine kooperative Form des Wirtschaftens einzusetzen und nach friedlichem Austausch mit allen anderen Staatsvölkern zu streben. Legt man sich das Ziel der vorliegenden Studie in dieser Weise zurecht, so wird unmittelbar klar, vor welche enormen Herausforderungen sich Mauss gestellt gesehen haben muss; so perfektionistisch wie er offensichtlich sowohl in empirischer als auch in theoretischer Hinsicht war, verlangte ein solches Projekt von ihm nicht nur eine geschichtliche Rekonstruktion sowohl der Entstehung als auch der allmählichen Verbreitung des Nationalstaatsgedankens, sondern auch eine begriffliche Differenzierung von unterschiedlichen Graden und Formen der Nationenwerdung oder, wie Mauss sagt, der "Nationalisierung" einer Gesellschaft. All das wird nun in der vorliegenden Studie unter steter Einbeziehung des historischen Materials mit begrifflicher Akribie und enormem Gespür für weltpolitische Zusammenhänge entwickelt - wollte man in Hinblick auf das atemberaubende Vermögen zur begrifflichen Durchdringung geschichtlich komplexester Vorgänge nach Vergleichbarem in der Soziologie Umschau halten, so fiele einem im deutschsprachigen Raum als erster wohl Max Weber ein.
Auf jeden Fall besteht das enorme Verdienst der vorliegenden Studie darin, bei Berücksichtigung der Vielzahl historischer Einzelfälle eine Reihe von generalisierungsfähigen Hypothesen zu entwickeln, die die Ausgangsbedingungen und die normative Entwicklungsrichtung der Nationenbildung betreffen. Das beginnt mit der Beobachtung, dass eine Gesellschaft, nämlich eine unter einer bestimmten Verfassung kontinuierlich auf einem eigenständigen Territorium zusammenlebende Gruppe von Menschen, erst dann zu einer Nation wird, wenn sie durch die Zentralisierung politischer Macht weit genug sozial integriert ist, um jedes Mitglied gegenüber dem staatlichen Zentralorgan eine politische Loyalität empfinden zu lassen. Bereits diese erste Bestimmung erlaubt es Mauss dann im Weiteren, an solchen nationalstaatlichen Gebilden graduelle Differenzierungen vorzunehmen, die sich daran bemessen, in welchem Grade die sozial integrierenden Normen bereits als kollektiv hervorgebracht begriffen werden und damit aller außersozialen Autorität entkleidet worden sind - ist ein solcher Säkularisierungsprozess noch nicht abgeschlossen, besteht also weiterhin der Glaube an religiöse Quellen politischer Macht oder gilt die politische Treuepflicht anderen sozia­len Organen als den zentralstaatlichen Instanzen, so spricht Mauss von bloßen "Nationen im Werden" oder auch von politischen Reichen.
All diese Unterscheidungen, zu denen noch viele weitere hinzukommen, die ausnahmslos von eminenter Bedeutung für die politische Soziologie sind, dienen dem Autor allerdings nur als Vorstufe zur Behandlung des Themas, das ihm vor allem am Herzen liegt - nämlich welche normative Entwicklungsrichtung die einmal erfolgreich errichteten Nationen dann nehmen können, wenn sie nicht in eine "Fetischisierung" nationaler Gemeinsamkeiten und damit in einen partikularistisch überhöhten Nationalismus abgleiten. Hier setzt ein, was die französischen Herausgeber des Buches als Tendenz zu einer "geschichtsphilosophisch-teleologischen Herangehensweise" bezeichnen und worin angesichts der gegenwärtigen Lage der Weltpolitik sicher­lich das eigentlich Herausfordernde der Argumentation von Mauss liegt; er ist der Überzeugung, dass es der mit der Nationalstaatsbildung einhergehende Wandel im moralischen Kollektivbewusstsein für alle Staatsbürger und -bürgerinnen nahelegt, sich für eine staatlich kontrollierte, den genossenschaftlichen Geist befördernde Wirtschaftspolitik einzusetzen und einen friedlichen Austausch mit allen anderen Staatsvölkern herbeizusehnen. Allerdings stützt Mauss diese optimistische Diagnose nicht allein auf Vermutungen über Wandlungen im kollektiven Moralbewusstsein, sondern noch viel stärker auf Mutmaßungen bezüglich der sozialisierenden Wirkungen der historisch neu entstandenen Kommunikationsmittel; was der wirtschaftliche Zwang zum internationalen Handel an Techniken entstehen lässt, um Verkehrswege abzukürzen, Transfers zu ermöglichen und Absprachen zu treffen, ist nach Überzeugung des Soziologen zusammengenommen dazu angetan, sowohl den inneren Zusammenhalt einer Nation zu stärken als auch den Hang zu einem friedlichen Internationalismus zu befördern.
