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Die Macht der Geschwister


Die Macht der Geschwister

Indonesische Frauen in der Schweiz: Eine ethnologische und psychoanalytische Migrationsforschung
Transkulturelle Studien, Band 5 1. Aufl.

von: Anna Bally

36,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 16.01.2013
ISBN/EAN: 9783593418353
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 357

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Dass Einwanderinnen die Migration je nach Herkunft und psychischer Strukturierung unterschiedlich erleben, verdeutlicht Anna Bally in ihrer Untersuchung der Lebens- und Migrationsgeschichten indonesischer Frauen in der Schweiz. Ihr transdisziplinärer Ansatz zeigt, inwiefern der Integrationsprozess und das Beziehungsverhalten dieser Frauen in engem Zusammenhang mit den Geschwistererfahrungen in ihren Herkunftsfamilien stehen.
Inhalt
1.Einführung7
1.1 Ausgangslage, Forschungsfragen und theoretische Orientierung7
1.2 Gesellschaftlicher Kontext31
2.Anita - eine Langzeit-Fallstudie48
2.1 Das Forschungs-Setting48
2.2 Gespräche mit Anita55
3.Laterale Beziehungen102
3.1 Weshalb "laterale" Beziehungen?102
3.2 Lateralität in der Sozialanthropologie109
3.3 Geschwister in Indonesien123
3.4 Geschwister und deren Erben in der Psychoanalyse141
4.Erste Migrationsbiografie - Tuti153
4.1 Forschungs-Setting der migrationsbiografischen Gespräche153
4.2 Prolog167
4.3 Die Eröffnung des ersten Gesprächs169
4.4 Partnerwahl172
4.5 Tuti als junge Frau im heiratsfähigen Alter175
4.6 Wahl des Lebensortes188
4.7 Tuti als Kind und Jugendliche in Indonesien197
4.8 In welcher Schweiz?210
4.9 Die Familie in Indonesien in der Gegenwart239
4.10 Freundinnen in der Schweiz?245
5.Zweite Migrationsbiografie - Yati251
5.1 Prolog251
5.2 Die Eröffnung des ersten Gesprächs254
5.3 Partnerwahl und Wahl des Lebensortes264
5.4 In welcher Schweiz? (Teil I)284
5.5 Die "verwöhnte" Yati: vom Kind zur jungen Frau292
5.6 In welcher Schweiz? (Teil II)301
6.Schicksalsschwestern - Schlussbetrachtungen313
6.1 Anita316
6.2 Tuti324
6.3 Yati329
7.Ausblick: Sozialanthropologie und Psychoanalyse333
Literatur346
Dank357
Transkulturelle Studien
Anna Bally, Dr. phil., arbeitet als Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin und ist assoziierte Forscherin am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern.
1. Einführung

1.1 Ausgangslage, Forschungsfragen und theoretische Orientierung
Persönliche Ausgangslage

"8. März 1919: Um 4 Uhr können wir endlich von Amsterdam wegfahren. Die Pfadfinder mit ihrer Musik spielen noch Abschiedsweisen. Die ganze Javakade ist voll Menschen, die winken. […] Über Nacht bleiben wir liegen. Ich schlafe schlecht, das ungewohnte Neue in der ganzen Umgebung macht es. […]

13. April 1919: Vormittags vor Sabang. In Wolken gehüllt liegen die Inseln der Nordspitze Sumatras" (Walter Bally in einem Brief an seine Eltern).

Mein Vater kam als Ältester von drei Brüdern 1922 in Indonesien zur Welt. Sein Vater, mein Großvater, arbeitete damals seit drei Jahren als Botaniker für die Niederländisch-Indische Kolonialregierung. Er lernte die Holländerin Wilhelmina Bosch, meine Großmutter, in Malang (Java) kennen, wo sie als Lehrerin tätig war. Zwischen 1988 und 1990 weilte ich schließlich selbst im Rahmen eines Forschungsprojektes für knapp zwei Jahre in Indonesien, im südwestlichen Hochland von Sumatra. Wir waren eine Gruppe, bestehend aus einer Ethnologin, vier Ethnologen und mir, einer Psychologin mit Nebenfachabschluss in Ethnologie. Thema des Gruppenprojektes war das System der Märkte sowie eine Analyse der lokalen Wirtschaftsweisen, dies in Verbindung mit den jeweiligen ethnologischen Fragestellungen der einzelnen Gruppenmitglieder (Marschall u.a. 1995). Ich wohnte für meine Untersuchungen zur Alltagskultur von Frauen in der kleineren Distrikthauptstadt Curup, dies phasenweise gemeinsam mit einem meiner Kollegen. Für mein damaliges Projekt führte ich, nebst anderen methodischen Zugangsweisen (teilnehmende Beobachtung, Fragebögen, Leitfadeninterviews), regelmäßig offene Einzelgespräche mit mehreren Frauen über einen Zeitraum von vier Monaten bis zu eineinhalb Jahren. Ich orientierte mich bei dieser Gesprächsarbeit theoretisch und methodisch am Ansatz der Ethnopsychoanalyse.

