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Die Masken des Königs


Die Masken des Königs

Friedrich II. von Preußen als Schriftsteller
1. Aufl.

von: Andreas Pecar

26,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 10.03.2016
ISBN/EAN: 9783593434155
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 236

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Inszenierungen eines Selbstdarstellers

Friedrich II. von Preußen galt seinen Zeitgenossen und der Nachwelt stets als Ausnahmeerscheinung. Zu diesem Bild trug – neben seinen militärischen Aktivitäten – seine Philosophenrolle bei, die er sich als Kronprinz aneignete und auch als König immer hervorhob. In der Öffentlichkeit meldete er sich mit zahlreichen, in französischer Sprache verfassten Schriften zu Wort. Diese zieht man heute noch heran, um aus ihnen Aussagen über die politischen Ansichten und den Charakter des Königs abzuleiten. Dabei wird meist übersehen, dass es sich bei ihnen um Instrumente der politischen Kommunikation und Rhetorik handelte, nicht um persönliche Bekenntnisse.
Andreas Peèar deutet die Schriften erstmals konsequent als Selbstinszenierungen, die Friedrich II. in verschiedenen Kontexten an verschiedene Adressaten richtete, um so bestimmte politische Wirkungen zu erzielen. Das Buch leuchtet die Traktate genau aus und legt damit die politischen Zielsetzungen offen, die Friedrich in seiner langen Regierungszeit verfolgte.
Inhalt

Vorwort 7
1. Einleitung: Friedrich II. - ein Schauspieler? 9
2. Ein neuer Philosoph in Europa? 19
3. Geschichtsschreibung I: Dynastiekritik 33
4. Geschichtsschreibung II: Herrscherlob 51
Der Österreichische Erbfolgekrieg 60
Der Siebenjährige Krieg 68
Geschichtsschreibung nach dem Siebenjährigen Krieg 77
5. Warum sind Friedrichs Gedichte politisch? 83
6. Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht:
Traktate und Satiren als Mittel der Außenpolitik 97
7. Militärische Schriften - Schriften für das Militär? 121
8. Der roi philosophe: ein Lehrer ohne Schüler? 145
9. Der König als Patriot 171
10. Schlussbetrachtung 183
Anmerkungen 193
Quellen- und Literaturverzeichnis 221
Andreas Peèar ist Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Sprecher des Landesforschungsschwerpunkts »Aufklärung – Religion – Wissen« und Mitglied im Direktorium des Europäischen Aufklärungszentrums
(IZEA).
Vorwort
Dieses Buch hat eine längere Entstehungsgeschichte. Es war zuerst der schottische und später englische König Jakob VI./I., dessen Schriften als Instrumente politischen Handelns ich im Rahmen meiner Habilitation untersucht habe. Die Tagungen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in der Reihe Friedrich300 im Vorfeld der Wiederkehr des 300. Geburtstages Friedrichs II. gaben mir Anlass, mich nun auch den Schriften des Preußenkönigs zu widmen und diese als politische Sprechakte zu analysieren. Seitdem sind einige Aufsätze zu diesem Thema entstanden, die auch in diesen Band Eingang gefunden haben: So geht das Kapitel über die Geschichtsschreibung seiner Dynastie (Kapitel 3) sowie über die militärischen Schriften (Kapitel 7) auf frühere Studien zurück. Dies trifft auch zu für meine Ausführungen zum Antimachiavell (Kapitel 2). Gleichwohl habe ich in diesem Buch erstmals versucht, Friedrichs Autorschaft in ihrer Vielfalt darzulegen und die ihr zugrunde liegenden politischen Strategien systematisch zu rekonstruieren. Damit ist das Ziel des vorliegenden Buches benannt.
Zahlreiche Personen haben mir bei der Fertigstellung dieser Studie geholfen. Zunächst und vor allem möchte ich Jürgen Luh danken, der mich ermunterte, mich Friedrichs Schriften zuzuwenden, und der mir in zahlreichen Gesprächen ein wertvoller Ideengeber war. Damien Tricoire danke ich für seine kritische Lektüre und zahllose Verbesserungsvorschläge. Grischa Nehls danke ich für die formale Einrichtung des Manuskripts. Und nicht zuletzt danke ich allen Gesprächspartnern und den Studenten der Universität Halle, die wertvolle Hinweise beisteuerten.
Halle (Saale), den 25. Oktober 2015
Andreas Pecar


1. Einleitung: Friedrich II. - ein Schauspieler?

Friedrich II. hat sich über Historiker nicht eben positiv geäußert. Er hielt sie für Aktenfresser und Pedanten, die nicht in der Lage seien, der Vergangenheit die wesentlichen Weisheiten zu entlocken und für die Gegenwart festzuhalten. Die Geringschätzung der Fähigkeiten der zeitgenössischen Geschichtsschreiber diente ihm als Argument, um selbst zur Feder zu greifen und sich als Historiker zu betätigen. Er tat dies, da er selbst das Bild bestimmen wollte, das sich die Nachwelt von ihm und von seiner Regierungszeit machen sollte. Und er tat dies mit großem und lang anhaltendem Erfolg. Das wichtigste Mittel, um sich vor seinen Zeitgenossen und gegenüber der Nachwelt in Szene zu setzen, war seine Autorschaft, waren seine Schriften. Um diese Schriften soll es in diesem Buch gehen.
