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Die großen Schlachten


Die großen Schlachten

Mythen, Menschen, Schicksale
1. Aufl.

von: Jan N. Lorenzen, Hagen Schölzel

14,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 18.09.2006
ISBN/EAN: 9783593402529
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 214

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Geschichte wird oft verbunden mit historischen Schlachten: Schlachten, die zu historischen Umbrüchen führten und sich tief in das Bewusstsein eingegraben haben. Doch entspricht das auch den Fakten? Und wie haben seinerzeit die einfachen Menschen Wendepunkte der Geschichte erlebt?
Der Historiker Jan N. Lorenzen beschreibt die erste Belagerung Wiens 1529, die Schlacht von Magdeburg 1631, die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und die Schlacht von Sedan 1870. Er folgt dem Blick der einfachen Menschen, die oft als anonyme Spielfiguren der Weltgeschichte starben. Aus Tagebüchern und Memoiren wird Geschichte rekonstruiert – emotional, oft tragisch. Das ermöglicht einen neuen Blick auf Wegmarken der Geschichte, gesellschaftliche Hintergründe und politische Folgen. Deutlich wird dabei: Geschichte wurde immer auch symbolisch verstanden und bis heute mit einer Bedeutung aufgeladen, die nicht immer den Tatsachen entspricht.
Inhalt



Einleitung 7

1529 - Die Belagerung Wiens 17

1631 - Die Zerstörung Magdeburgs 55

1813 - Die Völkerschlacht bei Leipzig 101

1870 - Sedan ohne Legende 141

Anmerkungen 185

Literatur 199

Ortsregister 207

Namens- und Sachregister209

Dank 213
Was lehrt die Geschichte?
Jan N. Lorenzen studierte Geschichte in Hamburg und Berlin. Von 1994 bis 2000 war er als Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk im Bereich Zeitgeschichte tätig. Seit 2001 arbeitet er als freier Autor und Regisseur. Für die Dokumentation Roter Stern über Deutschland erhielt er 2002 den Grimme-Preis.
"Möchte der allerhöchste Weltregierer nie wollen, dass die Menschheit dergleichen Angst- und Schreckensszenen wieder erlebe, als die guten Bewohner Leipzigs im Jahre 1813", hoffte Johann Daniel Ahlemann, der Totengräber des Leipziger Johannisfriedhofs.1 Für drei Tage war Leipzig, eine Stadt mit damals rund 33000 Einwohnern, zum Zentrum einer Schlacht ungeahnten Ausmaßes geworden. Die Leipziger Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813 war mit über einer halben Million beteiligter Soldaten die bis dahin größte Schlacht aller Zeiten. Der französischen Armee unter Napoleon Bonaparte standen die verbündeten Armeen Österreichs, Preußens, Russlands und Schwedens gegenüber. Am Ende der Kämpfe wurde Napoleon in die Flucht geschlagen.
Unvorstellbar war die Zahl der Opfer: Die Verbündeten zählten 54000 Tote, die französische Armee hatte 37000 Todesopfer zu beklagen. Sie alle mussten in Leipzig zumeist notdürftig in Massengräbern bestattet werden, um das Ausbrechen von Seuchen zu verhindern. Chirurgen arbeiteten noch Tage nach der Schlacht im Akkord, um der vielen Verletzten Herr zu werden. Kirchen wurden notdürftig zu Lazaretten umfunktioniert. Für Leipzig wurde die Völkerschlacht zum gravierendsten Einschnitt der Stadtgeschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg und für viele Bewohner zur prägendsten Zäsur ihres Lebens.