Liest man heute alle diese zuversichtlichen Prognosen, so drängt sich unweigerlich die Frage auf, welche historischen Entwicklungen deren Realisierung in den letzten beiden Jahrzehnten verhindert haben; nach dem dramatischen Ende des Kalten Krieges machte sich weltweit ja die Hoffnung auf eine Überwindung der Feindseligkeit zwischen den Nationalstaaten breit, die inzwischen durch das Wiedererwachen eines von Mauss bereits befürchteten Fetischismus nationaler Besonderheiten bitter enttäuscht worden ist. Angesichts solcher Rückschritte lässt sich die weitblickende Studie von Marcel Mauss wohl am ehesten als Skizze eines idealen Entwicklungsverlaufs verstehen, vor deren Hintergrund empirisch zu prüfen ist, welche politischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Weichenstellungen es verhindert haben, dass die von ihm prognostizierten Verbesserungen eingetreten sind; gerade der optimistische Überschwang seiner soziologischen Analyse der Entstehung und Zukunft von "Nationen" wäre es dann, der uns heute bei der erforderlichen Aufklärung der weltpolitischen Lage zugute käme. Es bleibt daher nur zu hoffen, dass die vorliegende Studie die Leserinnen und Leser findet, die sie im Sinne einer therapeutischen Unterrichtung über die Verfehlungen der letzten Jahrzehnte zu nutzen wissen.
Axel Honneth
Frankfurt am Main, im August 2017

Zur Einführung
Die Nation: Eine Expedition in den Bereich des Normativen
Jean Terrier und Marcel Fournier
Für seine Bewerbung als Nachfolger von Jean Izoulet auf dem Lehrstuhl für Sozialphilosophie am Collège de France verfasste Marcel Mauss 1930 im Alter von 58 Jahren eine "Notiz", die Angaben zu seinem beruflichen Werdegang und ein Schriftenverzeichnis enthielt (vgl. Fournier 1996). Der Zweck eines solchen Textes besteht gewöhnlich in der Beschreibung des Gesamtwerks des Bewerbers, wobei besonderes Augenmerk auf die Spezifität und Originalität von dessen wissenschaftlichen Leistungen gelegt wird. Einer der roten Fäden dieser Vorstellung ist die klare Trennungslinie, die Mauss zwischen einerseits der "reinen Wissenschaft", für die seine anthropologischen und soziologischen Arbeiten stehen, und andererseits den Schriften zieht, die den "Bereich des Normativen" betreffen (Mauss 1979: 220). Gegen Ende des Textes erwähnt Mauss kurz ein "in Vorbereitung" befindliches "großes Werk", dessen "Manuskript so gut wie abgeschlossen" sei und in dem "die Nation" als "Grundbestandteil einer modernen Politik" betrachtet werde (ebd.). Er fügt hinzu, dass dieses Werk nicht in der Buchreihe "Travaux" von L'Année sociologique erscheinen werde, da er Wert darauf lege, "die reine Soziologie selbst von einer absolut unvoreingenommenen Theorie zu unterscheiden" (ebd.). Mauss präsentiert dieses Werk gleichzeitig als Synthese und Weiterentwicklung vorhergehender Veröffentlichungen über das Genossenschaftswesen, die Nation und den Internationalismus sowie über den Bolschewismus und als Kulminationspunkt seiner Überlegungen zur politischen Philosophie und Sozialphilosophie. Zu Mauss' Lebzeiten ist dieses Werk nicht erschienen, geschweige denn fertiggestellt worden; wie wir weiter unten näher ausführen werden, wurden nach seinem Tod nur Bruchteile davon veröffentlicht.