Diese Studie ist also keine Biografie Friedrichs II. Es geht nicht darum, zum wiederholten Male die Lebensgeschichte dieses Königs nachzuerzählen. Es geht vielmehr um die Frage, welche Bilder von ihm im Umlauf sind, die ihn auch für die heutigen - vorwiegend deutschen - Zeitgenossen noch interessant machen, dem Anschein nach jedenfalls interessanter als die meisten anderen Fürsten und Könige des Ancien Régime. Insbesondere geht es darum, welche Bilder der König selbst von sich in die Öffentlichkeit trug, wie er sich in seinen Texten präsentierte, welches Image er pflegte und wie seine Selbstinszenierungen sein Bild in der Öffentlichkeit prägten - zu seinen Lebzeiten, aber auch nach seinem Tod und bis in die Gegenwart hinein.
Der Gegenstand dieser Untersuchung sind insbesondere diejenigen Schriften Friedrichs II., die er bereits zu Lebzeiten veröffentlicht hatte bzw. die er nach seinem Tod veröffentlicht sehen wollte. Diese Texte müssen im Regelfall nicht neu entdeckt oder mühsam in Bibliotheken und Archiven geborgen werden. Vielmehr dienten die Schriften Friedrichs II. im Zuge eines fortschreitenden Kanonisierungsprozesses des Großen Königs als Maßstab für vorbildliches Handeln in Politik und Kriegsführung und als Richtschnur für die Nachwelt, wie sich an den mannigfach herausgegebenen Werkausgaben zeigt, die unmittelbar nach Friedrichs Tod ihren Anfang nehmen.1 In den zahlreichen Biografien, die bis heute erschienen sind, spielen die Schriften Friedrichs ebenso wie seine Briefe eine prominente Rolle: als Quellen aus erster Hand, die Aussagen über die Person ermöglichen. Braucht es ein weiteres Buch, das sich den Schriften des preußischen Königs widmet?
Das Neue an dieser Untersuchung ist nicht der Gegenstand, also die Schriften Friedrichs II. - neu sind die Fragen, die an diese Texte gestellt werden. Bislang sind die Schriften meist als Ausdruck von Friedrichs Ansichten und Überzeugungen herangezogen worden. Die Rezeptionsgeschichte hat das Ihre dazu beigetragen, die Frage nach der rhetorischen Funktion der Schriften des Monarchen in den Hintergrund zu rücken und die Texte stattdessen als Quellen der Authentizität des Autors zu propagieren. So verkündete beispielsweise Johann Preuß, der sich um Friedrichs Werke in seiner 30-bändigen Ausgabe unschätzbare Verdienste erworben hat, dass es »keine lauterere Quelle, keinen klareren Spiegel für die Thaten eines Monarchen, der als Kriegsfürst, als Landesvater und als Mensch gleich groß und edel war, geben kann, als seine eigenen Geisteswerke.« Nun war es keineswegs im Interesse einer zunehmend institutionell betriebenen Glorifizierung des Königs, die rhetorische Funktion der Texte offenzulegen und auf diese Weise ihren politischen Stellenwert zu bestimmen. Aber auch in kritischen Auseinandersetzungen mit der Person Friedrichs II. in den zurückliegenden Jahrzehnten wurde allzu oft die politische Aussage einzelner, jeweils situationsbezogener Schriften Friedrichs mit seiner generellen politischen Haltung gleichgesetzt. Die Schriften wurden nicht auf ihre Wirkungsabsicht befragt, sondern standen als Medium der Selbstreflexion oder als Bekenntnisschriften im Mittelpunkt des Interesses.
Es geht jedoch an Friedrichs Zielen seiner Schriften vorbei, wenn man sie als Selbstzeugnisse zu deuten versucht. Dem König ging es nicht um introspektive Nabelschau. Die Schriften waren aber auch keine bloßen "Spielereien", und sie dienten auch nicht allein der "Entspannung, Erholung" und "Ablenkung". Der Autorschaft Friedrichs II. lag in meinen Augen eine politische Strategie zugrunde, nämlich der Versuch, Einfluss auf das Bild zu nehmen, das man sich von ihm als König und als Person machte. Friedrich veröffentlichte seine Texte mit einer bestimmten Wirkungsabsicht und adressierte sie an verschiedene Zielgruppen. Wirkungsabsicht und Adressatenkreise gilt es zu bestimmen, will man die politische Absicht entschlüsseln, die ihn zum Schreiben der jeweiligen Texte veranlasste. Die Schriften waren darüber hinaus Teil einer besonderen Art der Selbstdarstellung. Friedrich inszenierte sich als schreibender König, als Autor von Texten der unterschiedlichsten Gattungen: Er verfasste mehrere historiografische Werke über die Dynastie der Hohenzollern ebenso wie über seine eigene Regierungszeit, produzierte Gedichte in großer Zahl, schrieb philosophische, staatstheoretische und politische Traktate, setzte anonym satirische Flugschriften in die Welt, um seine Gegner zu brüskieren, und war der Autor von zwei politischen Testamenten sowie zahlreichen militärtheoretischen Schriften, von seinen unzähligen Briefen mit seinen Korrespondenzpartnern gar nicht zu reden.
Zwar war Friedrich II. wie andere Fürsten und Monarchen auch als Mäzen um eine glanzvolle Repräsentation seiner Monarchie bemüht: in Schlossbauten, in Opern, im Aufbau seiner Gemäldegalerie etc. Diese Selbstdarstellung seines Königtums findet in jüngerer Zeit stetig zunehmendes Interesse und ist in den letzten Jahren auf mehreren Tagungen diskutiert worden. Die Autorschaft des Königs wurde hierbei allerdings nur sporadisch thematisiert. Dabei waren seine Schriften der Markenkern seiner Inszenierung in der Öffentlichkeit. Die Bilder, die Friedrich von sich in Umlauf bringen wollte, waren alle wesentlich seiner Feder entsprungen.