Nach Abschluss dieses dreijährigen Projektes bewegte sich meine Biografie indessen für ein gutes Jahrzehnt in eine Richtung, die mich von der Forschung wegführte. Über die Jahre versiegten meine brieflichen Kontakte zu den ehemaligen Gesprächspartnerinnen in Sumatra und ich hörte nur noch gelegentlich Klatsch und Tratsch aus der indonesischen community in der Schweiz lebten. Eine Weile war ich versucht, einer jüngeren Bekannten aus meinem ehemaligen Forschungsort zu einem Bildungsaufenthalt in der Schweiz zu verhelfen. Ich schreckte dann aber doch vor der Verantwortung und vor den Erwartungen der Mutter zurück, zu denen die Vermittlung eines geeigneten Ehemannes für ihre Tochter gehörte.

Obschon es keineswegs immer einfach war, habe ich es geliebt, in Indonesien zu leben. Viele Menschen haben mir ihre Häuser, nicht wenige ihre Gedanken und Herzen geöffnet. Ich habe mich oft gefragt, ob ich mich ebenso neugierig und großzügig verhalten hätte an ihrer Stelle, vielmehr in ihrer Stellung in der Welt, die angesichts der geschichtlichen und der wirtschaftlichen Verhältnisse immer eine andere sein wird als die meinige. Ich habe mich während meiner Forschungszeit darum bemüht, die richtigen Entscheidungen zu treffen, mich sozial angemessen zu verhalten und die mir entgegengebrachte Herzlichkeit zu erwidern. Das Gefühl, aus Gründen, die ich nur beschränkt beeinflussen konnte, etwas schuldig geblieben zu sein, hat mich seither aber nie ganz verlassen. Die Motivation für die hier vorgestellte Forschungsarbeit, dürfte nicht zuletzt in diesen Gefühlen und dem Wunsch, auf diese Weise indirekt etwas zurückzugeben, gründen.

Während der Begegnungen mit indonesischen Frauen in der Schweiz und bei der Analyse des Gesprächsmaterials konnte ich mich auf meine Erfahrungen und das erarbeitete Wissen aus dem Forschungsprojekt in Sumatra stützen. Dies erlaubte es mir beispielsweise, in den Narrativen meiner Gesprächspartnerinnen Elemente zu identifizieren, die einem indonesischen Diskurs über die Ehe, über angemessenes moralisches Verhalten oder über Geschlechterrollen entstammen. Auch wenn es falsch wäre, den indonesischen Nationalstaat als einen homogenen Herkunftsort zu behandeln, so kursieren in diesem Staat dennoch hegemoniale Diskurse, die seit der Unabhängigkeit über die zentralistische Politik der indonesischen Regierung (Medien, geförderte Binnenmigration), zuvor über präkoloniale und koloniale Handelswege oder religiöse Vermittler, Verbreitung gefunden und Wirkungsmacht entfaltet haben. Der Islam verdrängte erst ab dem 15. Jahrhundert in weiten Teilen Indonesiens den Buddhismus und den Hinduismus. Ab dem 16. Jahrhundert begann im Zuge der portugiesischen Kolonialherrschaft die christliche Missionierung. Bis heute ist jedoch der Islam die nominelle Religion einer großen Bevölkerungsmehrheit Indonesiens. So gesehen kann man - wenn auch mit Vorsicht - von gemeinsamen kulturellen Wurzeln oder geteilten Traditionen sprechen Diese treten in den Gesprächen situationsbedingt mehr oder weniger hervor. Mein primäres Erkenntnisinteresse gilt aber in der vorliegenden Arbeit ohnehin nicht dem Herkunftsland Indonesien, sondern vielmehr der Migrationserfahrung und der subjektiven Bedeutung von Orten. Kontextinformationen habe ich in den Fallanalysen jeweils da eingeflochten, wo es mir für die Begründung meiner Schlussfolgerungen notwendig erschien.