Die Berufung von Mauss ans Collège de France, die für den Durkheimismus und die Sozialwissenschaften im Allgemeinen eine Form von Anerkennung darstellte, gestaltete sich schwierig. Das zeigen die vielen Debatten über die Art des zu schaffenden Lehrstuhls, die wiederum zu weiten Teilen über die Person bestimmt, die am geeignetsten ist, ihn zu übernehmen. "Sozialphilosophie", "Politische und ökonomische Ordnung Europas", "Geschichte der mittelalterlichen Philosophie", lauten die Denominationen, die in Betracht gezogen wurden. Schließlich einigte man sich auf die Schaffung eines Lehrstuhls für "Soziologie", auf den Marcel Mauss am 29. November 1930 berufen wurde. Der Gedanke ist nicht abwegig, dass gerade dieses Zaudern in Bezug auf die Art des zu schaffenden Lehrstuhls dazu führte, dass der Bewerber am Ende seiner "Notiz" besonders seine politischen Schriften hervorhebt; denn für diejenigen, die wie wir den Inhalt des "großen Werks" kennen, ist es offenkundig, dass es ebenso von der Soziologie her kommt wie von der politischen Philosophie und der Sozialphilosophie und dabei gleichzeitig Überlegungen zur "politischen und ökonomischen Ordnung" Europas über einen sehr langen Zeitraum hinweg enthält.
Dass Mauss so viel Gewicht auf die politische Seite seines Denkens legte, mag seine Zeitgenossen überrascht haben. Denn mit Ausnahme seines Textes über den Bolschewismus, der 1924 in der Revue de métaphysique et de morale erschien (Mauss 1997 [1924]), hat er seine politischen Schriften im Wesentlichen außerhalb des akademischen Feldes im engeren Sinne veröffentlicht: vor allem in der Presse sowie in Verbands- oder Gewerkschaftszeitschriften. Überdies wirkte die Zäsur zwischen Tatsache und Norm sowie Wissenschaft und Politik im Jahr 1930 aufgrund des damals am Ende der Dritten Republik noch deutlichen Einflusses von Kantianismus und Positivismus womöglich klarer und einleuchtender, als sie uns heute erscheint. In dem erwähnten Text beschreibt Mauss sich selbst ohne zu zögern als "Positivisten, der ausschließlich an Tatsachen glaubt" (Mauss 1979: 209).
Uns dagegen mag die Behauptung, dass das Denken von Mauss - und zwar in seiner Gesamtheit - auch ein politisches Denken ist, banal erscheinen. Denn viele seiner Texte, angefangen natürlich mit seinem Essay Die Gabe, haben eine sehr politische Rezeption erfahren. Dafür gibt es Beispiele zuhauf, wie etwa der hochgradig normative Gebrauch, den das Collège de sociologie um Georges Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois von Mauss' Schriften gemacht hat (Hollier 2012 [1995]; oder aber, jüngeren Datums, die von Alain Caillé ins Leben gerufene Arbeit von M.A.U.S.S. (Mouvement anti-utilitariste dans les sciences sociales), die unter anderem eine ganz bestimmte Lesart der Gabe politisch anzuwenden versucht. Zudem sind Mauss' politische Schriften für uns im Unterschied zu seinen Zeitgenossen leichter zugänglich (Mauss 1997); dies hat eine große Zahl von Fach­untersuchungen über Mauss als "Gelehrten und Politiker" nach sich gezogen (vgl. Dzimira 2007), die sich teilweise mit dessen Herangehensweise an das Phänomen des Nationalen beschäftigen. Der Einfluss der Überlegungen von Mauss zur nationalen Frage ist zwar nach wie vor gering; die meisten Exegeten und politischen Denker beziehen ihre Anregungen weiterhin aus dem Essay Die Gabe. Gleichwohl lässt sich nicht mehr behaupten - wie noch Raymond Aron 1976 -, dass Die Nation ein "höchst selten gelesener und höchst selten zitierter Text" sei. So reiht sich zum Beispiel Dominique Schnapper mit ihrer Studie über das Phänomen des Nationalen ausdrücklich in die Mauss'sche Traditionslinie ein (Schnapper 1994). Und Rogers Brubaker, gegenwärtig einer der bedeutendsten Vertreter der Nation and Nation­alism Studies, hat Mauss eine scharfsinnige kritische Untersuchung gewidmet (Brubaker 2004).