Weshalb die Schriften des Preußenkönigs als Inszenierungen zu verstehen sind und nicht als persönliche Bekenntnisse, dürfte ein Vergleich mit der heutigen Zeit plausibel machen. Jedem Beobachter der zeitgenössischen Politik ist geläufig, dass Wahlkampfreden, Regierungserklärungen, aber auch Bücher aus der Feder politischer Akteure eine medial vermittelte Schauseite nach außen tragen, die der Inszenierung und der Imagepflege des jeweiligen Politikers dienen sollen. Es ist für Menschen in der Öffentlichkeit geradezu ein Akt politischer Notwendigkeit, kontrolliert aufzutreten und Zeichen und Botschaften gezielt einzusetzen, um ein bestimmtes Bild von sich zu verbreiten. Dies war auch in der Vormoderne nicht anders, auch wenn die Medien der Zeit ganz andere waren und die Öffentlichkeit nicht alle Untertanen eines Landes gleichermaßen umfasste, sondern nur einen kleinen Teil der Gesellschaft. Gleichwohl war den Fürsten insbesondere seit dem 16. Jahrhundert die Metapher geläufig, dass die Welt für sie eine Bühne war und sie sich auf den Brettern des Welttheaters zu bewähren hatten. Jeder Fürst war auch und vielleicht sogar vor allem ein Schauspieler, und die Beurteilung des Fürsten im eigenen Land ebenso wie in der europäischen Fürstengesellschaft hing auch davon ab, ob er seine Rollen überzeugend verkörperte oder nicht.
Schauspieler waren mit der Aufgabe konfrontiert, bei den Zuschauern eine bestimmte Wirkung, einen bestimmten Affekt hervorzurufen, ohne die zugrunde liegende Absicht erkennen zu lassen. Inwieweit dabei eine Identifikation des Schauspielers mit seiner Rolle notwendig war, war Mitte des 18. Jahrhunderts eine offene Frage. In zahlreichen schauspieltheoretischen Schriften dieser Zeit wurde erörtert, ob ein Schauspieler die Affekte, die er auf der Bühne verkörperte und bei den Zuschauern hervorzurufen beabsichtigte, im Moment der Hervorbringung auch selbst empfinden musste. Überträgt man diese Debatte auf den Autor Friedrich II., so ergeben sich daraus zwei Fragen: Welche Rollen beabsichtigte Friedrich mithilfe seiner Schriften in der Öffentlichkeit zu spielen? Und in welchem Verhältnis stehen die in seinen Texten formulierten Maximen zu den Ansichten des Autors? Ohne bereits an dieser Stelle eine Antwort auf die zweite Frage zu versuchen, scheint mir doch eine Identifikation von Text und Autor nicht zulässig zu sein. Eher ist zu prüfen, ob eine solche Identifikation nicht bereits Teil der Wirkungsabsicht Friedrichs II. war.
Friedrich II. als Schauspieler zu charakterisieren geschieht nicht in diffamierender Absicht, sondern soll den Blick schärfen helfen für Verhaltensweisen, die Menschen in der Gesellschaft allgemein an den Tag legen. Der Soziologe Erving Goffman hat in seinem Buch "Wir alle spielen Theater" anschaulich beschrieben, wie Menschen in ihrer täglichen Interaktion darauf aus sind, Zeichen auszusenden und damit beim jeweiligen Gegenüber ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln.11 Wir alle sind täglich darum bemüht, unserer Umwelt einen bestimmten Bedeutungsrahmen zu vermitteln, innerhalb dessen wir wahrgenommen werden wollen. Hinter diesem Bedeutungsrahmen ein wahres, authentisches "Ich" zu vermuten, hält Goffman hingegen für Illusion: "Das Ich ist also keine halb hinter den Ereignissen verborgene Entität, sondern eine veränderliche Formel, mit der man sich auf die Ereignisse einläßt." Es geht also in der Analyse der Schriften Friedrichs II. nicht darum, zum "eigentlichen Persönlichkeitskern" des Monarchen vorzustoßen, sondern die Bedeutungsrahmen ausfindig zu machen, die Friedrich seinen Lesern offerierte, um daran gemessen zu werden.
Anders ausgedrückt, geht es im Folgenden nicht um den Menschen, sondern um die Person Friedrichs II. Was zunächst klingt wie spitzfindige Wortklauberei, hat einen tieferen Sinn, wenn man die ursprüngliche Wortbedeutung von Person berücksichtigt. Persona hat im Lateinischen folgende Bedeutungen: Es ist zunächst die Maske, damit verknüpft auch die Rolle des Schauspielers, die soziale Rolle allgemein, schließlich die soziale Stellung und Würde einer Person. Es geht daher nicht um den individuellen Wesenskern eines Menschen, sondern um sein Auftreten (Maske) gemäß den Erfordernissen, die sein jeweiliger sozialer Status und seine in bestimmten kommunikativen Kontexten jeweils eingenommenen Rollen mit sich brachten: als Vater, als Senator, als Konsul etc. Jede Rolle verlangte ein bestimmtes Auftreten, und je nach sozialer Konstellation hatte ein Mensch unterschiedliche Rollen einzunehmen, also unterschiedliche Personen zu verkörpern. Statt also der Frage nachzuspüren, hinter welchen Aussagen sich der "wahre Friedrich" verbirgt, wird zu klären sein, wie viele Rollen Friedrich für sich in Anspruch nahm und auf welche Weise er jeweils versuchte, den damit einhergehenden Rollenerwartungen gerecht zu werden.