Der Völkerschlacht-Mythos

Inwieweit die Leipziger Schlacht als politischer Wendepunkt angesehen werden kann, ob ihr überhaupt entscheidende Bedeutung zuzumessen ist - dies ist abhängig davon, aus welcher Perspektive man auf dieses Ereignis schaut. In Frankreich zum Beispiel ist die Völkerschlacht fast unbekannt. In den meisten Napoleon-Biografien wird sie gar nicht oder nur am Rande erwähnt. Als Anfang von Napoleons Niedergang wird der Russlandfeldzug der "Grande Armée" angesehen. Als diese 1812 in Moskau einmarschierte, brannte die Stadt wie eine Fackel und hatte den einrückenden, dringend Quartier verlangenden französischen Soldaten nichts mehr zu bieten als niedergebrannte Häuser. Napoleon gab damals niedergeschlagen zu Protokoll: "Das ist das Vorzeichen großen Unglücks."2 Der anschließende, zudem verspätet begonnene Rückzug aus Russland besiegelte die Tragödie: Beim Übergang der französischen Armee über den zugefrorenen Fluss Beresina sprengten russische Granaten das Eis auf. Viele Soldaten ertranken mit ihrer gesamten Ausrüstung im kalten Wasser. Die französische Armee war geschlagen - wenn auch nicht in einer Schlacht.
Als absoluter Endpunkt von Bonapartes Karriere gilt die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815, die über Napoleons Niederlage hinaus zum Synonym für die Niederlage schlechthin wurde. Zwischen diesen beiden Ereignissen, dem Rückzug aus Russland und der Niederlage bei Waterloo, gab es noch eine ganze Reihe weiterer Schlachten. Einige von ihnen konnte Napoleon sogar gewinnen. Nach zwischenzeitlicher Abdankung und der Verbannung auf die Insel Elba war es ihm sogar gelungen, Frankreich wie im Triumphzug zu erobern, hinter sich zu vereinen und die Alliierten ein weiteres Mal herauszufordern. Was für eine Bedeutung sollte da, aus französischer Perspektive, die Schlacht bei Leipzig haben, selbst wenn es sich objektiv gesehen um die größte Schlacht handelte, die die Welt je gesehen hatte? Schon Napoleon war unmittelbar nach der Schlacht darum bemüht, die Schwere der Niederlage zu vertuschen. Liest man als einzige Quelle das Bulletin der französischen Armee, dann gewinnt man den Eindruck, es habe sich bei der auf die Schlacht folgenden, verlustreichen Flucht der französischen Armee um eine Art siegreichen Abzug gehandelt.3 Die französische Sicht auf die Völkerschlacht ist also ein Versuch, die Bedeutung des Ereignisses weitestgehend zu negieren. Einen legendenhaften Status hat die Völkerschlacht in Frankreich insofern nicht entwickeln können - doch ihre Nichtbeachtung dient dazu, den Mythos Napoleons unbeschädigt zu lassen.
In Deutschland jedoch ist diese Schlacht zum entscheidenden Markstein der napoleonischen Kriege geworden. Dies lässt sich nicht aus dem militärischen Verlauf allein erklären. Es hängt vor allem mit der Wirkung zusammen, die diese Schlacht nach innen, auf das deutsche Nationalbewusstsein hatte. Der Sieg bei Leipzig 1813 beendete, was als Fremdherrschaft Napoleons auf deutschem Boden empfunden worden war. Und es schien ein Anfang gemacht, die deutsche Kleinstaaterei zu überwinden.
Der Name für diese Schlacht im Rahmen der so genannten Befreiungskriege war schnell gefunden: Völkerschlacht. Der preußische Offizier Karl Friedrich von Müffling prägte ihn. Er hatte dabei wohl noch an den alten Begriff des Kriegsvolks gedacht. Völker waren in dieser Diktion die Truppen absolutistischer Herrscher, die vom Willen der Kabinette abhingen. Die Zeitgenossen bezogen den Begriff aber eher auf die europäischen Nationen, die den Befreiungskampf gegen Napoleon aufgenommen hatten, und auf das deutsche Volk, das endlich "aufgestanden" war und zumindest für den Moment "geeint" schien. In dieser Bedeutung wurde der Tag des Sieges, der 18. Oktober 1813, zu einem symbolischen Datum, das im Gedenkkalender der Deutschen bis weit ins 20. Jahrhundert einen festen Platz hatte4 - und einige der Personen, die an dieser Deutung der Völkerschlacht maßgeblichen Anteil hatten, wie der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt, der Dichter Theodor Körner und der "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn, haben bis heute ihren festen Platz in deutschen Geschichtsbüchern als Vorkämpfer der deutschen Einheit.

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