So wichtig solche Untersuchungen auch sein mögen, erfuhren sie doch dadurch notwendig eine Einschränkung, dass das Hauptwerk, das Mauss dem Phänomen des Politischen gewidmet hat, nicht verfügbar war. Bisher schien es nicht ratsam oder auch nur möglich zu sein, einen zwar weit fortgeschrittenen, aber doch unvollständigen Text öffentlich zu machen, der zu einem guten Teil bloß aus hastig verfassten Manuskripten mit vielen Streichungen besteht, in denen sich viele Stellen kaum entziffern lassen. Henri Lévy-Bruhl hat daher in seiner Edition von 1956 bekräftigt, dass "es nicht in Frage kam, sie in diesem Zustand zu veröffentlichen, da einige von ihnen absolut unleserlich und andere nicht genügend ausgearbeitet waren" (Lévy-Bruhl 1969 [1956 [1953/54]] : 571). Deshalb hat er sich damit begnügt, ziemlich kurze, aber ausgesprochen sorgfältig transkribierte Auszüge zu veröffentlichen. In den Jahren 1997 und 1998 hat Marcel Fournier unsere Textkenntnis dadurch erweitert, dass er weitere Auszüge verfügbar machte.
Die Herausgeber dieses Bandes haben sich selbst ein Urteil über den Inhalt dieser Manuskripte bilden wollen. Nach Sichtung aller im Fonds Marcel Mauss am IMEC in der Abbaye d'Ardenne verwahrten Mappen schien uns das Thema interessant, seine Behandlungsweise originell, die Bedeutung des Textes beträchtlich und seine Edierung möglich, wenn auch schwierig zu sein. Mit dieser Abhandlung legen wir nun der Öffentlichkeit die Summe unserer Bemühungen vor.
Natürlich handelt es sich um ein unvollendetes Werk, doch wir sind trotzdem der Überzeugung, dass an seinem Erscheinen ein großes Interesse besteht. Wenn Mauss seine bis 1930 veröffentlichten politischen Artikel als "Abstecher" in den Bereich des Normativen bezeichnet, so scheint es uns angemessen, in Bezug auf das "große Werk" von einer echten Forschungsreise, einer Expedition zu sprechen. Denn dieser Text hat tatsächlich den Charakter eines Abschlussberichts bzw. einer von einer Reise in die Ferne mitgebrachten Abhandlung. Mit anderen Worten gibt Mauss auch an den Stellen, an denen er als politischer Philosoph, als Historiker und als Ökonom agiert, die ethnologische Methode nicht völlig auf und bleibt der Vorgehensweise seines Faches treu, aufgrund des Umwegs über eine wenig vertraute Realität notgedrungen auf Distanz zu gehen, die Tatsachen akribisch zu beobachten und zu sammeln, die so gewonnenen Erkenntnisse zusammenzutragen und gegebenenfalls praktische Schlussfolgerungen vorzulegen. Wir haben uns bemüht, diesen Text so weit wie möglich mit dem in Einklang zu bringen, was der Verfasser gewollt hätte: ein "großes" politisches "Werk" - allerdings ohne die Schwankungen, Unschlüssigkeiten, Widersprüche, Ungereimtheiten und Fehler zu unterschlagen, die das Manuskript an einigen Stellen enthält.

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