Mit der Frage nach den sozialen Rollen löst man sich von Vorstellungen über den Menschen als Individuum, wie sie insbesondere während der sogenannten Geniezeit seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert Konjunktur hatten und unser Denken über den Menschen als selbstbestimmtes Subjekt bis in die Gegenwart bestimmen. Es ist wohl kein Zufall, dass die meisten Biografien Friedrichs II. seit Reinhold Koser den Prinzipien des Bildungsromans folgen: zunächst die schlimme Kindheit unter einem tyrannischen Vater, die den König lebenslang geprägt habe, dann die politischen Sturm-und-Drang-Jahre, insbesondere der Überfall auf Schlesien, dann die bestandene Bewährungsprobe im Siebenjährigen Krieg, und schließlich der Alte Fritz, weise, zur Ruhe gekommen und in sich gekehrt, aber auch starrsinnig und verschroben. In jüngerer Zeit ist es zunehmend Mode geworden, Friedrichs Rollenvielfalt als Zeichen seiner Widersprüchlichkeit als Person anzusehen - die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Aussagen und Urteile in Friedrichs Schriften werden essenzialisiert, also erklärt aus der Widersprüchlichkeit der Persönlichkeit als hervorstechende Charaktereigenschaft oder in psychologisierender Manier gedeutet als Folge einer harten Kindheit, in der Friedrich aufgrund eines derb-despotischen Vaters zur Verstellung gezwungen worden sei, wenn er Repressionen zu entgehen trachtete.
Stehen hingegen die vom König eingenommenen Rollen im Mittelpunkt der Untersuchung und nicht das selbstbestimmte Individuum, lassen sich unterschiedliche Aussagen Friedrichs II. auch anders deuten: Da der König mehr als nur eine Rolle auszufüllen trachtete, hatte er auch verschiedenen, sich durchaus widersprechenden Erwartungen gerecht zu werden. Die Äußerungen und Inszenierungen Friedrichs II. werden daher konsequent als Strategien aufgefasst, um gegenüber spezifischen Adressaten ein genau angepasstes Bild von sich zu verbreiten. Da die kommunikativen Kontexte, in denen diese Äußerungen stattfanden, unterschiedlich waren, ist die Vielzahl von verschiedenen und sich - auch darum - mitunter widersprechenden Äußerungen nicht verwunderlich und zwingt auch nicht zu Rückschlüssen auf Persönlichkeit und Charakterprägung. Stattdessen kommt es darauf an, die kommunikativen Kontexte, in denen Friedrich Bilder von sich entwarf und veröffentlichte, genau zu bestimmen.
Die Selbstdarstellung Friedrichs II. war Teil seiner Kommunikation mit seinen sozialen Umwelten: seinem Kreis persönlicher Vertrauter in Rheinsberg oder in Sanssouci, den Mitgliedern der Herrscherfamilie, den Amtsträgern und Ministern in Brandenburg-Preußen, den Offizieren und Soldaten der preußischen Armee, den preußischen Gesandten an den auswärtigen Höfen Europas, den Fürsten des Alten Reiches und den Monarchen Europas, nicht zu vergessen die philosophes wie Algarotti, d'Alembert und natürlich Voltaire. Friedrich übernahm von diesen philosophes deren mediale Strategien, deren Sprecherrollen und Geltungsansprüche und transformierte sie zu einem eigenen Rollenbild, in dem der Herrscher und der Philosoph stets zugleich gegenwärtig waren. Diese Kommunikationsstrategie ließ ihn zu einem prominenten Teil der Aufklärung werden.
Diese Vielzahl der Adressaten relativiert das Staunen darüber, dass Friedrich II. über bestimmte Fragen zu unterschiedlichen Aussagen gelangte. Gleichwohl war es keineswegs beliebig, welche Rollen der König übernahm und welche Botschaften er damit jeweils verknüpfte. Auch war die Zahl seiner Rollen und seiner politischen Botschaften nicht endlos vermehrbar. Jede Äußerung Friedrichs II. zu einer der hier genannten Personen oder Gruppen war zugleich eine Form der Selbstpreisgabe, der Entäußerung seiner Person. Jeder kommunikative Akt ging einher mit Aussagen über den Sprecher selbst. Diese von ihm in die Welt gesetzten Bilder über sich selbst banden ihn für die Zukunft, legten ihn auf bestimmte Rollenmuster fest.19 Verhielt sich der König nicht gemäß seinen selbst geschaffenen Herrscherbildern, mit denen er die Erwartungen seiner Umwelt weckte, führte dies, wie wir noch sehen werden, zu Irritationen, Enttäuschungen, Kritik, schlimmstenfalls zum Abbruch der Kommunikation selbst. Die Autorität des Königs hing nicht zuletzt davon ab, dass er die Kontrolle über seine Rollen behielt, dass er also auf der öffentlichen Bühne glaubwürdig blieb, sei es als König, sei es als Feldherr, sei es als Philosoph.
Deutet man die Repräsentation des Königs als Teil seiner politischen Kommunikation, so gilt dies auch und vor allem für seine Schriften, die er während seiner gesamten Regierungszeit zahlreich verfasst hat. Sie werden hier konsequent als politische Sprechakte aufgefasst und interpretiert. Sprechakte sind dem Sprachphilosophen John Austin zufolge Äußerungen, mit denen eine konkrete Wirkung erzielt werden soll.20 In bestimmten Kontexten können Sprachhandlungen den oder die Adressaten zu bestimmten Reaktionen veranlassen. Diese allgemeinen Feststellungen, die Austin für die Alltagssprache getroffen hatte, wurden von Quentin Skinner zur Interpretation von Texten der politischen Ideengeschichte herangezogen - mit bemerkenswerten Ergebnissen. Die Ausgangsfrage lautet dabei stets: Was hatte der Autor bezweckt, als er diesen Text geschrieben hat? Welche Wirkung sollte der Text bei den anvisierten Lesern erzielen? Welche Adressaten wollte er mit einer bestimmten Schrift erreichen? Diese Fragen bieten einen geeigneten Schlüssel, um die Bedeutung der zahlreichen Texte Friedrichs II. auf neue Weise zu erkunden.