Meine Gesprächspartnerinnen in der Schweiz waren darüber informiert, dass ich knapp zwei Jahre in Indonesien geforscht und gelebt hatte, und sie nahmen zuweilen Bezug auf mein kulturelles Kontextwissen. So zum Beispiel Yati, die mit ihrer Familie in einem abgelegenen alpinen Tal lebt. In Erinnerung daran, wie gerne die meisten Indonesier/innen es gesellig und munter (ramai) haben, fragte ich an passender Stelle in unserem ersten Gespräch :
A: Sie fühlen sich hier nicht alleine, einsam oder so?

Y: Doch, doch! (lacht) Ja, aber - ich muss auch manchmal nach W. (größerer Ort, etwa eine dreiviertel Stunde Reisezeit entfernt) weil dort hat (es ein) indonesisches Restaurant und dort gibt es viele indonesische Frauen, die auch mit einem Schweizer Mann verheiratet sind, und dann -
A: Die treffen sich dort.
Y: Ja, so - - - für mich ist einfach, weil mein Mann ist sehr gut (lacht). Er ist sehr lieb.
A: Er hilft Ihnen, dass Sie hier gut leben können.
Y: Ja, und dann mit den Kindern auch. Ich habe in Indonesien nie gearbeitet als Hausfrau, ja nur weil, Sie wissen so, wenn die Kinder müssen nur in die Schule gehen, sie (müssen) nicht arbeiten. Er hat mich auch sehr gut, - - he teaches me very well how to do Haushalt.

Dieses Wissen - "weil, Sie wissen so" - , welches Yati mir unterstellte, erschien mir aber plötzlich nicht länger gesichert. Zwar weiß ich, dass indonesische Eltern gewöhnlich bereit sind, für die Ausbildung ihrer Kinder sehr viel auf sich zu nehmen. Und ich habe auch von anderen indonesischen Frauen gehört, dass sie das Haushalten in der Schweiz erst lernen mussten. Ich fragte mich aber doch, ob in Indonesien, wo die Mehrheit aller Schüler/innen aus armen Familien stammt, diese von jeglicher Verpflichtung im Haushalt mitzuhelfen, befreit sind. Wohl kaum. Yati sprach mich hier also als Mittelschichts-Angehörige an. Überdies sprach sie als Jüngste von drei Geschwistern und ich werde in der Fallbeschreibung zeigen können, wie diese Geschwisterposition mit Yatis fehlender Erfahrung im Haushalt zusammenhängt. Abgestützt auf mein Kontextwissen, auf eigene Erfahrung sowie einschlägige Literatur gelangte ich zu folgender Paraphrasierung von Yatis Aussage: "Sie wissen doch wie ein durchschnittlicher Mittelstands-Haushalt in Indonesien aussieht. Wir haben keine Wasch- und Abwaschmaschinen, keine Staubsauger, keine elektrischen Herde und Backöfen, nicht annähernd so viele verschiedene Arten von Pfannen und Töpfen und Putzmitteln. Wir haben keine Fensterscheiben zu putzen und keine weißen Fliesen sauber zu halten. Dies alles musste mir mein Mann erst beibringen".

Zur Ausgangslage gehörte also mein vorbestehendes Wissen über Indonesien. Der Status dieses Wissens musste jedoch mehrfach relativiert werden. Ganananth Obeyesekere äußert sich hierzu treffend:

"While the grosser forms of ethnocentrism rarely prevail among anthropologists, I do think that the distinction they make regarding the uniqueness of Western man in opposition to the rest of mankind is the continuation of the same tradition and, one might add, the same arrogance. Indeed one cannot undertake to study the other culture without such arrogance, for it defies ordinary common sense that a young person with imperfect language skills could go into the field and study another culture to present the native's point of view during the period of a year or, at most, two. The defiance of common sense and this arrogance, to which all of us nowadays subscribe, have paid high dividends in our discipline" (Obeyesekere 1990: 218).

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