Die vielen Rollen, mit denen Friedrich als Autor in seinen Schriften jongliert, stehen zu seiner durch Geburt erlangten Stellung als König qua Erbfolgerecht und als Teil und Oberhaupt einer Dynastie in einer eigentümlichen Spannung. Die Position des Königs war keine Rolle, die er frei hätte wählen oder aber ablegen können. Sein Herrschaftsamt war ihm als Erstgeborener zugewiesen und eine Aufgabe auf Lebenszeit. Es war Friedrich weder möglich noch von ihm beabsichtigt, sich dieser Aufgabe und Position zu entledigen - auch nicht zeitweise. Gerade dieser Umstand macht das Auftreten König Friedrichs II. in der Öffentlichkeit umso erstaunlicher - und erklärungsbedürftiger: In seiner Außendarstellung hat Friedrich II. sich einer dynastischen Räson oft verweigert. Die wichtigste dynastische Verpflichtung, einen Nachfolger zu zeugen, wälzte er mit dem Beginn seiner Regierungszeit auf die nächstfolgenden Thronprätendenten in der Erbfolge ab. Das sichtbare Zentrum dynastischer Herrschaft, die Residenz, also das Berliner Schloss, hat er nie bezogen - er hielt sich zunächst im Schloss Charlottenburg auf, bevor er ganz nach Potsdam übersiedelte und sich dort im steten Wechsel entweder im Potsdamer Stadtschloss oder in Sanssouci aufhielt. Sollte er für wenige Wochen in Berlin weilen, so bewegte er sich in der Residenz wie ein Gast, nicht aber wie der Hausherr. Auch seine Planungen für seine eigene Beerdigung sollten nicht im Einklang mit dynastischen Traditionen erfolgen: Er plante seine Bestattung nicht in der Familiengrablege oder neben dem Grab seines Vaters in der Garnisonskirche, wie sie dann nach seinem Tod und gegen den im Testament festgeschriebenen Willen Friedrichs II. von seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II. verfügt worden war, sondern im Garten von Sanssouci.
Dieses distanzierte Verhalten gegenüber seiner eigenen Dynastie, deren Wohl ihm ja seinen eigenen Aussagen zufolge stets am Herzen lag, war insbesondere einem Motiv geschuldet: Friedrich II. wollte nicht als Mitglied eines Hauses wahrgenommen werden, nicht als Teil und Kettenglied einer jahrhundertealten Dynastie. Ihm ging es stets um größtmögliche Sichtbarkeit als Person, und zwar zu seinen Lebzeiten ebenso wie seitens der Nachwelt. Dies zeigt sich bereits in der Ausstattung derjenigen Schlösser in Potsdam, deren Bau und Ausstattung er allein verantwortete, Sanssouci und das Neue Palais. In beiden Schlössern spielen dynastische Motive beim Bild- und Ausstattungsprogramm eine untergeordnete Rolle. Vor allem aber zeigt sich in seinen Schriften sein Wille, als Person und nicht als Mitglied des Hauses der Hohenzollern wahrgenommen zu werden. Die Schriften waren sein bevorzugtes Mittel, um seine persönlichen Alleinstellungsmerkmale in die Öffentlichkeit zu tragen und sich in Rollen zu zeigen, die nicht auf seine Zugehörigkeit zum Kreis der regierenden Monarchen Europas zurückgeführt werden können. Hierfür wird dieses Buch einige Beispiele liefern. Davon unberührt ist die Tatsache, dass sich Friedrich bei all seinen Rolleninszenierungen in seinen Schriften stets sehr bewusst war, ein regierender König zu sein und als ein solcher zu schreiben. Auch davon wird in den kommenden Kapiteln die Rede sein.
Da es in diesem Buch um die Selbstinszenierung Friedrichs II. geht, stehen zum einen diejenigen Schriften im Vordergrund, die bereits zu Lebzeiten entweder für die Öffentlichkeit gedruckt worden sind, wie der Antimachiavell (Kapitel 2) und seine weiteren philosophischen Schriften (Kapitel 8), seine insbesondere in Kriegszeiten als politische Waffe eingesetzten Satiren (Kapitel 6) oder seine sogenannten politischen Schriften (Kapitel 9), in denen er seine Rolle als aufgeklärter Herrscher thematisierte. Zum anderen geht es um Schriften, die spezifische Adressaten erreichen sollten und nur für einen kleineren Kreis gedacht waren: sei es, um seine persönliche Umgebung zu seinen Vertrauten zu erheben, die er demonstrativ mit einer Gabe, seiner Poesie, ins Vertrauen zog (Kapitel 5), oder um z.B. im Kreis seiner ihm durchaus skeptisch gesonnenen Generäle um Vertrauen zu werben (Kapitel 7). Seine mit großem Aufwand betriebene Geschichtsschreibung seiner eigenen Zeit (Kapitel 4) war wiederum für einen besonderen Adressaten gedacht: die Nachwelt, die sich von seinen Taten und Handlungen ein "richtiges Bild" machen, d.h. möglichst seine Sicht der Dinge übernehmen sollte.
Die Bilder, die wir uns heute vom Preußenkönig machen, zu sehen beispielsweise anhand der Veranstaltungen und Neuerscheinungen anlässlich des 300. Geburtstages im Jahr 2012, gehen häufig auf Bilder zurück, die Friedrich II. selbst in seinen Schriften in Umlauf gebracht hat - dies wird im Laufe dieser Untersuchung deutlich werden. Es wird dabei auch zur Sprache kommen, dass seine Zeitgenossen, zumindest bestimmte Personenkreise, dem König gegenüber weitaus kritischer eingestellt waren als spätere Generationen. Herrschte über Friedrichs eigenwillige Selbstinszenierung zu seinen Lebzeiten neben Begeisterung eben auch oftmals Skepsis vor, machte diese kritische Distanz zumindest in Preußen dann im 19. Jahrhundert einer zunehmenden Heldenverehrung Platz. Die Vielzahl der Rollen des Königs und selbst die Widersprüchlichkeit der von ihm in Umlauf gebrachten Herrscherbilder und Positionen, die in seinen Schriften zum Ausdruck kommen, wurde geradezu zum Sinnbild des Genies Friedrichs des Großen, das alle Zeitgenossen ebenso wie seine Nachfolger überstrahlt. Diese Genieverherrlichung war nicht zuletzt das Ergebnis einer unkritischen Lektüre seiner Schriften. Erst wenn man sich diesen Texten aus der Hand des Königs kritisch nähert, d.h. sie befragt auf ihre Adressaten, ihre rhetorischen Stilmittel, ihre Wirkungsabsicht und ihre kommunikativen Kontexte, büßen sie ihren Nimbus ein und eröffnen dafür den Blick auf die politischen Strategien, die der König damit verfolgte.


2. Ein neuer Philosoph in Europa?
Es war Friedrich nicht in die Wiege gelegt, als Autor auf dem europäischen Buchmarkt für Aufmerksamkeit zu sorgen. Seine ihm qua Geburt zugefallene Rolle war die eines Monarchen von Brandenburg-Preußen. Als Kronprinz hatte er sich auf diese Rolle vorzubereiten. Für Fürsten und Monarchen war es eher ungewöhnlich, sich als Verfasser von Schriften in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Diese Zurückhaltung war kein Zufall. Vielmehr galten die Rollen des Herrschers und des Autors im Regelfall als unvereinbar. Schließlich fußte die Autorität von Herrschern und Autoren auf gänzlich unterschiedlichen Fundamenten. Im Falle der politischen Autorität leitete sich diese wesentlich aus dem Herrscheramt und der Legitimität des Herrschaftsanspruchs ab, in zweiter Hinsicht auch von der dem Herrscher persönlich zugeschriebenen Befähigung zum guten Regiment. Im Falle der literarischen Autorität ging es um Gelehrsamkeit und artistisches Können. Es ist daher erklärungsbedürftig, weshalb sich Friedrich II. selbst als Philosoph und Autor in Szene setzte und es nicht bei der althergebrachten Herrscherrolle eines Förderers der Wissenschaften und Künste bewenden ließ.
Das seit langem etablierte Verhältnis von Geist und Macht wies dem Herrscher in der Vormoderne die Rolle eines Mäzens zu. Seinen weiten geistigen Horizont und seine Freude an der Schönheit und der Wahrheit bewies ein Herrscher dadurch, dass er deren Sachwalter großzügig förderte und ihnen in gewissen Grenzen das Recht der freien Rede einräumte.1 Auf diese Weise gab es seit der Antike immer wieder Konjunkturen für öffentliche Sprecherrollen von Autoren unterschiedlichster Provenienz im Umfeld von Fürsten, die als Patrone und Förderer der Kunst und der Gelehrsamkeit auftraten und damit materielle wie geistige Freigiebigkeit zelebrierten.
Im 18. Jahrhundert hatte sich die Autorenrolle bereits soweit emanzipiert, dass manche Autoren ihr Recht auf freie Rede nicht mehr wesentlich aus Patronageverhältnissen ableiteten, sondern ihre Unabhängigkeit betonten und dies mit den Mitteln der Kritik zum Ausdruck brachten. Der freie Autor oder der philosophe, um in der Sprache der Zeit zu reden, nutzte seine Rolle, um Belange der Allgemeinheit zur Sprache zu bringen, als urteilende Instanz aufzutreten und in dieser beanspruchten Rolle anhand proklamierter "Gerechtigkeitsentwürfe" Herrschafts- und Gesellschaftskritik zu üben. Nicht immer stießen diese Botschaften im Kreis der Fürsten und des politischen Establishments auf Zustimmung und Wohlgefallen. Aus der Sicht der Autoren war es jedoch die Pflicht der Monarchen, diese "ethischen Propheten" zu dulden, ihre Aussagen ernst zu nehmen und ihr Recht auf freie Rede, auf "Parrhesia" zu achten. Zunehmend entwickelte sich das Recht auf Meinungsfreiheit zu einem Indikator für eine rechtmäßige Regierung im Unterschied zu einem despotischen Regiment. Als Kronprinz Friedrich in Rheinsberg darauf wartete, sich als einer der Großen der Weltgeschichte auszuzeichnen, war diese Erwartungshaltung der philosophes bereits fest etabliert.
Man könnte sich darüber streiten, inwiefern es sich beim Selbstverständnis der philosophes nicht nur um die Aktualisierung und Modifizierung eines von Platon erstmals formulierten Ideals handelte: Herrscher müssten von Philosophen zu Philosophen erzogen werden, um auf diese Weise gerechte Herrschaft zu ermöglichen. Das angestrebte Ideal sei die Herrschaft eines Philosophenkönigs, also eines Philosophen auf dem Thron. Das platonische Erziehungsideal sah die Verschmelzung zweier scheinbar unvereinbarer Rollen vor: die des Herrschers und die des Philosophen. Dieses Ideal war gerade auch in der Zeit der Aufklärung sehr präsent und wurde wiederholt beschworen - nicht zuletzt von Christian Wolff, dem berühmten Philosophieprofessor, der zunächst in Halle, nach seiner Vertreibung dann in Marburg lehrte. Er veröffentlichte im Jahr 1730 den Traktat De Rege philosophante, et de Philosopho regnante, zu deutsch: Über den philosophierenden König und über den regierenden Philosophen. Der römische Kaiser Marc Aurel galt im 18. Jahrhundert als Personifizierung dieses Ideals und damit als historischer Beweis dafür, dass diese Rollenverschmelzung keine Utopie sei, sondern ein erreichbares Ziel.
Damit es jedoch in der Gegenwart realisiert werden konnte, bedurfte es der philosophes, die als Erzieher der Fürsten die Aufgabe hätten, ihnen eine Herrschaft gemäß vernunftgemäßen Prinzipien nahezulegen, statt dass diese Aufgabe wie bisher in den Händen eines in ihren Augen abergläubischen, vernunftfeindlichen und interessegeleiteten Klerus lag. Die philosophes waren daher gegenüber den Fürsten keineswegs grundsätzlich negativ eingestellt. Vielmehr schrieben sie ihnen eine wichtige Aufgabe zu: die Zurückdrängung des Aberglaubens und seiner Fürsprecher und eine Herrschaft im Zeichen der Aufklärung des Volkes. Nur ihre eigene Rolle schätzten die philosophes vielleicht noch höher ein: die Prinzipien der Vernunft in der Öffentlichkeit darzulegen und ferner kritisch zu prüfen, ob diese Prinzipien von der Obrigkeit auch eingehalten würden.
Die Philosophenrolle schien Friedrich II. schon als Kind fasziniert zu haben. Briefe an seine Schwester Wilhelmine signierte er mit "philosophe" bereits im Alter von 15 Jahren. In seiner Zeit als Kronprinz in Rheinsberg kam er ferner in Kontakt mit zwei sächsischen Gesandten, Ernst Christoph von Manteuffel und Ulrich Friedrich von Suhm. Beide waren entschiedene Anhänger von Christian Wolff und sahen in ihrem persönlichen Verhältnis zum preußischen Kronprinzen eine Chance auf öffentliche Rehabilitierung des Philosophen Wolff, der im Jahr 1723 aufgrund einer Entscheidung des Königs Friedrich Wilhelm I. aus Preußen vertrieben worden war. Die Gesandten offerierten dem Kronprinzen damit die traditionelle Rolle eines Patrons und Mäzens der Wissenschaft. Eine Begnadigung Wolffs und dessen Wiederanstellung in Halle durch den Thronfolger Friedrich Wilhelms I. wäre ein Beweis für dessen Aufgeklärtheit ebenso wie für seine Liberalitas, seine Freigiebigkeit. Sie machten den Kronprinzen mit wichtigen Schriften von Wolff vertraut, dessen Logik und dessen Metaphysik. Suhm übersetzte für diesen Zweck sogar Wolffs Metaphysik ins Französische, um Friedrich zunächst als Leser und dann als Patron zu gewinnen.
Diese Bemühungen hatten durchaus Spuren hinterlassen. Friedrich II. entwickelte sich zumindest für einen kurzen Moment zu einem Fürsprecher der Person Christian Wolffs - den er gleich nach seiner Thronbesteigung auf für beide prestigeträchtige Art und Weise nach Halle zurückholte - ebenso wie von dessen Werk.11 Seine Lektüre von Wolffs Metaphysik war aber auch ein Mittel, um mit einem anderen philosophe der Zeit in Kontakt zu kommen: mit Voltaire. Und während die Lektüre der Schriften Christian Wolffs und Friedrichs Sympathie und Fürsprache für den aus Preußen vertriebenen Philosophen ihn noch ganz in der traditionellen Rolle eines wohlmeinenden Förderers der Wissenschaft zeigen, verschob sich dieses Rollenverständnis in Folge des Kontakts mit Voltaire in wenigen Jahren grundlegend. Zunächst ging es Friedrich II. darum, der Welt zu zeigen, dass er mit Voltaire, also dem vielleicht berühmtesten Aufklärer seiner Zeit, korrespondierte. Schon bald aber war dies nur ein erster Schritt, um sich der aufgeklärten Welt selbst als Philosoph vorzustellen. Pünktlich zur Thronbesteigung im Jahr 1740 hat Friedrich diese Rolle für sich adaptiert, und Voltaire war ihm dabei in mehr als einer Hinsicht behilflich gewesen.
Um zu verstehen, was Friedrich II. an der Philosophenrolle reizte und wie er diese Rolle schrittweise für sich reklamierte, ist die Korrespondenz mit Voltaire vom ersten Brief des Kronprinzen im Herbst des Jahres 1736 bis zu seiner Thronbesteigung von besonderer Aussagekraft. In seinem ersten Brief erwies Friedrich Voltaire seine Reverenz und zeigte sich ihm gegenüber als ein Prinz, der die Gnade seiner hohen Geburt geringschätzt und seine Zugehörigkeit zum Hochadel der Geistesgröße des Dichters und Philosophen hintanstellt. Seine Rolle gegenüber Voltaire müsse die eines Mäzens und eines Fürsprechers sein, so Friedrich in inszenierter Bescheidenheit. Diese Offerte war ein erster, entscheidender Schritt, um von Voltaire das begehrte Label eines Philosophenkönigs zuerkannt zu bekommen. Bereits in dessen erstem Schreiben an den Kronprinzen formulierte Voltaire: "ich erkannte, daß es auf der Welt einen Prinzen gibt, der als Mensch denkt, einen Fürsten-Philosophen, der die Menschen beglücken wird." Damit war eine Grundlage für weitere Kommunikation geschaffen: Friedrich übernahm in der weiteren Korrespondenz bis zur Thronbesteigung die Rolle eines "Studiosus der Philosophie" und eines Schülers Voltaires, Voltaire erklärt er zu seinem Lehrer, ja zum Lehrer der Fürsten allgemein. Voltaire wiederum pries den jungen Prinzen, von dem er vor Friedrichs Kontaktaufnahme schwerlich etwas gewusst haben dürfte, als Verkörperung des Roi philosophe, ja als Hoffnung der Menschheit.
Zweierlei muss man sich hierbei vor Augen führen. Diese emphatischen Sätze verraten uns nichts über die Ansichten der beiden Briefpartner übereinander. Beide schrieben vielmehr ihrem Gegenüber die Eigenschaften und Rollenbilder zu, von denen sie annehmen mussten, dass ihr Gegenüber sie gern von sich lesen wollte. Die Briefe, die Voltaire und Friedrich miteinander wechselten, waren also kein "Abdruck der Seele", ihre Korrespondenz keine "Seelenbesuche", wie Habermas die Funktion des Briefwechsels in der bürgerlichen Gesellschaft charakterisiert. Eher waren sie rhetorische Strategien, um das eigene Rollenbild vom Briefpartner beglaubigen zu lassen. Und beide wollten die Lobpreisungen nicht in abgeschiedener Stille genießen. Vielmehr zirkulierten diese Briefe in der persönlichen Umgebung des Adressaten: Friedrich II. hat Voltaires Briefe in Rheinsberg herumgereicht und vorlesen lassen, damit seine Umgebung auch ja darüber Bescheid wusste, dass er von Voltaire, dem Größten aller lebenden Dichter und Denker, als Philosophenkönig geehrt und geadelt worden war. Die Beschreibungen der beiden Korrespondenzpartner sind daher rhetorisch und auf ihre Wirkung beim Adressaten berechnet, und sie sind nicht privat in unserem heutigen Verständnis. Dies mag den Biografen ärgern, der auf der Suche nach den Gefühlen und Ansichten des großen Königs ist. Um jedoch den Reiz der Philosophenrolle für Friedrich II. zu erkunden, sind diese Äußerungen von höchstem Interesse.
Friedrichs Lobpreisungen von Voltaire als größtem Philosoph seiner Zeit enthalten nämlich all diejenigen Elemente, die diese Rolle auch für ihn selbst so reizvoll erscheinen lassen. An Voltaire preist Friedrich den Lehrer von Tugend und wahrem Ruhm, den Aufklärer, die "Fackel der Wahrheit" - gegen die Nichtigkeit hoher Geburt und falscher Größe. Und ins Allgemeine gewendet urteilt Friedrich über ihn:

»Die Schriftsteller sind in gewissem Sinne öffentliche Personen; ihre Schriften verbreiten sich in alle Teile der Welt und präsentieren, dem gesamten Weltkreis zur Kenntnis gelangt, den Lesern die sie bestimmenden Ideen. […] Sie formen gute Staatsbürger, treue Freunde, Untertanen, die den Umsturz verabscheuen, für das öffentliche Wohl sich ereifern. Was alles verdankt man ihnen!«
»Ich wünschte, Sie wären Lehrer der Fürsten, […] Sie zeigten ihnen den wahren Lorbeer der Größe und die Pflicht, zum Glück der Menschen beizutragen.«

In diesen Sätzen finden sich alle Elemente, die die "Schriftsteller", die philosophes, für Friedrich so interessant machen. An erster Stelle gilt die Bewunderung der öffentlichen Wirkung der französischen Philosophen. Ihre Schriften sind in ganz Europa - "dem gesamten Weltkreis" - verbreitet. Überall wird ihnen Autorität zuerkannt, gelten sie als anerkannte Richter über Wahrheit und Moral. Diese Aussagen geben zunächst einmal das Selbstbild dieser philosophes wieder. Sie beanspruchten für sich die Rolle moderner Intellektueller, sahen sich als Hüter der Vernunft, denen es zukommt, "Gerechtigkeitsentwürfe" (Oevermann) zu proklamieren und anhand dieser selbst gedrehten Richtschnur Herrschafts- und Gesellschaftskritik zu üben. Voltaire darf geradezu als Inkarnation dieses Typus gelten.
Inszenierungen eines Selbstdarstellers

Friedrich II. von Preußen galt seinen Zeitgenossen und der Nachwelt stets als Ausnahmeerscheinung. Zu diesem Bild trug – neben seinen militärischen Aktivitäten – seine Philosophenrolle bei, die er sich als Kronprinz aneignete und auch als König immer hervorhob. In der Öffentlichkeit meldete er sich mit zahlreichen, in französischer Sprache verfassten Schriften zu Wort. Diese zieht man heute noch heran, um
aus ihnen Aussagen über die politischen Ansichten und den Charakter des Königs abzuleiten. Dabei wird meist übersehen, dass es sich bei ihnen um Instrumente der politischen Kommunikation und Rhetorik handelte, nicht um persönliche Bekenntnisse.
Andreas Peèar deutet die Schriften erstmals konsequent als Selbstinszenierungen, die Friedrich II. in verschiedenen Kontexten an verschiedene Adressaten richtete, um so bestimmte politische Wirkungen zu erzielen. Das Buch leuchtet die Traktate genau aus und legt damit die politischen Zielsetzungen offen, die Friedrich in seiner langen Regierungszeit verfolgte.

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